Speedrennen
Fast jeder Dritte fällt während der Saison durch Verletzungen aus

Fünf Wochen nach dem Prolog in Sölden gehts mit dem alpinen Skiweltcup definitiv los. Das Spiel mit dem Risiko fasziniert, auch wenn während einer Saison jeder Dritte durch Verletzungen ausfällt.

Richard Hegglin
Merken
Drucken
Teilen
Didier Cuche, die Schweizer Allzweckwaffe gegen die österreichische Übermacht. Frank Gunn/Keystone

Didier Cuche, die Schweizer Allzweckwaffe gegen die österreichische Übermacht. Frank Gunn/Keystone

Im kanadischen Lake Louise lancieren die Männer mit einer Abfahrt und einem Super-G die Formel 1 des Wintersports, in Aspen (USA) bestreiten die Frauen einen Slalom und einen Riesenslalom.

Zum ersten Mal erfolgen der Abschluss der Formel 1 und der effektive Start zum Jahreswettbewerb der Skisportler am gleichen Wochenende. Nicht zu Unrecht gelten die Auto- und die Skirennfahrer als Blutsbrüder. Auch auf Schnee, der mittlerweile fast überall auf technische Art hergestellt wird, faszinieren der Kitzel mit der Geschwindigkeit und das Spiel mit dem Risiko.

Während in der Formel 1 mit rigorosen Sicherheitsvorkehrungen die Unfallgefahr stark reduziert werden konnte, hat im Skisport die Verletzungsquote dramatisch zugenommen. Fast ein Drittel der Rennfahrer fällt während einer Saison durch Verletzungen aus. Die von der FIS eingeleiteten Massnahmen entfachten einen riesigen Wirbel. Ted Ligety, der erste Sieger des Winters in Sölden, bezichtigte den Weltverband jüngst wieder der «Tyrannei»: «Die FIS strebt unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit nach absoluter Kontrolle.»

Stürze haben verheerende Folgen

Der Riesenslalom-Weltmeister und neunfache Weltcupsieger kämpft wie ein Löwe um seinen «Ferrari», dem im nächsten Winter durch technische Veränderungen (längere Ski, weniger Taillierung) die Flügel gestutzt werden sollen. Längst sind die Arbeitsgeräte der Skistars hochgezüchtete Hightech-Renner, die jenen in der Formel 1 kaum nachstehen. Nur ist der Skirennfahrer weder durch Chassis noch Überrollbügel geschützt. Jeder Sturz kann verheerende Folgen haben.

Das beste Beispiel ist WeltcupGesamtsieger Ivica Kostelic, der zu Beginn seiner Karriere viermal das Kreuzband riss und auch jetzt regelmässig wegen unterschiedlichster Beschwerden (meist Rückenprobleme) pausieren muss. So liess er die WM 2009 komplett und die WM 2011 teilweise aus, um sich ganz auf den Weltcup zu konzentrieren. «Denn», so Kostelic, «der Weltcup ist das Grösste, was ein Skirennfahrer gewinnen kann – der schönste Preis.»

Seine Taktik ging voll auf: In den 14 Rennen im Monat Januar holte er 999 Punkte (sieben Siege) und hätte die grosse Kristallkugel auch gewonnen, wenn er den Rest des Winters pausiert hätte. Der zweitklassierte Didier Cuche kam auf 956 – in der ganzen Saison! Und noch ein Quervergleich: Der Allrounder Kostelic, von seinem Vater zuweilen «Pik-Ass» genannt, verdankte den Gesamtsieg in erster Linie seinen Slalom-Qualitäten: Über zwei Drittel der Punkte holte er in dieser Disziplin sowie in den Kombinationen.

Heikler PR-Spagat

Die Ausgangslage in diesem Winter ist weitgehend gleich – mit dem einen Unterschied, dass sich alles nur um den Weltcup dreht. Wie zuletzt 2008 figurieren keine Titelkämpfe, sondern nur Weltcuprennen im Kalender, insgesamt 45 Wertungen (41 bei den Frauen) an 23 verschiedenen Orten, was einen neuen Rekord darstellt. Neu dazugekommen ist Sotschi, der russische Olympia-Ort von 2014. Erstmals seit über 10 Jahren ist Crans-Montana wieder mit einem Männer-Event dabei, neben den klassischen Schweizer Austragungsorten Adelboden und Wengen (Männer) sowie St. Moritz (Frauen).

Dazu steht mit Moskau neben München ein zweiter City-Event mit fragwürdigem sportlichem Wert im Kalender – ein heikler PR-Spagat. Bei einem solchen Rennen legte Kostelic im letzten Winter die Basis zu seiner Siegesserie. Der Kroate, der als erster Fischer-Pilot den Gesamtsieg holte, kämpft gegen die übermächtigen Rennställe von Head (mit Cuche und Svindal) und Atomic (Janka und Raich) sowie Silvan Zurbriggen als aussichtsreichstem Rossignol-Vertreter. Bei den Frauen dürften die Head-Pilotinnen Lindsey Vonn und Maria Riesch wie immer in den letzten vier Jahren den Sieg unter sich ausmachen.

Die Ski-Cracks trainieren immer noch in nationalen Gebilden, aber materialmässig sind sie weitgehend von ihren Ausrüstern abhängig – wie in der Formel 1. Doch im Gegensatz zur Formel 1 läuft beim Publikum die Wahrnehmung nach wie vor über die Nationalität, nicht zuletzt wegen der Erzrivalität Österreich - Schweiz. Auch diesen Winter sind die Österreicher unerreichbar, auch wenn Michael Wider, der stellvertretende CEO von Swiss-Ski-Sponsor Alpiq, Cuche, Janka, Gisin, Gut und Co. mit Galgenhumor empfahl: «Wenn ihr so schnell runterfahrt, wie unser Börsenkurs abstürzt, steht ihr vor einer erfreulichen Saison...»