Ganz lose waren im vergangenen Winter die Meldungen durchgesickert von einer Tschechin, die zu den allerbesten Snowboarderinnen gehört, die aber auch bei den Alpinen Fuss zu fassen versucht. Mit Platz 7 in der zweiten Weltcup-Abfahrt in Lake Louise im vorletzten Dezember hatte Ester Ledecka den Beweis erbracht, dass es mit Begabung, eisernem Willen und dem nötigen Organisationstalent möglich ist, doppelspurig zu fahren.

Und dann kamen die Olympischen Spiele in Pyeongchang - und der grosse Wurf mit dem Gold-Double im Parallel-Riesenslalom als Snowboarderin und im Super-G als Alpine, dank dem Ester Ledecka plötzlich in aller Munde war und nach dem sie ihren Platz in den Geschichtsbüchern auf sicher hatte. Mit einem Schlag war sie in den Bund der prägenden Figuren der Spiele in Südkorea aufgestiegen.

Die Gleiche

Und jetzt? Ein Jahr später? Ester Ledecka überrascht erneut, diesmal abseits der Piste. Nein, geändert habe sich für sie als Sportlerin nicht allzu viel. "Ich bin immer noch die Gleiche und bin immer noch mit dem gleichen Team von fünf Leuten unterwegs", sagt sie im Zielraum in Are nach dem ersten Training für die WM-Abfahrt, in dem sie schon im oberen Teil der Strecke gestürzt war. Bescheidenheit in Ehren, aber so ganz ohne Veränderungen sind die vergangenen zwölf Monate nicht geblieben.

Da wäre die vor kurzem besiegelte Partnerschaft mit Red Bull, die ihr nicht nur finanziell Flügel verleiht, sondern auch optimale Betreuung im sportlichen und wissenschaftlichen Bereich gewährleistet. Es war ein Wechsel vom roten zum blau-silbernen Helm, vom einen Kult-Getränk zum anderen. Zuvor hatte die Tschechin den Schriftzug von Coca Cola auf Helm und Mütze getragen. Da wäre auch die markant gestiegene Popularität im eigenen Land. Kurz vor Weihnachten wurde Ester Ledecka mit überwältigender Mehrheit zu Tschechiens Sportlerin des Jahres gewählt.

Der Streit

Unbeeindruckt vom Hype um Ester Ledecka waren ausgerechnet die Verantwortlichen des tschechischen Skiverbandes. Mit ihnen lag sie bis in den Spätherbst hinein im Streit. Hintergrund war die verweigerte Unterzeichnung eines Fördervertrages. Die Vermarktungsagentur Sport Invest bemängelte, dass einige Passagen im Kontrakt nicht im Sinne ihrer Klientin abgefasst waren. Natürlich ging es dabei primär um finanzielle Belange. Im Zuge des sich hinziehenden Zwists hatte Ester Ledecka Überlegungen über einen möglichen Nationenwechsel angestellt. Nach der Ende Oktober zustande gekommenen Einigung verwarf sie entsprechende Gedanken wieder.

Die Kämpferin Ester Ledecka hatte sich also ein weiteres Mal durchgesetzt. Durchhaltewillen und Kampfgeist hatte sie auch schon auf anderer Ebene bewiesen - in einer Zeit, in der ihre Karriere auf der Kippe stand. An den Olympischen Spielen vor fünf Jahren in Sotschi war sie als Snowboarderin trotz grosser Rückenbeschwerden gestartet. Einen Monat später kam es noch schlimmer. Genauere Untersuchungen förderten einen schweren Bandscheibenvorfall zutage. Ärzte und Physiotherapeuten bezifferten die Heilungschancen auf 50 Prozent und rieten ihr deshalb zum Rücktritt. Doch die Tschechin schlug die Diagnose in den Wind und kämpfte sich zurück - unter anderem dank Rehabilitationsübungen, die täglich mehrere Stunden in Anspruch nahmen.

Der Entscheid

Ester Ledecka wäre nach dem doppelten Einsatz bei den Olympischen Spielen auch in die diesem Winter an den Saisonhöhepunkten zweigleisig gefahren. Die praktisch identischen Termine der Alpin- und der Snowboard-Weltmeisterschaften liessen dies aber nicht zu. Dass sie sich für Are und gegen Park City entschieden hat, überrascht. Die Chance auf einen Medaillengewinn bei den Snowboardern wäre nach menschlichem Ermessen wesentlich grösser gewesen.

Einen Grund für ihren Entschluss kann sie nicht nennen. "Ich weiss es nicht. Es ist aus meinem Innersten gekommen. Aber ich bin überzeugt, richtig entschieden zu haben", sagte sie noch immer im Zielraum der Abfahrtspiste. Am Tag, an dem sie in den USA als Titelverteidigerin zum Parallel-Riesenslalom hätte antreten können.