«Es sind Fehler passiert, das ist unbestritten»

Das waren noch Zeiten: Patrice Morisod (l.) mit Didier Cuche nach dessen Abfahrtssieg in Kitzbühel 2008.KEY

Das waren noch Zeiten: Patrice Morisod (l.) mit Didier Cuche nach dessen Abfahrtssieg in Kitzbühel 2008.KEY

Ski alpin Trainer Patrice Morisod feiert als Schweizer bei den Franzosen Erfolge – und kritisiert den Schweizer Verband

Patrice Morisod ist der «Macher» von Didier Cuche und Didier Défago. 2009 wechselte er nach Frankreich. Als Prophet im eigenen Land überhörte man ihn in der Schweiz, umso gefragter ist jetzt seine «Aussensicht». Cuche sagte einmal: «Morisods Wert erkennt man erst, wenn er nicht mehr da ist.»

Patrice Morisod, Ihr ehemaliges Team steckt in einer Krise. Frankreich hat mit Ihnen als Abfahrtschef die Schweizer überholt – eine paradoxe Situation?

Patrice Morisod: Wenn man nicht in einer Mannschaft «lebt», ist es schwierig, von aussen eine Analyse zu treffen.

Aber Sie haben immer noch gute Verbindungen in die Schweiz.

Es sind Fehler passiert, das ist unbestritten. Aber man muss differenzieren. Nach einer Verletzung hat selten einer eine starke Saison. Auch Didier Cuche brauchte nach seinem Kreuzbandriss 18 Monate, bis er wieder in Form war. Unter diesem Aspekt ist das Niveau von Patrick Küng sogar erstaunlich hoch.

Sie sprachen von Fehlern?

Wenn man in der Schweiz mit so kleinen Gruppen trainiert, und in der einen fehlt nun Didier Cuche und in der andern Beat Feuz, gibt es keine Anhaltspunkte mehr. Das führt zu einer Nivellierung nach unten. Gegen so kleine Gruppen habe ich früher angekämpft.

Wie ist das in Frankreich?

Als ich 2009 in Frankreich anfing, hatten wir fünf Startplätze in der Abfahrt, jetzt zwölf. Aber die Arbeit war riesig. Um eine gute Mannschaft zu formen, braucht es so viele Fahrer. Um Adrien Théaux und Johan Clarey habe ich die Gruppe sukzessive erweitert, obwohl nicht alle das gleiche Niveau besitzen. Es entsteht eine Dynamik.

Auch die Norweger trainieren in kleinen Gruppen.

Aber sie trainieren selten allein. Im Speedbereich sind sie oft mit den Kanadiern oder andern Teams zusammen. Solche Vergleiche sind wichtig. Diesbezüglich war Cuche perfekt. Der hat in jedem Training 100% gegeben.

Sind die Schweizer in eine Art Isolation geraten?

Sie müssten sich mehr mit andern Mannschaften mischen. Gemeinsame Trainings sind aufschlussreich. Es war schon in der Saisonvorbereitung in Ushuaia (Arg, d. Red.) offensichtlich, dass sie nicht top sind. Und auch in Nakiska (Kan) vor Saisonbeginn, als wir mit ihnen trainierten, waren sie hinten. Im Training ist man zwar nie sicher, aber wenn gleich vier oder fünf Sekunden hinten liegen, ist das ein Anhaltspunkt.

Ist das eine indirekte Kritik an den Schweizer Trainern?

Nein, die Schweizer Trainer sind gut und kompetent. Das kann ich beurteilen, weil ich lange mit ihnen zusammengearbeitet habe. Roland Platzer zum Beispiel, der Trainer der Speed-Gruppe, der von einzelnen Medien kritisiert wird, ist ein Supertrainer. Falls er gehen müsste, würde ich ihn sofort in Frankreich unter Vertrag nehmen.

Wo müsste man Gegensteuer geben?

Während einer laufenden Saison kann man nicht viel ändern. Dass ein Didier Cuche sich bereit erklärt hat, mit den Jungen zu arbeiten, ist sensationell. Er kann ihnen im Europacup enorm viel bringen. Vielleicht hat es sich beim Dreifach-Sieg in Wengen schon ausbezahlt. Im Weltcup würde Cuche dagegen nur Unruhe erzeugen.

Was beurteilen Sie Carlo Janka?

Es ist unmöglich, von aussen ein Urteil abzugeben. Er steht nicht mehr so auf den Ski wie früher, wirkt auch nicht mehr so kräftig. Ob das einen Zusammenhang mit seinen Virus- und Rückenproblemen hat, kann ich nicht beurteilen. Ein Brüggli-S fährt er immer noch grossartig. Er wird von einem Tag auf den andern wieder top sein, spätestens nächstes Jahr.

Ist den neuen Materialvorschriften zu wenig Rechnung getragen worden?

Wir hatten das Glück, dass vor drei Jahren Rossignol sechs unserer Fahrer entliess, darunter auch Théaux und Clarey, unsere beiden besten. Die Anpassung an neues Material ist eine aufwendige Arbeit. Jene Erfahrung hat uns jetzt sehr geholfen, wo alle Fahrer wiederum die Ski wechseln mussten. Wir haben tagelang getestet und über 200 Paar Ski weggeschmissen. Ich bezweifle, dass in der Schweiz mit so wenigen Leuten in den einzelnen Gruppen effiziente Tests möglich waren.

Einige Leute wünschten sich Ihre Rückkehr. Haben Sie schon ein Angebot erhalten?

Nein.

Und wenn Sie eines bekämen?

Ich habe in Frankreich einen Vertrag bis 2014. Und ich fühle mich brutal wohl und richte mich auf eine langfristige Tätigkeit in Frankreich ein.

Aber?

Aber wenn du Schweizer bist und von Swiss Ski ein Angebot bekommst, musst du dir das überlegen. Ich liesse mir reden.

Und sie hätten Ihre Vorstellungen.

Gewisse Dinge müssten zwingend geändert werden. Wenn man einen Chef Leistungssport nie sieht, wenn es so schlecht läuft wie im Moment, kann etwas nicht stimmen. Dierk Beisel müsste präsent sein. Ich machte ja 2005 auch eine Krise bei Swiss Ski mit. Der damalige Chef Leistungssport Gian Gilli hat uns damals den Rücken gestärkt. Ein starker Chef wäre eine Voraussetzung für eine Rückkehr. Damit ziele ich nicht auf Osi Inglin, das ist ein starker Chef. Es geht um eine Etage weiter oben.

Nach dem WM-Triumph von Didier Cuche 2009 verliessen Sie überraschend Swiss Ski – mit gewissen Nebengeräuschen.

Es ging nicht um Geld, sondern um die Wertschätzung. Man offerierte mir einen Einjahresvertrag mit dreimonatiger Kündigungsfrist. Ausländische Trainer in der Schweiz wurden anders behandelt als ich. Obwohl man mir letztlich 1000 Franken mehr bot, bin ich gegangen. Übrigens zum gleichen Lohn, den ich zuvor in der Schweiz hatte. So habe ich insgesamt über 80 000 Euro verloren, weil ich einen Vertrag zu einem Euro-Kurs von 1.57 Franken abschloss ...

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