Ski-WM
Erlöst Abfahrer Didier Cuche die Schweiz vom Medaillenfluch?

Heute steht an der Ski-WM mit der Abfahrt der Männer die Königsdisziplin auf dem Programm. Dabei soll Didier Cuche endlich für die erste Schweizer Medaille sorgen.

Werner Eisenring
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Wer sich an den letzten beiden Abfahrten im Weltcup orientiert, kann für das heutige Rennen nur einen Favoriten sehen: Didier Cuche. Der Neuenburger bewegte sich in den letzten Wochen nahe an der Perfektion, er deklassierte die Konkurrenz fast nach Belieben. 98 Hundertstel betrug sein Vorsprung auf den Zweitplatzierten in Kitzbühel, 67 Hundertstel lag er in Chamonix vorne. Doch an einer WM zählen vergangene Meriten bekanntlich nicht.

Die uneingeschränkte Rolle des Favoriten gehörte noch am Donnerstag dem Südtiroler Christof Innerhofer, der sich auf dem Schüttelbecher Kandahar wohl fühlt wie kein anderer und, nach seiner Goldmedaille im Super-G, den zweiten Titel anvisiert. Innerhofer wäre der erste italienische Abfahrts-Weltmeister seit Zeno Colo vor 59 Jahren.

Erweiterter Favoritenkreis

Inzwischen aber weichten die gestiegenen Temperaturen die «Eisbahn» markant auf, und das veränderte auch die Ausgangslage. Der Walliser Abfahrts-Olympiasieger Didier Défago, der noch bis morgen als Zuschauer in Garmisch weilt und nach seinem im September erlittenen Kreuzbandriss bereits wieder erste Konditionseinheiten hinter sich hat, sieht es so: «Am Donnerstag hatte ich einzig das Trio mit Cuche, Innerhofer und Bode Miller auf meiner Liste. Aber durch den Wärmeeinbruch hat sich der Kreis der möglichen Sieger vergrössert. Nun sind zusätzlich auch die Österreicher Michael Walchhofer und Klaus Kröll, Aksel Lund Svindal und vielleicht sogar der Franzose Adrien Théaux zu beachten.»

Théaux realisierte gestern im Training die Bestzeit, wobei er rund sechs Zehntel über der Vortages-Bestmarke von Innerhofer lag. Didier Cuche folgte als Zweiter mit sieben Hundertsteln Rückstand. Bezüglich des Wetters macht er sich keine Sorgen: «Ich habe schon oft bewiesen, dass ich sowohl bei harten als auch bei weichen Verhältnissen schnell sein kann.» Im Super-G verpasste Cuche die Medaille als Vierter nur knapp. Nun folgt aber die Abfahrt, in welcher sich der 36-Jährige in diesem Winter deutlich stärker fühlt. Dreimal war Cuche schon Disziplinensieger in der Abfahrt, der erste Titel in dieser Disziplin an einem Grossanlass wäre überfällig.

Training im Slalom-Anzug

Silvan Zurbriggen, der Abfahrtssieger von Val Gardena, machte eine wesentlich zufriedenere Miene als noch am Donnerstag. «Dank der besseren Sicht konnte man die Schläge diesmal sehen, das hat sich ausgewirkt», meinte der Walliser nach seinem 10. Trainingsrang. Zurbriggen klassierte sich unmittelbar hinter Beat Feuz, dem WM-Neuling aus Schangnau, der mit einem Slalom-Anzug trainierte. «Gestern wars kein Vergnügen, aber inzwischen präsentiert sich die Kandahar wie eine wirkliche Abfahrt», meinte der Berner. Einzig Ambrosi Hoffmann, der vierte Schweizer Starter, tat sich auch im zweiten Training schwer. «Ich muss noch über die Bücher», erklärte der Davoser nach seinem 36. Trainingsrang.

Die Schweizer warten inzwischen schon recht lange auf den nächsten Weltmeister in jener Disziplin, die in den Alpen-Nationen etwas mehr zählt als alles andere. 11 WM-Titel gingen bisher in die Schweiz, aber 14 Jahre ist es nun her, seit Bruno Kernen den bisher letzten errang. 1997 gewann er in Sestriere Gold. Vor zwei Jahren in Val d’Isère holten sich Cuche und Carlo Janka Silber und Bronze, geschlagen vom kanadischen Aussenseiter John Kucera, der völlig überraschend auftrumpfte. Damals waren die Fachleute überzeugt, dass nur ein ganz grosser Name für den Sieg infrage kommen würde. Sie irrten.

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