50-Jahre-Jubiläum

Engadin Skimarathon: Eine Lebensader für ein ganzes Tal

Im Stakkato dem Ziel in S-chanf entgegen.

Im Stakkato dem Ziel in S-chanf entgegen.

Es gibt einen Frauenlauf, einen Halbmarathon, einen Nachtlauf mit Stirnlampen, bei dem Fackeln und Kerzen die Loipen in schummriges Licht tauchen. Es gibt den Jugendsprint, ja sogar einen Gottesdienst. Doch unbestrittener Höhepunkt der Langlauf-Festwoche ist der Engadin Skimarathon, der von Maloja nach S-chanf führt.

14 200 Teilnehmer – und damit so viele wie nie zuvor – stehen am Start der Jubiläumsausgabe, die nur dank eines kleinen Kunstgriffes eine ist, denn 1991 konnte die grösste Langlaufveranstaltung der Schweiz, die zweitgrösste der Welt, wegen eines Wärmeeinbruchs nicht stattfinden. Doch das tut dem Mythos keinen Abbruch, ganz im Gegenteil: Nie war die Faszination grösser.

Wer am Sonntag die 42 Kilometer auf Ski durch das Oberengadin läuft, muss sich zuweilen fühlen, als gleite er durch eine Postkarte. Die Strecke führt über den zugefrorenen Silsersee, den Silvaplanersee, den Lej da Champfèr und den St. Moritzersee, umrahmt von Arven- und Lärchenwäldern, über denen steile Bergflanken und schroffe Schneegipfel thronen, flankiert von den Pässen: Bernina, Maloja, Julier und Albula. Der Engadiner ist mehr als eine Sportveranstaltung. Im Vorjahr standen Teilnehmer aus 64 Nationen am Start: aus Ländern wie Kasachstan, der Mongolei, aus Peru, Simbabwe, Grönland, Brasilien oder Tansania. Abervor allem aus Deutschland, Russland und den USA. Für den Tourismus wichtige Länder.

Sie werden Zeugen einer logistischen und organisatorischen Meisterleistung. Fast alle reisen mit den 64 Extrabussen und 154 Sonderzügen an. Die Rhätische Bahn errichtet neben dem Zielgelände in S-chanf eine provisorische Haltestelle. Der Skimarathon ist eine erstklassige Visitenkarte. Und es ist bemerkenswert, mit welcher Umsicht die Organisatoren den Engadiner, der einem aus elf Skiklubs bestehenden Verein gehört, durchführen. Bis 2016 orchestrierte ein ehrenamtliches OK den Anlass. Doch die Macher und Skiklubs überwarfen sich und der Vorstand trat zurück. Seither zeichnet mit Menduri Kasper ein vollamtlicher Geschäftsführer für den Event verantwortlich.

Ohne Freiwillige geht nichts

Doch ohne die 1500 Voluntari, die freiwilligen Helfer, wäre der Skimarathon nicht durchführbar. Er operiert mit einem Budget von 2,8 Millionen Franken – die Hälfte wird durch Startgelder gedeckt, die andere durch Sponsoring. Der Engadiner ist heute auch ein Symbol des Zusammenhalts – ob gewollt oder nicht. Er hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einer Lebensader entwickelt, von der die Region stark profitiert.

Im Vorjahr löste er eine Wertschöpfung von 15 Millionen Franken aus, davon 6  Millionen im Engadin, wie eine Studie der Hochschule für Wirtschaft Luzern und der Beratungsfirma Rütter Socecco zeigt. So werden beispielsweise 34 000 Übernachtungen vom Engadiner ausgelöst.

Doch wichtiger ist diese Erkenntnis: Wer einmal den Lauf durch die Postkartenidylle absolviert hat, kommt meist wieder. Mehr als die Hälfte aller Teilnehmer stand schon mehr als fünf Mal am Start. Wer auf 40 Teilnahmen kommt, darf sich Giubiler (Romanisch für Jubilar) nennen. 13 von ihnen haben keinen einzigen Engadin Skimarathon verpasst, davon mit der gebürtigen Französin Françoise Stahel eine Frau. Nur sieben dieser Langlauflegenden stammen aus dem Kanton Graubünden. Doch so viel Geschichte stiftet Verbundenheit. Für die Tourismusregion pures Gold. Auch darum ziehen beim Engadin Skimarathon alle im Tal am gleichen Strick. Denn das Postkartenidyll – es hat auch Kalkül.

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