Ski alpin
Ein Winter auf der Achterbahn Michelle Gisin: Ihr Tagebuch ist geprägt von Freude und Schock

Die «Schweiz am Wochenende» begleitete Michelle Gisin durch die Saison – ihr Tagebuch ist geprägt von Freude und Schock.

Claudio Zanini
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Michelle Gisin wird an der am Dienstag beginnenden Ski-WM in Are (Schweden) nur Zuschauerin sein.

Michelle Gisin wird an der am Dienstag beginnenden Ski-WM in Are (Schweden) nur Zuschauerin sein.

Keystone

Es ist der 14. November 2018. Michelle Gisin meldet sich mittels Whatsapp-Sprachnachricht. Sie befindet sich in Schweden. Drei Tage später wird sie den ersten Slalom des Winters im finnischen Levi bestreiten. Wir haben vereinbart, dass Gisin uns in dieser Saison tagebuchartig mitnimmt auf ihren Weg Richtung Ski-WM in Are.

Am letzten Wochenende endete dieser Weg abrupt. Gisin verletzte sich im Super-G von Garmisch-Partenkirchen, sie wird an der WM nicht dabei sein. Es ist der Schlusspunkt eines wilden Winters, in dem ein Sturz ihres Bruders die ganze Familie durchschüttelte.

Michelle Gisin mit Krücken, unterwegs in ihrer Heimat Engelberg.

Michelle Gisin mit Krücken, unterwegs in ihrer Heimat Engelberg.

Keystone
Ich freue mich riesig, dass es nun richtig losgeht. Ich fühle mich echt bereit. In diesem Jahr starte ich mit sehr viel Ruhe in die Saison. Das ist nicht selbstverständlich, es gab Jahre, da war ich nervös vor dem ersten Rennen und habe mich stressen lassen. Doch ich habe gelernt, dass noch ganz viele Rennen kommen nach dem ersten (schmunzelt). Im Moment schaue ich übrigens die amerikanische Serie «Suits», eine Folge nach der anderen. Ja, also, ich schaue natürlich nur, solange es neben dem Training Sinn macht (lacht). Bücher habe ich auch dabei. Ich lese aktuell «Winterwundertage», ein Roman der britischen Autorin Karen Swan, etwas Einfaches, aber ziemlich cool. Die Geschichte einer starken Frau, sowas gefällt mir immer.

(Quelle: 14. November 2018:)

Der Slalom von Levi verläuft unspektakulär. Gisin wird Zehnte, spricht von einzelnen guten Abschnitten, eine solide Leistung, mehr nicht. Es folgen die Rennen in Killington und Lake Louise. Und die Reise nach Nordamerika lohnt sich, Gisin liefert starke Resultate ab.

Sie kehrt zurück mit einem fünften Platz im Slalom (Karriere-Bestergebnis in dieser Disziplin) und zwei Podestplätzen in der Abfahrt. Am 5. Dezember meldet sie sich wieder aus Engelberg, an ihrem 25. Geburtstag. Drei Tage später beginnt der Heimweltcup in St. Moritz. Die Welt ist nicht nur ein bisschen in Ordnung.

Mir geht es mega gut. Das Wochenende in Lake Louise war ein wenig surreal. Ich habe mich eher darauf eingestellt, dass es im Speedbereich nicht so gut laufen kann wie im letzten Jahr. Und jetzt habe ich es um einiges getoppt. Auch die Karriere-Bestleistung vom Slalom in Killington macht mich stolz. Es ist schlicht genial, dass ich mich nun als Allrounderin bezeichnen darf (macht eine Pause). Heute ist mein Geburtstag, wir werden ganz gemütlich feiern, mit Familie, Kaffee und Kuchen. Ich war noch nicht sehr produktiv, ich spüre den Jetlag. Die neuen Autogrammkarten sind gekommen, 2000 Stück. 1000 davon habe ich am Morgen signiert. Ich versuche, den Rest auch noch zu erledigen, denn jetzt wo wir in der Schweiz unterwegs sind, brauchen wir wahnsinnig viel von denen. Manchmal sind Autogrammkarten wie ein Schutzschild, sonst wird man fast ein wenig gefressen.

(Quelle: 5. Dezember 2018:)

Eine Woche nach den Rennen von St. Moritz stürzt ihr Bruder Marc Gisin in der Abfahrt von Gröden schwer. Der 30-Jährige bleibt bewusstlos liegen und muss mit dem Helikopter von der Saslong-Piste geflogen werden.

Auf derselben Piste tragen die Frauen wenige Tage später Abfahrt und Super-G aus. Michelle Gisin fährt beides, doch sie merkt, dass die Batterien leer sind. Sie legt eine Wettkampfpause ein, sie will bei ihrer Familie sein. Anfang Januar kehrt sie zurück, Marc geht es inzwischen besser.

Es ist abartig viel passiert seit meiner letzten Nachricht. Zuerst ein super Heimrennen in St. Moritz. Mein neu gegründeter Fanclub war erstmals dabei. Am gleichen Wochenende habe ich die Credit Suisse Sports Awards erstmals miterlebt. Das war eine grosse Ehre, neben all diesen genialen Sportlern nominiert zu sein. Dann leider … ja … ein sehr, sehr furchtbarer Sturz von Marc. Das war wahnsinnig schwer für unsere ganze Familie. Wir haben schon viel erlebt, aber dieser Sturz hat alles nochmals relativiert. Ich bin unendlich dankbar, dass man nun sagen kann, dass es ihm gut geht. Wie schnell er sich erholt, grenzt an ein Wunder. Nach unseren Rennen in Gröden wollte ich nach Hause zu meiner Familie. Ich konnte erst wieder ans Skifahren denken, als es ihm besser ging. Nach der Pause hatte ich anfangs Mühe, die Freude zu finden. Nun bin ich wieder vollmotiviert, ich freue mich auf den Riesenslalom morgen in Kronplatz. Es geht nun darum, Ruhe zu bewahren im Hinblick auf die WM. Ouh, ich sollte mein schwedisch verbessern (lacht).

(Quelle: 14. Januar 2019:)

Knapp zwei Wochen nach dieser Meldung verletzt sich Michelle Gisin in Garmisch. Am letzten Montag teilt Swiss Ski mit, Gisin müsse die Saison beenden. Einen Tag später erklärt sie in einem Hotel in Engelberg, es wäre möglich gewesen, schmerzfrei an der WM am Start zu stehen, konkurrenzfähig wäre sie aber nicht gewesen.

Sie sagt auch, der Sturz von Marc habe vieles erschüttert. «Das alles mitzuerleben, diese Angst auch, das braucht enorm viel Kraft.» Mit spärlichen Energiereserven konnten ihr am Ende einige Schläge eine Knorpelschädigung und eine Kreuzbandzerrung im Knie zufügen.

Die letzten Wochen waren sehr turbulent. In Kronplatz hatte ich wohl zu hohe Erwartungen in diesen Riesenslalom gesteckt. Ich sagte mir, das muss der Moment sein, an dem die gesamte Freude zurückkommen muss – der Anspruch war zu hoch. In Cortina erlebte ich mein erstes Speedrennen nach Gröden, eine spezielle Herausforderung. Ich bin mit sehr viel Ruhe und Lockerheit nach Garmisch gereist. Dann haben sie das Programm gewechselt (macht eine Pause). Mir wäre lieber gewesen, die Abfahrt wäre wie geplant am ersten Tag durchgeführt worden. Anfang Saison bin ich sehr flexibel mit solchen Dingen umgegangen. Wahrscheinlich war das meinen fehlenden Energiereserven geschuldet, dass mich das nun störte. Im Super-G von Garmisch bekam ich Schläge auf das Knie, die Schmerzen gingen im Ziel nicht mehr weg. Am Dienstag werde ich nun operiert, dann finden wir letztlich raus, wie schlimm die Verletzung tatsächlich ist. Ich hatte bislang viel Glück in meiner Karriere. Ich konnte fit an die Heim-WM in St. Moritz, ein einmaliges Erlebnis. Auch dass ich in Pyeongchang gesund war und die Goldmedaille gewinnen konnte, ist wunderschön. Mir wird nun bewusst, was ich in den letzten acht Jahren erleben durfte, das ist absolut crazy. Die Verletzung gibt auch Zeit, um runterzufahren. Nach dem Schock um Marc, tut das wohl unserer ganzen Familie gut. Jetzt bin ich einmal nur Ski-Fan an der WM, aber ich komme wieder zurück.

(Quelle: 11. Februar 2019:)