Ski alpin
Ein Besuch im Trainingslager der Schweizer Abfahrer

Wellenrauschen, blaues Meer und keine Wolken. Trotzdem sagt Abfahrtsweltmeister Patrick Küng vehement: «Wir sind hier nicht im Ferienlager.» Dabei würde dieser Ort, eine kleine Bucht an der Costa Brava, so wunderbar ins Klischee passen.

Martin Probst
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Beat Feuz (l.), Fernando Schmed (M.) und Patrick Küng auf dem Rennrad.

Beat Feuz (l.), Fernando Schmed (M.) und Patrick Küng auf dem Rennrad.

KEYSTONE

Patrick Küng ist kein Tourist. Während die meisten Gäste noch gemütlich am Strand liegen, kommt er mit Beat Feuz verschwitzt zum Mittagessen. 100 Kilometer auf dem Rennrad haben sie bereits in den Beinen – mit einem beachtlichen Schnitt von 32 km/h. Die Snowboarder, die zuvor in Giverola im Trainingslager waren, schafften das nicht. «Es ist beeindruckend, mit welcher Professionalität die Skifahrer trainieren», sagt Jogi Brunner, der für den Schweizer «Ferien Verein» als Rennrad-Trainer arbeitet und den Frühling in Spanien verbringt. «Sie wissen, wie wichtig der konditionelle Aufbau ist», sagt Brunner. Kein Ferienlager eben. Nun werden die Grundsteine für die Skisaison gelegt.

Das coupierte Terrain an der spanischen Küste hat es in sich. Diverse Radteams bereiten sich hier im Frühjahr auf die Profisaison vor. Verstecken müssten sich Küng und Feuz unter ihnen nicht. «Nur die ganz steilen Hügel will Beat umfahren», verrät Brunner lachend. Doch Küng nimmt seinen Kollegen in Schutz: «Zu Beginn des Ausdauertrainings geht es darum, konstant in einem hohen Pulsbereich zu fahren. Den Kreislauf durch steile Anstiege ständig in den Grenzbereich zu treiben, wäre kontraproduktiv.»

Wandern oder Biken?

Gemütlich wird es trotzdem nie. Während der Schweiss noch nicht getrocknet ist und gerade die Paella serviert wird, besprechen die Athleten das Nachmittagsprogramm. «Ich fege dich vom Platz», sagt Feuz und fordert einen Trainer zum Tennisspielen auf. Es ist erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit sich der Berner auf dem Platz bewegt. Noch vor einem Jahr wäre das undenkbar gewesen. Sein durch viele Operationen geschundenes Knie hätte den Belastungen nicht standgehalten. Nun trainiert Feuz in vollem Umfang mit. «Im vergangenen Frühling waren es maximal 70 Prozent», sagt er.

Das Trainingslager der alpinen Skifahrer ist abwechslungsreich – aber intensiv. Es geht vor allem um Kraft und Ausdauer. Grundlagentraining, wie es Jürgen Loacker, Konditionstrainer von Swiss-Ski, nennt. Der Österreicher geht neue Wege. Statt wie in der Vergangenheit vor allem auf das Rennrad zu setzen, können sich die Athleten auch für das Mountainbike oder intensives Hiking entscheiden. In den letzten Jahren war Swiss-Ski oft auf Mallorca, wo die Frauen auch in diesem Jahr trainieren, doch die Costa Brava eignet sich besser für ein abwechslungsreiches Programm. «Wer tut, was ihm Spass macht, trainiert besser», erklärt Loacker seine Philosophie, die nicht alle Athleten teilen. «Wandern kann ich zu Hause», sagt Küng und schwingt sich auf das Rennrad.

Die leise Kritik am vermeintlich lockeren Wanderprogramm lässt Loacker nicht gelten. «Wir laufen zügig hoch und rennen hinunter», sagt er. «Für einen Skifahrer sind das ideale Belastungen. Beim schnellen Abwärtslaufen werden alle Muskeln beansprucht, die auch beim Skifahren gebraucht werden.» Loacker, der aus dem Bobsport kommt, geht sogar so weit, dass er auch Athleten mit Knieverletzungen an diese Form des Trainings heranführen will. «Es gibt keine bessere Belastungsprobe», sagt er. Für das «Wandern» haben sich trotzdem nur Mauro Caviezel und Thomas Tumler entschieden. Die Mehrheit der Athleten wählt das Mountainbike für das Training.

Für Dauerpatient Beat Feuz kommt das Bergablaufen sowieso noch nicht infrage. Er ist überhaupt froh, wieder die Auswahl an Beschäftigungen zu haben. Küng betont: «Es ist das Schöne am Skisport, dass wir abwechslungsreich trainieren können. Gerade im Sommertraining ist vieles möglich.» Nach einer strengen Saison mit WM-Gold als Krönung gönnte er sich erst mal eine Pause. «Sogar eine Woche mehr als üblich», sagt er.

Während Küng erzählt, blickt er auf das Meer hinaus. Seine Kollegen klettern wenig entfernt unter der Anleitung eines Instruktors eine steile Felswand hinauf. Küng verzichtet – den höchsten Gipfel hat er als Abfahrtsweltmeister bereits erklommen. Hat er also Mühe, sich nochmals im Aufbautraining zu schinden? «Im Gegenteil», sagt Küng. «Nach ein paar Wochen Ferien hatte ich regelrecht das Bedürfnis, mich zu schinden. Die Aufbauarbeit fällt mir sogar leichter als in jungen Jahren.»

Vielleicht macht sie auch einfach mehr Spass. Und als sich alle Athleten zum Abendessen am Strand treffen, ist es doch noch kurz wie in den Ferien. Nichts tun wäre hier so einfach. Doch schon am nächsten Tag stehen sie wieder auf, um zu trainieren.

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