Abfahrt
Dominique Gisin fährt in Beaver Creek um ihre Zukunft

Zu den Favoritinnen zählt Dominique Gisin beim heutigen Rennen in Beaver Creek nicht. Bei der 28-Jährigen geht es aber um mehr als eine Abfahrt: Sie fährt auch um ihre Zukunft.

Martin Probst, Beaver Creek
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Dominique Gisin will zurück an die Weltspitze
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Dominique Gisin will zurück aufs Siegertreppchen, so wie in der Saison 2009/10. Da war sie in Cortina D'Ampezzo die Schnellste - vor Lindsey Vonn.
Heimsieg beim Super-G in Crans Montana am 7. März 2010. Dominique Gisin jubelt.
Dominique Gisin im Trainingslager des Verbandes Swiss-Ski auf der spanischen Insel Mallorca am Mittwoch, 15. Mai 2013. Das viele Schwitzen soll sich gelohnt haben.
Dominique Gisin als Bikerin im Sommer in Aigle: Auch auf dem BMX-Velo macht die Speed-Spezialistin eine gute Figur.
Posieren mit dem Team zum Saisonstart: Jasmina Suter, Fabienne Suter, Lara Gut, Rahel Kopp, Dominique Gisin und Hans Flatscher (v.l.n.r.).
Stand dreimal ganz oben: Dominique Gisin, hier umrahmt von den beiden US-Superstars Lindsey Vonn und Julia Mancuso. Die Schwyzerin war die schnellste. Das war im März 2010 beim Super-G in Crans Montana.
Dominique Gisin blickte zum Saisonbeginn für den Fotografen optimistisch in die Zukunft. Ob es auch so kommt?

Dominique Gisin will zurück an die Weltspitze

Keystone

Für einen kurzen Moment sitzt eine Philosophin am Tisch und keine Skifahrerin. «Es gibt diesen letzten Schritt, den man machen muss, um Erfolg zu haben. Dann zählt nur der Instinkt und es gibt keinen Platz für halbe Sachen.»

Während heute in der Abfahrt von Beaver Creek Lara Gut und Fabienne Suter zu den Favoritinnen zählen, geht es für Dominique Gisin um mehr.

Die 28-jährige Schweizerin will dahin zurück, wo sie schon einmal war. «Wenn du früher zu den besten Abfahrerinnen der Welt gezählt hast, stellen dich 10. Plätze nicht mehr zufrieden.» Drei Weltcupsiege hat sie gefeiert, davor und danach aber auch viele Rückschläge durch Verletzungen einstecken müssen. Der letzte Winter war für sie eine Enttäuschung.

Raptor: Auf dieser Piste braucht es Mut

Tina Weirather lacht herzhaft. Soeben hat sie versucht in Worte zu fassen, was es für die Abfahrt in Beaver Creek braucht, um schnell zu sein. «Man braucht hier Eier. Äh ... Ich müsste wohl eher sagen: Eierstöcke.» Als das Lachen der Liechtensteinerin abklingt, versucht sie es noch einmal: «Man muss das Herz in die Hand nehmen.»

Was die 24-Jährige, die mit dem Schweizer Team trainiert, damit meint, ist, dass die Strecke alles von den Athletinnen abverlangt. Die Piste ist steil, die Geländeübergänge vielfältig und jeder Fehler wird sofort bestraft. Weirather hat diese Schwierigkeiten im Griff. Genauso wie Lara Gut. «Du fährst voll auf die Fangnetze zu und erst im letzten Moment kommt die Kurve. Man braucht Mut, das Tempo nicht zu verlangsamen», sagt die Tessinerin, die heute wie Weirather zu den Kandidatinnen auf den Sieg zählt. Zum Mut kommen noch weitere Faktoren hinzu: die lange Fahrtzeit von gut 1:40 Minuten und die Höhenlage von Beaver Creek. Der Start befindet sich auf 3440 Metern, das Ziel auf 2460 Metern. Atemprobleme also? «Nein, gar nicht», sagt Lara Gut. Im Schweizer Lager hat man speziell trainiert. Nach jedem Lauf nahmen die Athletinnen eine Minute lang Sauerstoff zu sich. Am Nachmittag folgten für jede Fahrerin nochmals gut 20 Minuten am Sauerstoffgerät - beim Konditionstraining auf dem Ergometer. (mpr)

Zurück auf der Piste nach einer erneuten Knieverletzung fuhr sie «zwar schön, aber nicht schnell». Der Mut war weg, aber auch die Bereitschaft, das Risiko zu suchen. Es ist dieser letzte Schritt, der fehlte, um wieder Siege zu feiern. Und damit auch das Vertrauen in die eigenen Instinkte.

Neuen Mut gefunden

Im Zielraum von Beaver Creek wird aus der Philosophin eine Kämpferin. Es ist eine verwandelte Dominique Gisin. Die Saison-Vorbereitung hat ihr gutgetan. «Im Training in Südamerika sind wir auf einer Piste gefahren mit wenig Schnee, ohne doppelte Fangnetze und bei extrem schlechten Bedingungen. Es hatte alles, was einer verletzungserprobten Fahrerin Angst macht», erzählt sie.

Doch es waren genau diese Herausforderungen, die sie brauchte. «Man kann den Mut zum Risiko trainieren», ist die Engelbergerin überzeugt.

Noch ist sie nicht wieder da, wo sie gern sein möchte. «Der Mut ist noch nicht jeden Tag da, aber schon wieder regelmässig.» Das zeigt sich auch hier in Beaver Creek – auf der wohl anspruchsvollsten Abfahrtspiste, die je im Weltcupprogramm stand. «Ich taste mich langsam zurück ans Limit.» In den Trainings war dies schon gut zu beobachten. Ob dies aber schon reicht für einen Exploit im heutigen Rennen, ist fraglich – und auch nebensächlich, wie sie betont.

Der Ehrgeiz ist gross

Es geht Gisin darum, zu spüren, dass ihr Gefühl ein anderes ist, als im letzten Jahr, dass der Mut zurückkehrt. Und damit auch das Wissen, dass es irgendwann wieder klappt mit Plätzen auf dem Podest. Ihr Ehrgeiz lässt es nicht zu, zu stagnieren. «Wenn ich irgendwann merke, dass ich keine Fortschritte mehr erziele oder meinen Zenit erreicht habe, dann trete ich zurück.»

Dominique Gisin - Horrorsturz bei Olympia
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Dominique Gisin - Horrorsturz bei Olympia
Sturz von Dominique Gisin
Dominique Gisin - Horrorsturz bei Olympia
Dominique Gisin - Horrorsturz bei Olympia
Dominique Gisin - Horrorsturz bei Olympia
Dominique Gisin - Horrorsturz bei Olympia
Dominique Gisin - Horrorsturz bei Olympia

Dominique Gisin - Horrorsturz bei Olympia

Keystone

Darum geht es für die 28-Jährige heute weit mehr als um den Sieg. Es geht um ihre Zukunft. Eines ist aber klar. Den Glauben an sich selbst hat sie nicht verloren. «Ich spüre die Fortschritte», sagt sie. Das stimmt sie zuversichtlich.