Benjamin Weger ist der Verzweiflung nahe. Der beste Schweizer Biathlet läuft seit zwei Jahren wieder konstant in die Weltspitze. An den Olympischen Spielen im letzten Winter gab es zwei 6. Plätze, in dieser Saison bereits sieben Platzierungen in den Top Ten. Und doch findet er keinen Kopfsponsor. "Ich habe vier Werbeflächen zur Verfügung. Ich bin stolz, dass ich vom Goms unterstützt werde", sagt der 29-jährige Oberwalliser. "Aber die anderen Plätze sind noch frei. Das treibt einen fast zur Verzweiflung." Denn Weger gehört zu den Besten seines Fachs - und das in einer Sportart, die weltweit durchaus einiges an Beachtung findet.

Weger macht für den Erfolg alles. In dieser Saison ging er neue Wege, zum Teil abseits des Schweizer Teams. Im Sommer trainierte er zwei Wochen in Andermatt auf 1500 m und verbrachte die übrige Zeit in einem Höhenzimmer auf simulierten 2500 m. Im Herbst reiste er nach einem Trainingsblock auf den Loipen in Davos für zwei Wochen nach Norwegen. Mit dem für Belgien startenden Deutschen Michael Rösch, aber ohne jegliche weitere Unterstützung. "Da habe ich auch gesehen, was alles dahinter steckt, wenn man alles alleine machen muss." Anschliessend bestritt Weger die Ausscheidungsrennen der norwegischen Biathleten. "Da weiss ich besser, wo ich stehe, als wenn ich gegen die anderen Schweizer laufe", erklärt der Modellathlet mit dem markanten Vollbart. Und er durfte zufrieden feststellen: "Ich habe gesehen, dass ich super in Form bin."

Alle Puzzleteilchen müssen stimmen

Dies bestätigte er im Weltcup. Was fehlt, ist einzig ein Exploit in Form eines Podestplatzes. Auf einen solchen wartet Weger seit sieben Jahren. 2010 war er in Slowenien als 21-Jähriger Zweiter, im Winter darauf noch dreimal Dritter. In dem Stil ging es aber nicht weiter, es folgten schwierige Jahre. "Der Anfang der Misere war, dass ich zu viel trainierte", blickt der Walliser zurück. "Dann schaltet sich der Kopf ein, man beginnt, sich zu hinterfragen. Und das wirkt sich vor allem auf das Schiessen aus." Seit dem letzten Winter geht es beim dreifachen Olympia-Teilnehmer aber wieder deutlich aufwärts.

Das, was ihn am Biathlon so fasziniert, ist gleichzeitig die grösste Herausforderung. "Es ist ein ganzes Puzzle. Du musst jedes einzelne Teilchen drehen, damit das Gesamtbild stimmt." Dafür hat Weger viel investiert. Im Athletiktraining, aber auch im mentalen Bereich. "Ich habe mir den Arsch aufgerissen", braucht er deutliche Worte. "Aber jetzt bin ich da, wo ich hinwollte. Das ist umso schöner, weil ich jetzt weiss, was dahinter steckt. Am Anfang war der Erfolg fast schon selbstverständlich."

Was er noch nicht gefunden hat - und vielleicht auch nie finden wird - ist das perfekte Rennen. "Das ist es, was die Faszination dieses Sports ausmacht. Zwei so gegensätzliche Sportarten unter einen Hut zu bringen. Dieses Streben nach der Perfektion." Weger weiss, dass er fähig ist, auf das Podest zu laufen. Er will sich aber nicht darauf versteifen. "Ich lasse mich dadurch nicht verrückt machen. Ein Podestplatz entscheidet nicht, ob es eine gute Saison ist."

Zwiespältiges Verhältnis zum WM-Ort

Und doch gilt bei einer WM noch mehr als im Weltcup: Nur mit einer Medaille kann Weger wohl die Aufmerksamkeit erreichen, die er sich wünscht und die er auch verdient hätte. Den Start macht am Donnerstag die Mixed-Staffel, das erste Einzelrennen steht am Samstag mit dem Sprint im Programm. Zur Loipe und dem Schiessstand in Östersund hat Weger ein "zwiespältiges Verhältnis". "Ich war schon grottenschlecht und auch schon sehr gut." Traditionell erfolgt in Mittelschweden der Startschuss zur Weltcup-Saison. In den letzten zwei Jahren gab es für den Schweizer drei Top-Ten-Plätze, aber auch einen 31. und einen 56. Rang.

"Ich werde versuchen, die WM wie ein gewöhnliches Weltcuprennen anzugehen", sagt Weger. "Entscheidend ist, am Schiessstand sauber zu arbeiten. Dann gibt es ein gutes Resultat." Wichtig sei für ihn, am Abend sagen zu können, er habe das Bestmögliche gemacht. Er betont aber auch: "Ich bin auf einem super guten Niveau, es ist alles da, was es braucht." Deshalb ist der Traum von der ersten Schweizer WM-Medaille im 50. Anlauf mehr als eine ferne Illusion. Vielleicht müsste Benjamin Weger dann auch nicht mehr neidisch nach Deutschland blicken. "Wenn ich die Möglichkeiten und den finanziellen Aspekt anschaue, möchte ich gerne mit den Deutschen tauschen", sagt der Oberwalliser.