WM Schladming
Die Planai bittet zum Tanz im Eiskanal

Beim Abschlusstraining auf der Planai dominierten nicht die Abfahrts-Cracks, vielmehr sorgten die Aussenseiter für eine Überraschung. Sie heizten den Cracks ordentlich ein. Mischelt heute auch ein Schweizer Joker mit?

Richard Hegglin, Schladming
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Zielhang in Schladming.

Zielhang in Schladming.

Keystone

Stellen Sie sich vor, der Abfahrtskönig der WM 2013 würde Brice Roger, Andrej Sporn oder Andrew Weibrecht heissen. Seit dem Abschlusstraining ist diese Vorstellung keine Utopie mehr. Als «Hausherr» Klaus Kröll, Vorjahressieger Aksel Lund Svindal, Titelverteidiger Erik Guay und die von Dominik Paris angeführten Italiener ihre Positionen an der vermeintlichen Klassementsspitze bezogen hatten, brach unvermittelt eine Lawine der Aussenseiter mit den Nummern 25 bis 55 los – das überraschende Schweizer «Sorgenkind» Silvan Zurbriggen inklusive.

Übrigens: Roger ist Franzose, Sporn Slowene, der immer in Kitzbühel über sich hinauswächst, und Weibrecht ein amerikanischer Crashpilot. TV-Kommentator Armin Assinger leistete sich einen Gag. Eben habe er sich bei Heinz Prüller, einer andern ORF-Legende, die bekannt ist für abenteuerliche Recherchen, nach Brice Rogers Vorfahren erkundigt. Prüller habe ihm versichert, es handle sich um
einen entfernten Verwandten von Winnetou-Darsteller Pierre Brice. Obwohl Roger nur zum Vornamen Brice heisst...

Ein kolportierter Winnetou-Nachfahre als Abfahrtsweltmeister? Undenkbar! Zumal sich auf der Planai in der Vergangenheit nur die Grossen des Skisports wie Franz Klammer, Pirmin Zurbriggen, Aksel Lund Svindal oder im Super-G Hermann Maier mit einer 100-prozentigen Erfolgsquote in drei Rennen durchsetzten. Aber das Chamäleon Planai ist 2013 auch für
eine Sensation gut. «Alles ist möglich», sagt der Schweizer Cheftrainer Osi Inglin: «Überraschungen liegen in der Luft. Die Karten sind noch nicht klar verteilt. Ich hoffe, dass auch einer von uns in diesem Konzert mitspielen kann.» In Inglins Überlegungen spielt Wunschdenken mit, genährt durch positive Trainingsresultate. Am Donnerstag mischte Vitus Lüönd mit, aber am Freitag Silvan Zurbriggen. Beide belegten den 7. Platz. So gut war in diesem Winter noch kein Schweizer Abfahrer klassiert.

Die beiden balgten sich zusammen mit Marc Gisin um den letzten Startplatz neben Didier Défago, Patrick Küng und Carlo Janka. Zurbriggen setzte sich klar (einen Zehntel schneller als Svindal!) durch, während Lüönd seine Fahrt wegen eines stechenden Schmerzes im rechten Knie abbrechen musste – Verdacht auf Kreuzbandriss. Erst im April hatte er sich einen Kreuzbandriss im linken Knie zugezogen. Gisin vermochte nicht mitzuhalten. «Damit hat sich Zurbriggen selber aufgestellt», folgert Inglin, für den dessen Nomination alles andere als eine Notlösung ist.

Training vor dem Rennen

«Im Super-G», so Inglin, «ist Silvan für eine gute Leistung schlecht belohnt worden.» Wegen eines Fauxpas des Servicemanns wurde er wegen zu hoher Bindung disqualifiziert. «Ich konnte mich auf den richtigen Punkt vorbereiten», freut sich Zurbriggen über die sich sanft abzeichnende Trendwende. Inglin: «Er hat gemerkt, dass er auch bei Schneeverhältnissen, die ihm nicht liegen, schnell sein kann.»

In Wirklichkeit handelt es sich aber eher um Eis- als um Schneeverhältnisse. «Es ist schon jetzt sehr, sehr eisig», sagt Inglin, «und am Renntag wird es noch eisiger sein.» Weil sie
wegen der gleichzeitig stattfindenden Frauen-Kombination nicht bis ins Ziel fahren konnten, absolvieren die Abfahrer heute Morgen noch ein Kurztraining mit der wichtigsten Schlüsselstelle im Zielhang, eine ungewöhnliche und umstrittene Massnahme. Der Tanz der Giganten auf dem Planai-Eiskanal (Start 11.00 Uhr/ live auf SRF 2) erlebt damit einen
bizarren Prolog. Spektakel ist heute garantiert.

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