Heinz Kuttin nutzt jede Gelegenheit, um die Mannschaft in den Vordergrund zu stellen. «Ich bin ein Teamplayer», sagt Kuttin. «Mein oberstes Ziel ist es deshalb, dass wir in guten wie in schlechten Tagen als Team funkionieren.» Im Frühling hat der Skisprung-Weltmeister von 1991 den langjährigen österreichischen Cheftrainer Alexander Pointner abgelöst.

Die Ära Pointner stellt die bisher erfolgreichste Periode für die Sprungabteilung des Österreichischen Skiverbandes dar. In die zehn Jahre von Pointners Amtszeit fallen nicht nur die letzten sechs Gesamtsiege an der Vierschanzentournee, sondern auch unzählige Weltcupsiege und Medaillen. In den Teamspringen blieben die Austria-Adler gar über Jahre ungeschlagen. In der vergangenen Saison allerdings wurde offensichtlich, dass sich Mannschaft zunehmend mit internen Streitigkeiten und Machtkämpfen aufrieb.

Pointners Offenheit nicht goutiert

Schon früher waren sich zwar mit Thomas Morgenstern und Gregor Schlierenzauer die beiden Leaderfiguren der Erfolgstruppe in die Haare geraten. Die beiden hochtalentierten Wunderkinder, die im Abstand von vier Jahren beide bereits mit 16 in die Weltspitze vorgestossen waren, schienen jedoch einen Weg gefunden zu haben, sich miteinander zu arrangieren. Dennoch nahmen die Spannungen innerhalb der erfolgsverwöhnten Startruppe im letzten Winter zu, ehe es an den Olympischen Spielen in Sotschi zum offenen Bruch zwischen Schlierenzauer und Pointner kam. Der Vertrag des Cheftrainers wurde schliesslich nach der Saison nicht mehr verlängert. Dabei dürfte auch eine Rolle gespielt haben, dass Pointners offensive Kommunikation über seine Depressionen bei der Verbandsspitze auf wenig Verständnis gestossen war.

Die Akteure des neuen Teams Österreich suchen bewusst Abstand zur Ära Pointner. Während dieser seine Trainerkarriere in einer Autobiografie verarbeitete, in der er das Innenleben der österreichischen Mannschaft aus seiner Perspektive schonungslos offenlegt, hält Schlierenzauer nichts von dieser Art der Vergangenheitsbewältigung. «Ich habe das Buch nicht gelesen und werde es auch nicht tun», sagt der bald 25-jährige Tiroler. Auch Kuttin zeigt wenig Interesse der Sicht seines Vorgängers. «Ich lese generell kaum Bücher», sagt er zu diesem Thema.

Team hat sich neu gefunden

Sein Hauptziel als Cheftrainer glaubt Kuttin, der während der bevorstehenden Tournee seinen 44. Geburtstag feiern kann, bereits erreicht zu haben. «Es ist gelungen, die Team zusammenzuschweissen», sagt er. «Ein Skispringer ist ein Egoist, wenn er auf dem Startbalken sitzt – aber nur dann.» Auch Schlierenzauer betont: «Das Team ist zusammengerückt.»

Mit seinem 53. Weltcupsieg verbesserte Schlierenzauer in Lillehammer zwar seine eigenen Rekordmarke, doch zur früheren Hochform hat der einstige Seriensieger in diesem Winter noch nicht gefunden. «Ich habe technisch einige Änderungen vorgenommen, das braucht etwas Zeit», sagt der zweifache Tourneesieger, der im Sommer als einer der letzten Athleten den Wechsel zur Stabbindung vollzog. Den schnellen Erfolg will er nicht erzwingen. «Das Grosse kommt meist aus der inneren Stille», sagt er. «Niemand sollte einen Skispringer abschreiben, der einen Schritt zurückgeht, um mit mehr Anlauf wieder anzugreifen.»

Kann Schlierenzauer an der Vierschanzentournee also seine triumphale Rückkehr feiern? Zweifellos gehört der begnadete Flieger zum erweiterten Favoritenkreis. Fast mehr trauen seine Landsleute den Tourneesieg allerdings dem Teamkollegen Michael Hayböck zu. Der Oberösterreicher wartet zwar noch auf seinen ersten Weltcupsieg, landete diesen Winter jedoch bei allen neun Springen in den Top Ten. Für Trainer Kuttin steht der Tourneesieg ohnehin nicht im Vordergrund. «Das Wichtigste ist, dass wir Ende März zufrieden auf die Saison zurückblicken können.»