Der erste Blick täuscht gleich mehrfach. So familiär die Ambiance in der neuen Biathlon-Arena auf der Lenzerheide zunächst erscheinen mag, mit dem Startschuss wird klar: Hier geht es in sportlicher Hinsicht zur Sache.

Mit kraftvollen Doppelstockstössen legen die Langläuferinnen die ersten Meter zurück, bis die Loipe den Wechsel zur Skating-Technik erlaubt. Und der zweite Blick zeigt auch, dass es sich hier nicht um reine Langlauf-Athletinnen handelt: Vor dem Bauch tragen sie eine Vorrichtung, die an einen Notenständer erinnert – statt einer Partitur aber eine Karte zu halten hat.

Werbung für den Orientierungslauf

Wir befinden uns beim dritten Rennen der Europameisterschaften im Ski-Orientierungslauf, welches diese Woche auf der Lenzerheide ausgetragen werden. Es ist eine Sprintstaffel für gemischte Zweierteams, bei der Frauen wie Männer je drei Schlaufen zu absolvieren haben. Sobald die Athletinnen das Stadion verlassen haben und im Wald verschwunden sind, schwenkt der Blick der Zuschauer auf die Videowand.

Dort wechseln sich Kameraaufnahmen von unterwegs ab mit Einblendungen der detaillierten Geländekarte. Darauf ist ersichtlich, wo sich die mit GPS-Sendern ausgestatteten Läuferinnen gerade befinden. Nach wenigen Minuten tauchen diese bereits wieder am Waldrand auf – gut sichtbar für das Publikum im Stadion.

Dass die Veranstalter grossen Wert auf die Wettkampfpräsentation legen, ist kein Zufall. Für die Ski-Orientierungsläufer geht es auf der Lenzerheide nicht nur um EM-, sondern auch um Olympiamedaillen. So will der Internationale OL-Verband (IOF) die Titelkämpfe als Schaufenster nutzen, um seine Sportart dereinst im Programm der Olympischen Spiele wiederzufinden.

Tiefere Hürden für Winterspiele

Nachdem der klassische Orientierungslauf zu Fuss den Weg zu den fünf Ringen bereits seit den 1980er-Jahren vergeblich sucht, konzentrieren sich die Bemühungen der IOF derzeit mehr auf die Sparte Ski-OL – obwohl es sich dabei um die kleinere der beiden Disziplinen handelt.

«Im Moment ist das Programm der Winterspiele 2022 aktuell», sagt IOF-Präsident Brian Porteous, der sich im Bündnerland persönlich ein Bild von den Europameisterschaften macht. Im Rahmen der von IOC-Präsident Thomas Bach skizzierten, wenn auch noch äusserst vagen «Agenda 2020», welche die Berücksichtigung neuer Events vorsieht, sieht Porteous eine Chance, den OL olympisch zu machen.

Der Ski-OL bietet sich dafür auch insofern an, als die Hürden bei den Winterspielen deutlich kleiner sind als bei den Sommerspielen, wo das Programm bereits heute reich befrachtet ist. «Mit rund 30 teilnehmenden Nationen ist der Ski-OL im Winter bereits eine der grösseren Sportarten, im Sommer hingegen kann der Fuss-OL mit 79 Nationen vergleichsweise weniger gut mithalten», sagt Porteous.

Vorerst kommt nur der Sprint in Frage

Dass die Aufnahme ins Olympiaprogramm für den OL-Sport ein Gewinn wäre, steht für den Schotten ausser Frage. «Das würde die ganze Sportart auf eine neue Stufe heben und sie auch in kommerzieller Hinsicht stärken», sagt Porteous und verweist auf das Beispiel Triathlon.

Zurückhaltender äussert sich Jürg Hellmüller, der Präsident von Swiss Orienteering. «Ich sehe die Chancen einer Aufnahme ins Olympiaprogramm, aber auch einige Fragezeichen», sagt Hellmüller und weist auf die Geheimhaltung hin, welcher die zu absolvierenden Laufstrecken bis zum Start eines Wettkampfs unterliegen. «Je mehr Geld im Spiel ist, desto grösser wird das Risiko eines Informationslecks», gibt er zu bedenken.

IOF-Präsident Porteous macht sich diesbezüglich keine Sorgen, da primär die Disziplinen Sprint und Sprintstaffel olympisch werden sollen: «Da ist das Laufgelände ohnehin bereits im Vorfeld bekannt.

Die Mixed-Staffel an der EM auf der Lenzerheide entwickelt sich zu einem spannenden Rennen, in dem die Führung mehrmals wechselt. Einen Tag, nachdem der Zürcher Oberländer Christian Spoerry mit Silber im Langdistanzrennen für die erste Schweizer EM-Medaille der Ski-OL-Geschichte gesorgt hat, holt das schwedische Team den Titel. Dumm nur, dass kein Vertreter des IOC den Weg ins Bündnerland geschafft hat.

Immerhin: Der Live-Stream, der auf drei Portalen übers Internet lief, lässt sich auch im Nachhinein noch ansehen. «Mit dem Format dieser Staffel haben wir gute Olympia-Argumente», glaubt IOF-Präsident Porteous, der vor allem auch ein jüngeres Publikum im Auge hat. «Wenn man die Athleten per GPS live verfolgt, sieht das aus wie ein Computerspiel.»