Müde Helden
Die grosse Schweizer-Party nach dem Gewinn eines kompletten Medaillensatzes wird verschoben

Wendy Holdener hat es schon wieder getan. Ja, auch eine olympische Medaille gewonnen. Bronze in der Kombination nach Silber im Slalom. Vor allem aber hat sie leidenschaftlich gegähnt.

Rainer Sommerhalder, Pyeongchang
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Kompletter Medaillensatz für die Schweizer Alpinen: Ramon Zenhäusern (Silber Slalom), Michelle Gisin (Gold Kombi) und Wendy Holdener (Bronze Kombi) – künstlich vereint auf dem Podest.

Kompletter Medaillensatz für die Schweizer Alpinen: Ramon Zenhäusern (Silber Slalom), Michelle Gisin (Gold Kombi) und Wendy Holdener (Bronze Kombi) – künstlich vereint auf dem Podest.

Keystone

Einmal, zweimal, dreimal. Und dies mitten in der improvisierten Pressekonferenz am Abend im House of Switzerland. Nicht etwa, dass die Fragen sie langweilen würden. Die Schwyzerin ist nach einem langen und anstrengenden Arbeitstag ganz einfach hundemüde . . . und ehrlich: «Ich freue mich aufs Bett.

Michelle und ich haben abgemacht, dass die grosse Feier erst nach der Saison stattfindet», sagt sie später auf der kleinen Bühne zu den Schweizer Fans, die sich bis 22.50 Uhr gedulden müssen, bis sie den drei Heldinnen und Helden des Tages endlich zujubeln dürfen. Nicht gerade die Initialzündung zur grossen Partynacht.

Wendy Holdeners offenkundiger Energiemangel passt gut zum allgemeinen Bild dieser zweiten grossen Feier mit drei Schweizer Medaillen am selben Tag. Nicht nur den olympischen Hauptdarstellern ist anzumerken, dass sich der Grossanlass in der Schlussphase befindet und schon viel Kraft gekostet hat. Als Slalomfahrer Ramon Zenhäusern und die beiden Kombiniererinnen Michelle Gisin und Wendy Holdener vor die Presse treten, ist das Interesse erstaunlich klein. Wenige sind anwesend, kaum jemand stellt Fragen. Alles scheint schon gefragt, vieles geschrieben.

Das Stativ am Anschlag

Das Feld gehört den Onlinemedien und Regionalfernsehen. Als «Nicht-Rechteinhaber» dürfen sie an den Wettkampfstätten keine Filmaufnahmen machen. Also konzentrieren sie sich auf das Geschehen beim House of Switzerland. Bei der kurzen Feier auf dem Vorplatz des Schweizer Hauses sind rund ein Drittel der knapp 100 anwesenden Personen Journalisten. Ein Dutzend Kameras sind auf Ramon Zenhäusern gerichtet, der als Erstes zum Interview erscheint. Der eine oder andere Videofilmer muss im Angesicht des Walliser Zweimetermanns die Maximallänge seines Stativs ziemlich ausreizen.

Zwei Meter gross und trotzdem ein Slalom-Künstler: Ramon Zenhäusern.keystone

Zwei Meter gross und trotzdem ein Slalom-Künstler: Ramon Zenhäusern.keystone

KEYSTONE

Auch Zenhäusern sagt offen, dass sein grösster Wunsch sei, schlafen zu gehen. Schliesslich liege für die Schweiz beim abschliessenden Team-Event noch einmal Grosses drin. Doch mit seiner neugierigen und bodenständigen Art und dem folkloristischen Dialekt bildet er trotzdem den Farbtupfer eines müden Abends. Die erste Frage stellt er gleich selber: «In welche der vielen Kameras soll ich schauen? Oder soll ich schielen», will er wissen und grinst dabei spitzbübisch. «Ich fühle mich wie in einem Märchen. Dass es bei der Medaillenfeier zu schneien begann, verstärkte diesen Eindruck noch.» Zenhäusern erzählt, dass sich sein Papa nach der Silberfahrt mit seinen Kollegen zum Stumpenrauchen getroffen habe. «Wahrscheinlich paffen sie immer noch.»

Neben der müden Wendy wirkt Michelle Gisin erst recht wie eine Goldmarie. Gekonnt und mit ihrer extrovertierten Art beantwortet sie die Fragen dreisprachig. Denn ein britischer Journalist nutzt die Gunst der Stunde respektive der fehlenden Schweizer Kollegen und meldet sich praktisch als Einziger zu Wort. Diskutiert wird auch über Sinn oder Unsinn einer Abschaffung der Kombination. Einfach zu erraten, welche Ansicht jene vertreten, die Gold und Bronze um den Hals tragen.

Draussen auf dem Platz wird man angesichts der Verzögerung ungeduldig. Denn Kälte und Wind sind zurückgekehrt. Die Alphornbläser und Fahnenschwinger schlottern in ihren Trachten. Auch dem Publikum ist eine gewisse Übermüdung anzumerken. Für Stimmung sorgen in erster Linie die Angestellten des Swiss House mit ihren Kuhglocken, unterstützt von drei Mitgliedern des Cologna-Fanclubs. Viele Funktionäre von Swiss Ski kommen erst gar nicht nach draussen in die Kälte. Das war bei der Feier von Feuz, Cologna und Holdener am letzten Freitag anders.

Zenhäusern sieht sich im TV

Auch die drei Helden des Tages ziehen sich schnell zurück in die Wärme der Athleten-Lounge. Aber nur um sich in Richtung Bett zu verabschieden. Einzig Zenhäusern bleibt kurz stehen. Just in dem Moment, als er in den Raum tritt, wird auf dem grossen TV die Wiederholung seines Silberlaufs ausgestrahlt. Der Walliser kommentiert die eigene Fahrt. Und – man glaubt es kaum – er findet sogar noch einen Fehler. Gut so, schliesslich gibt es auch für den Doppelmeter noch ein höheres Treppchen auf dem Podest. Vielleicht schon morgen Samstag.