Ski Alpin
Die Angst vor der Normalität – Die Angst, dass alles rund läuft

Die Situation kommt einem beinahe befremdlich vor. Da sitzt Dominique Gisin, wie immer beim Medientermin vor dem Saisonauftakt in Sölden, zuhinterst am Ecktisch des Ramba-Zamba-Schuppens «Giggi Tenne» und spricht – NICHT über Verletzungen.

Richard Hegglin
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Dominique Gisin hat für einmal eine planmässige Vorbereitung gehabt.

Dominique Gisin hat für einmal eine planmässige Vorbereitung gehabt.

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Sie schwelgt, ständig darauf angesprochen, fast zwangsläufig noch in ihren Olympia-Erinnerungen und ist selbst irritiert: «Es ist alles planmässig gelaufen. Das bin ich mich gar nicht gewohnt. Es ist fast beängstigend ...» Die Angst der Olympiasiegerin vor der Normalität?

Selbst die kleinen Adrenalin-Schübe, die sich jeweils vor dem ersten Rennen eines Winters bemerkbar machen, gehen Dominique Gisin ab: «Bis jetzt spürte ich noch nicht viel. Ich hoffe, dass sie noch kommen. Ein gewisses Kribbeln ist immer positiv.» Das ist jene Phase, während der die Psyche und der Körper auf Wettkampfmodus umschaltet. Heute um 9.20 Uhr gehts auf dem Rettenbacher-Ferner, wie in Österreich die Gletscher heissen, los – mit einem Riesenslalom, quasi der Drittdisziplin der Speed-Spezialistin, die mittlerweile auch in dieser Sparte zu den Weltbesten zählt.

Wenn die Menschen mitleben

Der Olympia-Hype hat sich zwar etwas gelegt, aber ihr Status bleibt. Eine Olympiasiegerin wird Allgemeingut und Identifikationsfigur – und das durchaus im positiven Sinn. Gisin erinnert sich an eine Begegnung mit einer älteren Frau: «Sie ist zu mir gekommen und hat mich, ganz scheu, gebeten, ob sie mit mir ein Foto machen dürfe. Ich nahm sie in den Arm, da hat sie angefangen zu schluchzen. Das war so ‹härzig›. Es berührt mich ungemein, wenn die Leute so mitleben.»

Auch in den Briefen, die sie bekomme, werde meistens nicht nur gratuliert: «Es fängt fast immer an, wie zum Beispiel: ‹Vor vier Jahren in Vancouver haben wir dich stürzen gesehen ...› Ich staune immer, wie vielen Leuten das offenbar nahe gegangen ist. Sie wissen Dinge von mir, wo ich oft zweimal nachdenken muss, wie das jetzt genau war.»

Beweisen muss sie sich nicht

Für Dominique Gisin selbst stellte der Olympiasieg eine Art Befreiung dar, quasi die Entschädigung für die jahrelangen Strapazen eines Sportler-Lebens, das einer Achterbahn glich. Die sogenannte Bestätigung dieser Goldmedaille, wie sie zuweilen gefordert wird, stellt für sie nicht einmal den Ansatz eines Gedankens dar: «Bei meiner Vorgeschichte denke ich nicht an so etwas das. Sotschi war die Bestätigung, dass der Weg, den ich gegangen bin, der richtige war.»

Und diesen will sie unbeirrt weiter gehen. Bis auf den Kopfsponsor ist alles unverändert geblieben. Neu wirbt sie für das Swisscom-Kommunikations-App «i0» – zusammen mit Tina Turner. Auch im Ausrüsterbereich hat sie eine neue Kollegin an der Seite. Neu fährt auch Fabienne Suter für die Rossignol/Dynastar-Gruppe, der auch Lara Gut angehört.

«Ich bin happy», sagt Gisin, «dass Fabienne zu uns gekommen ist. Das gibt uns die Möglichkeit, mehr Informationen auszutauschen, was für die Entwicklung der Ski optimal ist.» Beide haben mit Stefano Dalmasso den gleichen Servicemann. «Auch Lara Gut», sagt Gisin, «macht einen Super-Job in der Materialentwicklung. Ich konnte viel von ihr profitieren. Aber sie ist nicht immer dabei. Mit Fabienne habe ich nun den täglichen Austausch.» Deshalb war Dominique Gisin am Wechsel von Fabienne Suter, die während ihrer ganzen Karriere auf Stöckli gefahren ist, nicht ganz unbeteiligt.

Top Ten als Ziel

Sölden bildet die erste Nagelprobe für das erweiterte Werksteam. Während für Suter, die mit einer hohen Startnummer antreten muss, die Qualifikation für den zweiten Lauf schon ein Erfolg wäre, hat Gisin höhere Ansprüche. Für eine, die in Sölden schon einmal Vierte war, kann ja nur ein Podestplatz das Ziel sein? «Ein Top-Ten-Platz wäre super», relativiert Gisin: «Es gibt so viele Junge, die in dieser Disziplin Druck machen. Und dann gibt es auch zwei, drei, die Sonderklasse sind. Ich habe in diesem Sommer Anna Fenninger und Mikaela Shiffrin gesehen, gegen die wird es sehr schwer.»

Zumal Gisin ihre Technik in dieser Disziplin als «noch nicht gefestigt» bezeichnet: «Ich wollte in diesem Sommer den Schwungansatz etwas auseinander nehmen, aber er ist noch nie so wie erwünscht.»

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