Bei der Innerschweizerin gibt eins und eins tatsächlich auch zwei. Wenn sie ihren Job im Training richtig macht, dann funktioniert es im Rennen. Sie hat sich ihren derzeitigen Status als zweitbeste Slalomfahrerin hinter der amerikanischen Überfliegerin Mikaela Shiffrin buchstäblich erarbeitet.

In der Kombination, welche für die Planer im internationalen Skiverband nur noch ein Restposten darstellt, ist sie sogar die Beste. Zwei ihrer drei Weltcupsiege holte sich Wendy Holdener in dieser Disziplin. Dazu kommt der Weltmeistertitel vor einem Jahr in St. Moritz.
Diesen bestätigte die 24-Jährige gestern bei der ersten Gelegenheit nach ihrem Triumph an der Heim-WM eindrücklich. Gut anderthalb Sekunden und mehr nahm sie ihren Konkurrentinnen ab. Holdener musste sich angesichts des Vorsprungs für einmal fühlen wie üblicherweise Mikaela Shiffrin. Diese pausierte am ersten von drei Renntagen im tief verschneiten Graubündner Skiort im Hinblick auf die Olympischen Spiele.

Keine Komplexe wegen Shiffrin

Für Südkorea sieht sich Wendy Holdener derweil in der Favoritenrolle für Kombi-Gold – trotz Shiffrin. «Ich bin wohl die Topfavoritin. Das hat man bereits vor dem heutigen Sieg behauptet und das wird jetzt kaum ändern. Aber es ist mir ziemlich egal. Der Sieg gibt mir Ruhe.»
Überhaupt will sich die Schweizer Sportlerin des Jahres nicht damit abfinden, zur ewigen Nummer 2 hinter dem US-Skistar zu verkommen.

Wendy Holdener gewinnt in Lenzerheide schon zum zweiten Mal

Wendy Holdener gewinnt in Lenzerheide schon zum zweiten Mal

Selbst wenn sie sich über dieses Lieblingsthema der Medien bisweilen aufregt. «Ein zweiter Platz im Weltcup ist ebenfalls ein tolles Resultat. Das gilt auch für die Olympischen Spiele», sagt Holdener, die im Weltcup bereits 16-mal von Platz zwei oder drei ins Publikum winkte, mit Nachdruck. Die flapsige Bemerkung des Speakers bei der Pressekonferenz – «Hauptsache ist ja, dass Sie in Pyeongchang vor Shiffrin gewinnen» – mundete ihr ganz und gar nicht.

Mental hat sich Wendy Holdener jedoch von der Rolle als «Beste der Anderen» emanzipiert. Sie gehe heute mit der Absicht an einen Slalom heran, diesen zu gewinnen, sagte sie am Donnerstag. Sie glaubt daran, dass ihre bestmögliche Leistung auch gut genug ist, um Shiffrin zu bezwingen. «Ich hatte zuletzt im Slalomtraining ein extrem gutes Gefühl. Ich fühle mich deutlich besser auf den Slalomski als zu Beginn dieser Saison.» Aber es sei eben wichtig, dass sie sich auf ihr eigenes Skifahren konzentriere und nicht auf die Gegnerin. «Ich kann es nicht erzwingen und wenn ich es wollte, würde ich mich höchstens verkrampfen.»

Ein beachtlicher Reifeprozess

Lieber feiert sie die Feste, wenn sie fallen. So genoss Wendy Holdener den gestrigen Triumph in ihrer Lieblingsdestination, wo sie sich stets ausserordentlich wohl fühlt. «Und ich bin froh, habe ich jetzt schon ein Geschenk für meine Mutter, die am Samstag Geburtstag feiert.»
Ein gutes Gefühl hat Wendy Holdener nicht nur auf den Ski, sondern zunehmend auch im Umgang mit Medien und Öffentlichkeit. Lange begleitete sie der Ruf, als Gesprächspartnerin langweilig und monoton zu sein. Böse Zungen betitelten sie hinterrücks auch schon als schlichtes Gemüt. Eine dümmliche Unterstellung, wenn man die Unteribergerin gestern etwas genauer verfolgte. Der WM-Titel hat ihr auch als Person enorm viel Vertrauen gegeben. Sie ist längst zum Champion gereift. Zu einer Frau, die weiss, was sie will. Die locker mit dem Augenblick spielt und elegant jede Situation meistert. Etwa so wie Mikaela Shiffrin in den Slalomtoren.