Praktisch die ganze Woche litt Kitzbühel unter dem schlechten Wetter, doch am Samstag machte der bedeckte Himmel für ein paar Minuten der Sonne Platz. Diesen Moment nutzte der Deutsche Thomas Dressen zum unerwarteten Coup. Mit Startnummer 19 setzte sich der 24-Jährige um zwei Zehntelsekunden vor Beat Feuz, der zuvor mit Nummer 7 bei wesentlich schlechteren Bedingungen eine Leistung gezeigt hatte, mit der er den Sieg ebenfalls verdient gehabt hätte.

"Schön wärs gewesen", sagte Feuz in der ersten Enttäuschung, doch noch entthront worden zu sein. Lange hatte er darauf hoffen dürfen, dem Sieg am Lauberhorn in Wengen eine Woche später den Erfolg in Kitzbühel folgen zu lassen. Dies war zuletzt dem Walliser Didier Défago 2009 gelungen. Doch es sollte nicht sein. Feuz sah aber auch positive Aspekte: "Letztes Jahr bin ich hier im Netz gelandet. Ein 2. Platz ist letztlich auch nicht schlecht." Zweiter war Feuz auch schon 2016. Damals wurde er noch vom Italiener Peter Fill abgefangen.

Über die Bedingungen sagte Feuz nach dem Rennen: "Gutes Licht ist immer das Beste. Man sieht die ganzen kleinen Unebenheiten am Boden und kann auf diese reagieren. Das war bei mir und vielen anderen nicht der Fall."

Ein bisschen enttäuscht, aber trotzdem zufrieden

Dass es ihm nicht zum Sieg reichte, fuchste den Schweizer schon ein wenig: "Es ärgert mich schon. Ich war heute nah dran, leider hat es nicht sein sollen." Zufrieden sei er aber trotzdem, sagte Feuz.

Vorwerfen konnte sich Feuz wirklich nichts: "Mir ist eine Bombenfahrt gelungen." Vor allem die schwierigen Bereiche fuhr er gut, auch die Traverse, die ihm im Vorjahr zum Verhängnis geworden war, meisterte er mit Bravour. "Vom Kopf her war es nicht einfach, hier wieder zu riskieren." Belohnt wurde Feuz insofern, als er im Abfahrts-Weltcup bis auf 10 Punkte an Leader Aksel Lund Svindal heran rückte. Der Norweger, wie Feuz in Kitzbühel noch ohne Sieg in der Abfahrt, musste sich mit Platz 8 bescheiden.

Nach fast 40 Jahren wieder ein Deutscher

"Den Sieg von Thomas Dressen gilt es zu respektieren. Das muss man auch zuerst einmal runterbringen", anerkannte Feuz die Fahrt des Deutschen, den zwar nur die wenigsten auf ihrem Tippzettel hatten, dessen Erfolg aber keineswegs aus dem Nichts kam. Dressen war immerhin Dritter in Beaver Creek und Fünfter in Wengen. Aber der Oberbayer war eben gleichzeitig der erste Deutsche seit fast 40 Jahren, der auf der Streif gewinnen konnte.

Sein Vorgänger war Josef Ferstl, der Vater von Sepp Ferstl, der Mitte Dezember in Val Gardena den Super-G gewonnen hatte. Ferstl senior hatte den Klassiker am Hahnenkamm 1978, damals gemeinsam mit dem Österreicher Josef Walcher, und 1979 für sich entschieden. Auch der letzte von lediglich sieben deutschen Abfahrtssiegen liegt schon eine Weile zurück: Im Dezember 2004 gewann Max Rauffer in Val Gardena.

"Ich hab es gar nicht glauben können. Ich habe gemeint, die wollen mich verarschen", sagte Dressen über die Momente nach seiner Zieldurchfahrt. "Wer weiss, vielleicht hat von oben jemand zugeschaut und die Sonne ein bisschen mehr scheinen lassen bei mir", sagte er und spielte damit auf seinen 2005 tödlich verunglückten Vater an. Der hatte mit einer Jugendtrainingsgruppe in Sölden in einer Gondel gesessen, als an einem Helikopter das Tragseil riss und über der Seilbahn ein 750 Kilogramm schwerer, mit Beton gefüllter Kübel niederging. Das Unglück forderte neun Todesopfer, unter ihnen war Dressens Vater Dirk.

Marc Gisin springt auf den Olympia-Zug

Emotionen begleiteten auch den Auftritt von Marc Gisin, der bis zur letzten Zwischenzeit noch auf Podestkurs gelegen hatte, am Ende aber auch über Platz 5 "super happy" war. Dank diesem Resultat erfüllte der Obwaldner als fünfter Schweizer Abfahrer nach Feuz, Mauro Caviezel, Patrick Küng und Gilles Roulin die Selektions-Richtlinien zur Olympia-Teilnahme.

Mit Nummer 25 hatte Gisin bereits nicht mehr von der Sonne profitieren können, was seine Leistung noch aufwertete. In der Einfahrt zur Traverse vergab er eine gar noch bessere Klassierung. "Da hatte ich Glück. Ich hätte auch im Netz landen können."

Kitzbühel bleibt für ihn ein spezieller Ort. Vor drei Jahren erlitt er bei einem schweren Sturz an der Hausbergkante ein Schädel-Hirn-Trauma. Nur ein Jahr später erreichte er auf der Streif als Fünfter sein bisher bestes Weltcup-Resultat, doch die Nachwirkungen des Unfalls beschäftigten ihn noch lange. Die vergangene Saison brach er wegen Schlafstörungen nach nur zwei Rennen ab. "Sechs Monate konnte ich keine Nacht richtig schlafen. Das zehrte an Substanz und Psyche", erinnert er sich. "Ich war letzten Frühling nur noch ein Häuflein Elend und die Gedanken an Olympia weit weg."

Kitzbühel. Weltcup-Abfahrt der Männer: 1. Thomas Dressen (GER) 1:56,15. 2. Beat Feuz (SUI) 0,20 zurück. 3. Hannes Reichelt (AUT) 0,41. 4. Vincent Kriechmayr (AUT) 0,46. 5. Marc Gisin (SUI) 0,68. 6. Andreas Sander (GER) 0,74. 7. Brice Roger (FRA) 0,93. 8. Aksel Lund Svindal (NOR) 1,12. 9. Peter Fill (ITA) 1,26. 10. Kjetil Jansrud (NOR) 1,30. Ferner: 12. Dominik Paris (ITA) 1,64. 14. Mauro Caviezel (SUI) 1,81. 26. Gilles Roulin (SUI) 2,76. 29. Patrick Küng (SUI) 3,06. 35. Nils Mani (SUI) 3,41. 39. Urs Kryenbühl (SUI) 3,70. 40. Gian Luca Barandun (SUI) 3,73. 43. Ralph Weber (SUI) 3,88. - 58 gestartet, 54 klassiert. - Ausgeschieden u.a.: Christof Innerhofer (ITA), Johan Clarey (FRA).