Comeback
Der Weg zurück: Die unglaubliche Geschichte des Daniel Albrecht

Für Daniel Albrecht war von Anfang an klar, dass es eine medizinische Faustregel gab: pro Tag Koma einen Monat Rehabilitation, also 20 Monate - im optimalen Fall. Aber er glaubte, die Zeit überlisten zu können, und setzte sich unrealistische Ziele.

Richard Hegglin
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Daniel Albrecht

Daniel Albrecht

Keystone

Als Daniel Albrecht in Innsbruck mit einem Schädel-Hirn-Trauma im Koma lag, erlaubte sich Dr. Hans Spring, der Chefarzt der Ski-Nationalmannschaft, einen Scherz. Er flachste mit dem Chefarzt der Uni-Klinik: Wenn Dani aufwacht und komisch redet, macht euch keine Sorgen: Er spricht Walliser Dialekt - wir verstehen das auch nicht.

Aus dem Scherz wurde bittere Realität. Als Albrecht sukzessive ins Bewusstsein zurückfand, verstand ihn niemand, nicht einmal seine engs-ten Angehörigen. Er schwadronierte über Dinge, die keinen Sinn machten: «Hundertvierundsechzig, hundertvierundsechzigtausend . . .» - er meinte damit seinen einstigen Kopfsponsor «Sport 164». Wenn es im Spital irgendwo piepste, ging er in die Hocke. Er glaubte, es sei ein Startsignal.

Seine Angehörigen machten sich grösste Sorgen. Dani musste neu sprechen lernen und jedem Gegenstand wieder ein Wort zuordnen: «Statt Fleisch sagte ich Audi. Ich wusste, was ein Schmetterling ist, aber nicht, wie man ihm sagt.» Dani Albrecht redet unverkrampft über jene Zeit: «Es war schon krass: Du weisst nicht einmal, wie du heisst. Man hat kaum Gedanken, aber man merkt: Etwas stimmt nicht.»

B. Quaglia im Zimmer 207

Daniel Albrecht machte enorm schnell Fortschritte. Nach der Verlegung von Innsbruck, wo er 20 Tage im künstlichen Koma verbracht hatte, bezog er unter dem Pseudonym «B. Quaglia» das Zimmer 207 im Berner Inselspital. Nach den Paparazzi-Attacken auf Bundesrat Rudolf Merz, der kurze Zeit vorher dort am Herzen operiert worden war, wollten die Ärzte auf Nummer sicher gehen.

Als erster Teamkollege durfte ihn nach zwei Monaten Carlo Janka besuchen. Dani redete inzwischen schon ziemlich flüssig, wiederholte aber oft noch die Endsilben der Sätze. Einen Monat später präsentierte er sich an einer Medienkonferenz in erstaunlich gutem Zustand. Noch etwas bleich und mit hohen Backenknochen zwar, aber eloquent und mit dem Albrecht-Schalk der besten Tage.

Wenige Wochen später stand er erstmals auf Ski und rückte in den Kondi-Kurs auf Mallorca ein. Er spürte: «Die Kollegen hatten noch etwas Hemmungen, wie sie mir begegnen sollten.» Und er selber fühlte sich gehemmt, an den Diskussionen teilzunehmen, weil Informationslücken bestanden und er Pointen nicht mitbekam. «Noch heute», so Albrecht, «halte ich mich zurück, wenn Jänks (Carlo Janka) und Punto (Sandro Viletta) sich über Fussball unterhalten.»

Faustregel: 20 Monate Reha

Für Albrecht war von Anfang an klar, dass es eine medizinische Faustregel gab: pro Tag Koma einen Monat Rehabilitation, also 20 Monate - im optimalen Fall. Aber er glaubte, die Zeit überlisten zu können, und setzte sich unrealistische Ziele. Auch wenn er stets, kaum hörbar, den Beisatz anfügte: «Wenn überhaupt . . .» Ein ehemaliger Chefarzt eines grossen Sportverbandes mit Insider-Kenntnissen fand: «Jetzt muss irgendwann mal einer den Mut haben, Dani die Wahrheit zu sagen.» Unter den Trainern herrschte ebenfalls Skepsis. Aber Dani Albrecht hatte sich seine eigene Wahrheit zurechtgelegt.

Er lernte unentwegt, und er lernte auch, Äusserungen aus seinem Umfeld zu interpretieren. Am meisten staunte er beim Comeback-Test als Vorfahrer beim letzten Weltcup-Finale in Garmisch: «Die einen waren total überrascht von meiner Fahrt. Für die andern wars eine Bestätigung, dass ichs wohl nie mehr schaffe.» Für ihn war nebst dem Renntest eines wichtig: Er schied bei jener Passage aus, die er bei der Besichtigung als Schlüsselstelle geortet hatte. Er konnte also noch einen Kurs «lesen»! Wiederholt sagt er: «Wenn man so auf den Kopf gefallen ist, ist nun mal der Kopf das Problem.»

Vorerst keine Abfahrten

Ein Quantensprung in seinem Reha-Prozess bildete das erstmalige Training auf Abfahrtsski mit einem 60-m-Sprung im September in Zermatt. Danach schickte er mitten im Training seiner Freundin Kerstin ein SMS und war überzeugt: «Jetzt bin ich hundertprozentig sicher, dass ich zurückkehre.» Und seine sonst so vorsichtige und zurückhaltende Freundin meinte: «Wenn Dani jetzt nie mehr Rennen fahren könnte, wäre ich wahrscheinlich noch mehr enttäuscht als er selber - so viel, wie er in das Comeback investiert hat.»

Der Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Die Fortsetzung ist offen. Präventiv hat sein Trainer Sepp Brunner vorerst ausgeschlossen, dass Albrecht in dieser Saison Abfahrten oder Super-G bestreitet. Aber Albrecht ist immer für eine Überraschung gut.