Skispringen
Der Vogelmensch fiebert mit Simon Ammann mit

Skisprung-Legende Walter Steiner lebt im schwedischen WM-Ort Falun, hofft auf Simon Ammanns Comeback und kämpft selber um Langlauf-Medaillen.

Simon Steiner
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Walter Steiner betrachtet die WM in seiner Wahlheimat Falun kritisch.

Walter Steiner betrachtet die WM in seiner Wahlheimat Falun kritisch.

KEYSTONE

Ohne ihn gäbe es wohl auch den Skispringer Simon Ammann nicht. Der Toggenburger Walter Steiner war in den 1970er-Jahren einer der grossen Stars der Szene. Als «Vogelmensch» bewundert, löste der begnadete Flieger mit seinen Erfolg in der Heimat eine Skisprung-Euphorie aus. In Wildhaus wurde eine Schanze gebaut, auf der später ein Bauernbub aus dem Nachbardorf Unterwasser sein Handwerk lernen sollte – der nachmalige vierfache Olympiasieger Simon Ammann.

Die Wege kreuzen sich

Kommende Woche kreuzen sich die Wege der beiden Toggenburger Überflieger in Schweden wieder. Seit 1990 lebt Walter Steiner in Falun, wo am Mittwoch die Nordischen Ski-Weltmeisterschaften beginnen. Dort will Ammann nach seinem schweren Sturz vom Dreikönigstag in Bischofshofen sein Comeback geben.

Steiner ist neben Ammann bis heute der erfolgreichste Schweizer Skispringer der Geschichte: An den Olympischen Spielen 1972 in Sapporo holt er eine Silbermedaille. Im gleichen Winter wird er Skiflug-Weltmeister, fünf Jahre später gelingt ihm dies nochmals. Insgesamt gewinnt er – den Weltcup gibt es damals noch nicht – 38 internationale Skispringen. Und dies, obwohl auch er nach teilweise furchterregenden Stürzen immer wieder mal im Spital landet. Und dies auch, obwohl er sich von den damals einflussreichen DDR-Funktionären wiederholt ungerecht behandelt fühlt. «Sie haben mich mit ihren Manipulationen um einige Erfolge gebracht», erinnert sich Steiner, der im Rückblick ein gewisses Verständnis dafür aufbringt. «Walter, du darfst gewinnen, wir aber müssen gewinnen», sagt ihm einmal ein ostdeutscher Offizieller.

Revolutionäre Sprungtechnik

Dabei ist Steiner als Aktiver seiner Zeit in einigen Belangen voraus. Auf seine revolutionäre Sprungtechnik in Kombination mit der Materialentwicklung sind die Schanzenbauer in den Siebzigerjahren nicht vorbereitet. Weil die Landehänge steiler sind als seine Flugkurve, springt er regelmässig vom Hang weg und muss seine Flüge vorzeitig abbrechen, um nicht in der Fläche zu landen und sich alle Knochen zu brechen. Steiner setzt sich bei der FIS für neue Regeln im Schanzenbau ein, bleibt aber lange ein einsamer Rufer in der Wüste. Erst in den Neunzigerjahren passt der Weltverband das Reglement schliesslich an – nach der WM 1993 in Falun, wo Steiner für die Präparation der Schanze zuständig ist. «Dort haben wir uns nicht an die FIS-Normen gehalten, sondern den Landehang mit Schnee so aufgefüllt, dass die Athleten besser landen konnten», erinnert sich Steiner heute.

Ein kritischer Geist ist er geblieben. Für die Kandidatur Faluns für die WM 2015 setzte sich Steiner zwar als Botschafter ein, im OK ist er diesmal jedoch nicht dabei. Seines Erachtens haben es die Schweden verpasst, ein nachhaltiges Nutzungskonzept für die WM-Anlagen zu erarbeiten – obwohl sich eine Einbindung in die touristischen Aktivitäten der ehemaligen Grubenstadt (Unesco-Welterbe) anbieten würde. «Ich bin überzeugt, dass es eine fantastische WM gibt», sagt Steiner. «Aber ich vermisse die längerfristige Sicht.»

Ambitioniert in der Loipe

Seine eigenen sportlichen Ambitionen hat der gelernte Holzbildhauer, der in Falun bei der Kirche als Handwerker und Restaurator angestellt ist, von der Schanze in die Loipe verlegt. Seinen 64. Geburtstag feiert er heute Sonntag in Kiruna mit einem Start an den schwedischen Senioren-Meisterschaften im Langlauf. Im März folgt dann die Reise nach Russland an die Masters-WM, wo er vor zwei Jahren in seiner Altersklasse einen kompletten Medaillensatz abräumte. Eine Rückkehr in die Schweiz ist kein Thema, obwohl Steiner von seiner schwedischen Frau getrennt lebt. In der Regel kommt er zu Weihnachten ins Toggenburg, um seine Mutter und die Verwandten und Bekannten zu besuchen.

Ammann einer der Allergrössten

Zunächst aber erhält er in seiner Wahlheimat Falun selber Besuch aus dem Toggenburg. «Ich bin gespannt, wie sich Simon Ammann nach der Verletzungspause an der WM schlägt», sagt Steiner, der das Skispringen und auch die Karriere seines Talgenossen nur noch aus der Distanz verfolgt. «Aber für mich gehört Simon ohnehin schon zu den allergrössten Skispringern. Mir muss er nichts mehr beweisen.»