Wo liegt die optimale Betriebstemperatur für einen Skispringer? Nimmt man Peter Prevc als Massstab, dann wird man sie im Minusbereich suchen. 25 000 Zuschauer im Olympiastadion von Garmisch-Partenkirchen hoffen auf einen Sieg seines deutschen Gegenspielers Severin Freund, als Prevc auf den Absprungbalken sitzt. Im Gesicht des 23-jährigen Slowenen ist keine Regung zu erkennen, er wirkt, als komme er direkt aus dem Tiefkühlfach. Dann stürzt er sich in die Tiefe, gewinnt das Neujahrsspringen und löst Freund als Leader in Vierschanzentournee ab.

Von dieser Position wird er in den letzten beiden Springen der Tournee nur schwer zu verdrängen sein. Prevc befindet sich derzeit in jener Überform, von der jeder Skispringer träumt. «Seine Technik ist sehr stabil und die effektivste, sein Flugsystem stimmt eigentlich immer», staunt Titelverteidiger Stefan Kraft. «Ich bin sehr zufrieden mit dem Niveau meiner Sprünge», sagt Prevc selber. Seine Mundwinkel sind zwar inzwischen aufgetaut, doch Emotionen und grosse Worte behält er lieber für sich.

Der grosse Triumph blieb ihm bisher verwehrt 

Und eigentlich sagen seine Leistungen ja auch alles. Nur einmal hat Prevc das Podest bisher in dieser Saison verpasst. Kein Wunder, kann sich der Slowene derzeit auf ein beneidenswertes Selbstvertrauen verlassen. Daran konnte auch der Rückschlag zum Tourneeauftakt in Oberstdorf nichts ändern, wo Prevc in Final von den Windverhältnissen her gegenüber Tagessieger Freund klar benachteiligt war, den Schaden dank eines exzellenten Sprungs auf den dritten Platz aber in Grenzen halten konnte.

Den grossen Titel hat Prevc in der Vergangenheit schon mehrmals knapp verfehlt. Von den Weltmeisterschaften 2013 im Val di Fiemme und den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi kehrte er mit je einer Silber- und einer Bronzemedaille zurück. Und vergangene Saison lieferte er sich mit Severin Freund ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Sieg im Gesamtweltcup. Am Ende herrschte Punktegleichstand – und Prevc zog deswegen den Kürzern, weil er weniger Tagessiege vorzuweisen hatte als sein Konkurrent.

«Wie eine Schweizer Uhr»

Möglicherweise war es gerade diese Niederlage, welche ihn auf diesen Winter hin zur entscheidenden Steigerung anstachelte. «Peter braucht zu Saisonbeginn jeweils eine Weile, bis er auf Touren kommt», stellte sein Nationalcoach Goran Janus in der Olympiasaison fest. «Aber dann funktioniert er so zuverlässig wie eine Schweizer Uhr.» Diesen Ablauf hat Prevc nun beschleunigt: «Ich habe im Sommer rund zehn Prozent mehr trainiert als in anderen Jahren – und dabei vor allem mehr Sprünge absolviert», sagt der dreifache slowenische Sportler des Jahres.

Vielleicht spürt Eismann Prevc aber auch nur den warmen Atem der familieninternen Konkurrenz im Nacken. Der 16-jährige Bruder Domen stand vor Weihnachten in Engelberg neben ihm auf dem Weltcuppodest und bestreitet nun seine erste Tournee. Experten bescheinigen ihm mindestens so viel Talent wie dem aktuellen Überflieger. Und auch Cene, der mittlere Bruder, ist Skispringer. «Er konzentriert sich gerade auf sein Studium», sagt Peter. «Aber er wird zurückkommen.»

Für den Tourneeleader gilt es schon heute in Innsbruck wieder ernst. Mit einem Vorsprung von 8,6 Punkten hat er den Gesamtsieg noch nicht im Trockenen. Dabei lockt Mitte Januar schon der nächste Titel: Weil er auch mit den ganz grossen Schanzen zurechtkommt, wird Prevc auch zur Skiflug-WM von Mitte Januar im österreichischen Bad Mitterdorf als Favorit antreten. An der Betriebstemperatur soll es nicht scheitern.