Analyse
Der Nordische Skisport ist auf dem Weg zur Nebensächlichkeit

Die Nordische Ski-WM in Seefeld ist vorbei. In Erinnerung bleiben ein Dopingskandal, dominante Norweger und eine Schweizer Team, dem kein Exploit gelang. Eine Analyse zu den wichtigsten Erkenntnissen aus Schweizer und internationaler Sicht.

Rainer Sommerhalder
Merken
Drucken
Teilen
Nordische Ski-WM
6 Bilder
Strahlen mit der Bronzemedaille: Killian Peier erhielt in Seefeld seinen verdienten Preis
Entspannen vor dem entscheidenden zweiten Durchgang: Killian Peier zwischen den beiden Sprüngen
Die Teamkollegen jubeln mit: Skispringer Killian Peier wird von Simon Ammann und Andreas Schuler umarmt und zu Boden gerissen.
Postkarten-Wetter und Scharen von norwegischen Langlauf-Fans: Auch das bleibt von der WM in Seefeld neben dem Dopingskandal in Erinnerung.
Nadine Fähndrich positioniert sich als Schweizer Zukunftshoffnung.

Nordische Ski-WM

KEYSTONE

Können 25 000 norwegische Fans falsch liegen? Für sie sind die Nordischen Ski-Weltmeisterschaften der Nabel der Sportwelt. Aber nicht nur auf den Strassen Seefelds wirkt die Dominanz der fahnengeschmückten Norweger inzwischen erdrückend. Auch sportlich sorgen die Skandinavier für gähnende Leere beim Rest der Welt. 13 von 22 möglichen Titeln ergattert, 25 Medaillen und damit 16 mehr als die zweiterfolgreichste Nation gewonnen. Und dabei kriseln die norwegischen Skispringer...

Was ist schlimmer für die Unterhaltung, als wenn die Sieger bereits vor dem Start feststehen? So erlebt bei den Distanzrennen der Langläuferinnen, wo die von einer Dopingsperre urückgekehrte Therese Johaug alles in Grund und Boden lief.

Norwegen kann nichts dafür, dass es im Nordischen Skisport derart überlegen ist. Aber es tut dem Sport damit keinen Gefallen. So pervers es tönen mag: Nicht einmal der Dopingskandal vermag grösseren Schaden anzurichten. An den beiden Tagen nach der spektakulären Polizeirazzia in Seefeld feierte die WM ihren grössten Zuschauer-Aufmarsch.

Der Langlauf erlebt in Zeiten von bildlich festgehaltenen Bluttransfusionen und medienwirksamen Inhaftierungen einen Effekt wie schon der Radsport. Die Anhänger säumen die Wege ihrer Helden zu Ruhm und Ehre unverändert zahlreich. Auch wenn sie immer exklusiver Rot-Weiss-Blau tragen.

Ist der Dopingskandal eine gute oder schlechte Sache?

Apropos Dopingskandal. Soll das, was wir die vergangenen Tage in Seefeld erlebt haben, nun pessimistisch oder optimistisch stimmen? Für die einen stehen die Erkenntnisse im Vordergrund, dass es im Spitzensport ohne illegales Nachhelfen nicht geht. Dass Dopingkontrollen offensichtlich nichts bringen. Und dass die Selbstreinigungskräfte des Sports ohne massives Eingreifen von Polizei und Justiz in keiner Weise funktionieren.

Andere weisen darauf hin, dass die neuen Antidoping-Gesetze den Sport sauberer machen. Dass man im Gegensatz zu früher nicht einfach nur einen betrügenden Athleten überführt, sondern dank koordinierten Ermittlungen von zivilen und sportlichen Behörden viele Hintermänner und ganze Netzwerke aushebeln kann. Und dass die Doper wegen der verstärkten Wirksamkeit der Massnahmen immer grössere Risiken auf sich nehmen müssen, etwa Bluttransfusionen auf Autobahn-Parkplätzen oder gar am Morgen des Wettkampfs, weil dann vom Reglement her bei einer Kontrolle kein Blut mehr entnommen werden darf.

Ein Nachfolger für die Überfigur Simon Ammann

Auch bei der Bilanz des Schweizer Teams stellt sich gleichsam die Frage nach dem halbvollen oder halbleeren Glas. Dank Skispringer Killian Peier feiert man eine Medaille mehr als bei der WM 2017 in Lahti und als dass aufgrund der Performance in dieser Saison von den Nordischen erwartet werden durfte. Und dank Peier wurde bei den Fliegern gerade noch rechtzeitig zum bevorstehenden Rücktritt von Überfigur Simon Ammann eine Nachfolgeregelung aufgegleist.

Simon Ammanns grossartige Karriere in Bildern Der Toggenburger springt weiter, auch wenn die Resultate 2016 und 2017 noch nicht stimmen.
26 Bilder
«Simi» stellt seine Landung komplett um. Neu setzt er mit dem rechten Bein vorne auf.
Die Umstellung erfolgte nach dem Horrorsturz an der Vierschanzentournee in Bischofshofen 2015.
Simon Ammanns Abschiedskuss in Sotschi
Simon Ammanns letzter Sprung
Fahnenträger Simon Ammann führte bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Sotschi das Schweizer Team in das Stadion
Abschied von der grossen Bühne
Doppel-Doppel-Olympiasieger! Simon Ammann gewann zwei Mal Gold in Salt Lake City 2002 sowie zwei Mal Gold in Vancouver 2010 (Bild aus Vancouver 2010)
Grossschanze in Vancouver 2010 Simon Ammann feiert in Vancouver den Gewinn seiner vierten Goldmedaille
Simon Ammann mit den beiden Goldmedaillen von den Olympischen Spielen in Vancouver 2010
Simon Ammanns Reaktion nach dem Gewinn der Goldmedaille auf der Normalschanze in Vancouver 2010
Simon Ammann zeigt stolz seine Goldmedaille, nachdem Gewinn auf der Normalschanze in Vancouver 2010
Simon Ammann macht nach dem Gewinn auf der Normalschanze den Flieger auf dem Podest
Simon Ammann wird nach der Rückkehr aus Vancouver am Flughafen in Zürich gefeiert
Simon Ammanns Reaktion nach dem Gewinn auf der Grossschanze in Salt Lake City 2002
Auch durfte er Platznehmen im Sauber Petronas-Formel-1-Auto im Jahr 2002
Simon Ammann strahlt im Swiss House in Salt Lake City mit seinen beiden Goldmedaillen um die Wette
Nach dem Sieg durfte Simon Ammann in mehrere Talkshows, unter anderem war er Gast bei Thomas Gottschalks «Wetten, dass...»
Simon Ammann war auch zu Gast bei David Letterman auf der ganz grossen Talkshow-Bühne in Amerika
Wenige Wochen nach dem Gewinn der Goldmedaillen in Salt Lake City wird Simon Ammann zum Schweizer Sportler des Jahres 2002 gekürt.
Simon Ammann nach dem Sieg auf der Normalschanze bei der Siegerzeremonie am 10. Februar 2002 in Salt Lake City
Sieg! Simon Ammann nach der Flower-Ceremony, bei der er für den Gewinn auf der Normalschanze in Salt Lake City 2002 ausgezeichnet wurde
Riesenjubel beim Schweizer Team nach dem Gewinn der Goldmedaille Im Bild Simon Ammann (Mitte) mit Sylvain Freiholz (links) und Andreas Küttel (rechts).
Simon Ammann fliegt am 10. Februar 2002 in Salt Lake City zu Olympia-Gold!
Simon Ammann freut sich beim Skispringen-Weltcup 2001 in Engelberg über seinen zweiten Platz
Simon Ammann als 16-Jähriger beim Auftaktspringen zur Vierschanzentournee in Oberstdorf im Jahr 1997

Simon Ammanns grossartige Karriere in Bildern Der Toggenburger springt weiter, auch wenn die Resultate 2016 und 2017 noch nicht stimmen.

Keystone

Mit Nadine Fähndrich kann eine junge Langläuferin neu auf WM-Niveau in die Weltklasse vorstossen. Und dank Dario Cologna taucht der Schweizer Langlauf bei den Männern
im vordersten Teil der Ranglisten auf.

Zu wenig Ertrag für den betriebenen Aufwand

Also alles in bester Ordnung? Mitnichten. Die Schweizer Nordischen haben in Seefeld in der Summe einen Rückschritt erlebt. Die Nordische Kombination schafft sich gerade ab. Im Skispringen und beim Frauen-Langlauf ist man in Zukunft noch mehr von Einzelmasken abhängig als in jüngster Vergangenheit.

Wehe, wenn Peier oder Fähndrich verletzt ausfallen. Und bei den Männern muss man Cologna beinahe schon beknien, seine Karriere bis zu den Winterspielen 2022 in Peking fortzusetzen. Nicht unbedingt, weil man von ihm weitere WM-Titel oder Olympiasiege erwarten sollte. Sondern, weil hinter dem 32-Jährigen ein so grosses Leistungsloch klafft wie seit Jahren nicht mehr.

Die direkte Konkurrenz enteilt Swiss Ski

Die Schweizer Langläufer werden nie mit den dominierenden Norwegern und Russen Schritt halten. So blieb Cologna am Abschlusstag der WM auch wegen der Teamtaktik dieser beiden Nationen im Rennen über 50 km ohne Medaillenchance. Aber der Anspruch von Swiss Ski muss lauten, quantitativ wie qualitativ auf Augenhöhe mit den Franzosen zu sein. Schliesslich betreibt der Verband einen ungleich grösseren finanziellen Aufwand als der Nachbar.

Doch dieser ist uns zuletzt enteilt. Was bringt ein aufgerüstetes, topmodernes Leistungszentrum in Davos, wenn der Effekt ausbleibt? Die junge Garde stagniert und kämpft in beunruhigender Häufigkeit mit Folgen von Übertraining. Es ist Zeit, über die Bücher zu gehen, vielleicht personelle Konsequenzen zu ziehen. Die Betreuung muss mit der Qualität der Infrastruktur korrespondieren. Sonst droht dem Nordischen Skisport das Verschwinden in der Nebensächlichkeit.