Ski alpin
Der Kampf gegen die Windmühlen

Im finnischen Levi erfolgte heute der Auftakt in den Slalom-Weltcup, der Schweizer Sorgendisziplin.

Richard Hegglin
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Der Kampf gegen die Windmühlen

Der Kampf gegen die Windmühlen

Der momentane Ski-Boom überdeckt das Problem. In der Sorgendisziplin Slalom kommen die Schweizer nicht vom Fleck. Heute und morgen wird beim Auftakt in Levi ein neuer Anlauf aus der Sackgasse genommen. Die beiden Cheftrainer Martin Rufener und Mauro Pini müssen sich vorkommen wie Don Quijote im ausweglosen Kampf gegen die Windmühlen. Bei den Männern dürfen gerade noch vier im Weltcup starten. Silvan Zurbriggen (Nr.4) und Marc Gini (Nr.24) halten das Fähnchen aufrecht. Die Schweizerinnen sind erstmals im Weltcup gänzlich aus den ersten zwei Startgruppen verschwunden. Sandra Gini, die nach einem Kreuzbandriss ihr Comeback gibt, steht dank dem Verletztenbonus als Beste auf dem 35. Platz der Rankings.

Warum nur herrscht im Flaggenwald so tiefe Finsternis? «Das frage ich mich auch», antwortet Männer-Chef Rufener, «wobei es ja nicht so ist, dass wir überhaupt nirgends sind. Mit Zurbriggen und Gini haben wir starke Spitzenfahrer und mit Justin Murisier und Junioren-Weltmeister Reto Schmidiger sehr begabte Nachwuchsleute. Aber im Vergleich zu den übrigen Disziplinen sind wir im Slalom klar am schwächsten.»

Siegverhältnis Abfahrt-Slalom: 8:1

Die Misere hat in der Schweiz eigenartigerweise Tradition. Seit der Gründung des Weltcups im Jahr 1967 hinkt der Slalom den andern Disziplinen hinterher. Während in der Abfahrt Didier Cuche im letzten Winter in Lake Louise den 100.Schweizer Sieg (inzwischen sind es 105) feierte, gab es im Slalom erst 13 Erfolge. Das ist ein Verhältnis von 8:1. Und keiner gewann mehr als zwei Rennen, selbst ein Pirmin Zurbriggen nicht.

«Das könnte daran liegen, dass
in andern Ländern mangels hoher Berge zwangsläufig mehr in den Slalom investiert wird», orakelt Rufener. Aber auch die Nachbarländer sind
im Slalom klar besser. «Wenn ich bei den Levi-Vorbereitungen in Zinal den Franzosen zuschaute, sah ich drei, vier neue Gesichter, die mich beeindruckten», sagt Rufener. Und räumt ein: «Obwohl wir seit ein paar Jahren die Selektionen auf die Technik ausrichten, kommen wir im Slalom auf keinen grünen Zweig. Dazu», so Rufener, «hatten wir in der Vergangenheit Pech mit Verletzungen.»

Tatsächlich scheint sich im letzten Jahrzehnt alles gegen die Slalom-Talente verschworen zu haben. Denn auf der Nachwuchsstufe war die Schweiz die erfolgreichste Nation mit vier Junioren-Weltmeistern: Daniel Défago 2000, Marc Berthod 2003 (vor Daniel Albrecht), Raphael Fäss-ler 2004 (vor Ted Ligety!) und Reto Schmidiger 2010. Défago und Fässler mussten ihre Karriere verletzungshalber abbrechen, die «Zwillinge» Berthod und Albrecht wurden zurückgebunden.

So ist der 36-jährige, für Moldawien startende Bündner Urs Imboden als Nr.19 nominell der zweitbeste Schweizer zwischen Zurbriggen und Gini. Hinter diesen beiden hat sich der 26-jährige Markus Vogel im internen Training als Nr.3 etabliert. Und der 4. und letzte Startplatz ging an die 18-jährige Nachwuchshoffnung Justin Murisier auf Kosten von Marc Berthod.

Doch Rufener, der mit der Bildung einer spezialisierten Trainingsgruppe unter der Leitung von Reto Schläppi dem Problem zu Leibe rücken will, erinnert: «Im Slalom mit dem ho-
hen Ausfallrisiko muss man mental enorm gut drauf sein. Deshalb starteten wir ein Projekt mit einem Psychologen, der ins Team integriert ist.» Der Olympia-erprobte Fachmann Jörg Wetzel wird temporär die Slalomfahrer begleiten. «Bisher», so Rufener, «machte jeder irgendwo irgendwas.»

Pini mit «eisernem Besen»

Bei den Frauen hat die Slalom-Misere den bisherigen Chef Hugues Ansermoz den Kopf gekostet. Der neue Chef Mauro Pini visiert mit «eisernem Besen» das Fernziel Sotschi 2014 an und hat im Frühjahr Jessica Pünchera und Aïta Camastral ausgemustert und Rabea Grand wegen technischer Unzulänglichkeiten in der internen Ausscheidung über die Klinge springen lassen. Diese drei, die alle auf privater Basis trainieren, besässen aufgrund ihrer Weltranglisten-Klassierung theoretische Startplätze, die für Levi aber an Denise Feierabend, Esther Good, Wendy Holdener sowie Lara Gut gingen.

Im Gegensatz zu den Männern weisen die Frauen, obwohl der letzte Podestplatz schon sieben Jahre (Sonja Nef) und der letzte Sieg schon neun Jahre (Marlies Oester) zurückliegt, im Slalom eine starke Bilanz auf. Dank Vreni Schneider (34 Siege), Erika Hess (21) und Lise-Marie Morerod (10) sind sie in der ewigen Rangliste immer noch die Nummer 1.