Bei Sepp Gratzer herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Der 59-jährige Österreicher hat seine Kammer zwischen den Teamkabinen und dem Schanzenauslauf. Immer wieder öffnet sich die Tür. Mal bringt ein Betreuer einen Sprunganzug zur Erstprüfung, mal kommt einer mit einer Digitalkamera vorbei und zeigt Bilder eines Skisprung-Schuhs, der von der Konkurrenz verwendet wird. Ob dies regelkonform sei, will der Betreuer wissen.

Gratzer ist im Skisprung-Weltcup verantwortlich für die Materialkontrolle. Konkret: Er muss dafür sorgen, dass die strengen Ausrüstungsnormen eingehalten werden. Von der Skilänge über die Bindung bis zum Schuh ist alles genau reglementiert – vor allem aber der Sprunganzug, der vor dem ersten Wettkampfeinsatz genau geprüft und plombiert und danach bei Stichproben immer nachkontrolliert wird.

Der Anzug darf bei aufrechter Haltung eine Toleranz von 3 cm zum Körper aufweisen und muss 4 bis 6 mm dick sein. Die Luftdurchlässigkeit soll mindestens 40 Liter pro Quadratmeter und Sekunde betragen. Auf dem Tisch im Kontrollraum liegt eine Liste mit den Körpermassen aller Athleten: Jeder hat die Ausrüstung, die auf ihn persönlich abgestimmt ist.

Gegenseitiges Misstrauen

Dass Betreuer mit Bildern von Ausrüstungskomponenten anderer Teams bei Gratzer vorbeikommen, ist keine Ausnahme. «Ich bekomme viele Bilder zu sehen», sagt der Kärntner. «Und zwar ausschliesslich solche, welche die Ausrüstung der Konkurrenz zeigen. Die Trainer und die Athleten sind die besten Kontrolleure.»

Für Gratzer ist dies ein Beleg für das gute Einvernehmen zwischen den Teams und ihm. «Wir haben ein Vertrauensverhältnis. Die Athleten und die Betreuer wissen, dass sie immer zu mir kommen können. Was in diesem Raum besprochen wird, bleibt hier drin.»

Nicht alle interpretieren das in der gleichen Weise. «Unter den Teams besteht ein grosses Misstrauen», sagt ein Insider. «Man verdächtigt sich gegenseitig, mit kleinen Tricks zu betrügen.» Insbesondere die Anzugsfläche im Schritt, die in der Luft unter Umständen zusätzliche Tragfläche bieten kann, steht unter dauernder Beobachtung. «Es ist fast nicht möglich, in diesem Bereich zu schummeln», entgegnet Gratzer. «Das würden wir merken.»

Auch die Spitzenspringer müssen dran glauben

Kritiker stossen sich daran, dass das Kontrollsystem des internationalen Skiverbandes FIS praktisch als Ein-Mann-Betrieb funktioniert. Gratzer erhält zwar punktuell Unterstützung durch zusätzliche Beobachter oben auf der Schanze, für eine genauere Kontrolle ist er aber allein zuständig. «Das ist ein Vorteil», sagt Gratzer. «So gilt für alle der gleiche Massstab. Ich messe bei allem gleich richtig und gleich falsch.»

Pro Durchgang kommen rund 15 Springer an die Reihe, darunter jeweils auch die besten – und zwar erst nach dem Sprung. «Mehr ist nicht möglich, ohne allzu sehr in den Wettkampfablauf einzugreifen», sagt Gratzer, der die Springen aus dem Kontrollraum heraus auch im Fernsehen mitverfolgt, um mögliche Unregelmässigkeiten mitzubekommen.

Entspricht die Ausrüstung nicht der Norm, wird der Athlet disqualifiziert. Grosse Namen werden nicht geschont. Jeder der Spitzenspringer musste in seiner Karriere schon mal dran glauben. In gewissen Fällen belässt es Gratzer bei einer Verwarnung. «Die Anzüge können sich mit der Zeit etwas ausdehnen.» Wenn er beim Abtasten den Eindruck hat, dies sei passiert, weist er den Athleten darauf hin mit der Ankündigung, beim nächsten Mal nachzumessen.

«Muss schon ein Auge darauf haben»

Dies ändert nichts daran, dass die Handykameras im Springerlager öfter gezückt werden als andernorts. Nicht jedem gelingt es da, den Fokus auf das Wesentliche zu richten. «Gerade jungen Athleten fällt es manchmal schwer, sich von der Materialfrage nicht ablenken zu lassen», sagt der Schweizer Skisprung-Chef Berni Schödler. «Es ist viel wichtiger, auf die eigene Technik zu achten als auf das Material der Konkurrenz.»

Nicht einfacher wird es, wenn vermeintlich inkriminierende Bilder per Mail wild umhergeschickt werden, wie dies während des Sommer-Grand-Prix in der Nordischen Kombination der Fall war. Mit Scheuklappen gehen aber auch erfahrerene Skispringer wie Simon Ammann nicht an die Schanze.

«Man muss schon ein Auge darauf haben, was die anderen ausprobieren», sagt der 33-Jährige. «Sonst hat man schnell eine Entwicklung verpasst.» Und dann würde es Ammann ergehen wie an den Olympischen Spielen in Vancouver den Gegnern, als Ammann diese mit seiner revolutionären Bindung schockte. «Es braucht einen Mittelweg zwischen Offenheit und Konzentration auf die eigenen Dinge.»