Wie ist es möglich, dass eine Frau, die für dienstuntauglich erklärt wird, Olympiagold in der Abfahrt gewinnt?

Dominique Gisin: Es war eine verrückte Geschichte. Nach all diesen Kniegeschichten war es logisch, dass ich dienstuntauglich bin. Ich habe damals selbst nicht daran geglaubt, jemals wieder beschwerdefrei Ski fahren zu können.

War der Stempel «dienstuntauglich» ein harter Schlag?

Ich hätte mich eh zwischen Kampfjetpilotin und Skifahrerin entscheiden müssen. Skifahrerin war aber schon immer mein Kindertraum. Mit dem Fliegen habe ich natürlich erst später, während der Verletzungspausen, begonnen. Ich liebe das Fliegen. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht den Jets hinterherschaue. Deshalb lachen mich auch alle immer aus.

Was ist das stärkere Gefühl: Fliegen oder auf Ski mit 120 km/h den Berg hinunter zu rasen?

Das schönste Gefühl war, in Sotschi befreit den Berg hinunter zu fahren. Für dieses Gefühl, wenn alles fliesst und man dabei entspannt ist, habe ich immer gelebt.

Am 18. Mai stimmen wir über die Beschaffung des Gripen ab. Als Pilotin sind Sie prädestiniert, eine Expertenmeinung abzugeben.

(Lacht.) Da weiss ich viel zu wenig Bescheid, als dass ich dazu eine kompetente Auskunft geben könnte. Es wäre vermessen, wenn ich als Pilotin eines «Tschu-Tschu-Flugzeugs» einen Kommentar zu einem Kampfflugzeug abgeben würde.

Seit Sie sich im Januar 2012 ohne zu stürzen verletzt haben, fuhren Sie mit angezogener Handbremse. Wie ist es Ihnen gelungen, ausgerechnet in Sotschi die Blockade zu lösen?

Das ist nicht auf einen Moment zurückzuführen. Zusammen mit meinem Mentalcoach hatte ich die letzten zwei Jahre einen harten Kampf um Millimeter geführt. Immer wieder hatte ich das Gefühl, ich sähe das Licht durchschimmern. Doch umgehend hat sich wieder eine Wolke davor geschoben. Vergangenen Frühling stand ich vor der Entscheidung: Den schwierigen Weg weiterzugehen oder weg von den Speed-Disziplinen und hin zu Slalom und Riesenslalom. Die letzten zwei Jahre musste ich im Ziel nicht auf die Anzeigetafel schauen, weil ich spürte, dass ich die Komfortzone nicht verlassen habe.

Warum ist es Ihnen in Sotschi gelungen, die Komfortzone zu verlassen?

Ein grosser Schritt war sicher das Sommertrainingslager in Südamerika bei extrem schwierigen Bedingungen: haarsträubend wenig Schnee, enges Gelände, kaum gesicherte Pisten, schlechtes Wetter. Dort musste ich mich überwinden. Der nächste Schritt war die interne Ausscheidung in Sotschi. Weil Fränzi Aufdenblatten so stark gefahren ist, blieb mir gar nichts anderes übrig, als im Training Risiken einzugehen. Nach meiner Qualifikation für die Olympia-Abfahrt fühlte ich mich erstmals seit zwei Jahren wieder als richtige Skirennfahrerin.

Sie gelten als äusserst ehrgeizig, gingen während zweier Jahren aber an den Start, obwohl Sie keine Siegchancen hatten.

Das war sehr schwierig. Ich habe häufig gezweifelt und war hin und wieder sogar nahe der Verzweiflung.

Was treibt Sie an?

Die Liebe zum Sport. Die Sehnsucht nach dem Gefühl einer befreiten Fahrt. Und der Wille, diese Herausforderung, die neu für mich war, anzunehmen und diesen Stein aus dem Weg zu räumen.

Sie sind die älteste von drei Geschwistern – notabene alles Skirennfahrer. Durften Sie schon deshalb nicht aufgeben, weil Sie für Ihre Geschwister das Vorbild sind?

Nein, diesen Druck habe ich nicht gespürt. Charakterlich sind wir ziemlich unterschiedlich. Aber es ist wunderschön, die gleiche Passion zu haben. Marc gibt mir viele technische Inputs. Und Michelle ist ein grundpositiver Mensch.

Gold ist wertvoll: Kaufen Sie sich nun ein Flugzeug?

Nein, ich bin in Kägiswil im Club. Ein Flugzeug zu besitzen, bedeutet viel zu viel administrativer Aufwand.

Wie wollen Sie die Goldmedaille vermarktungstechnisch vergolden?

Das spielt im Moment keine Rolle. Für mich war der Sieg ein mega, mega schöner Moment. Alles andere wird sich weisen.

Eine Olympiamedaille kann auch zur Bürde werden.

Im Moment habe ich vor allem Freude. Ansonsten dominiert bei mir vor allem das Gefühl der Erleichterung, dass ich wieder auf diesem Niveau mitfahren kann. Dass ich unter Druck, der nie mehr grösser sein wird, diese Leistung abrufen konnte. Das kann mir niemand mehr nehmen.

Aber der Fokus der Öffentlichkeit wird von jetzt an viel mehr auf Sie gerichtet sein.

Ja, aber der Druck, der entscheidend ist für meine Leistung, ist der, den ich mir selbst auferlege. Deshalb glaube ich nicht, dass die Goldmedaille zu einer Bürde wird.

Sie sind im Umgang mit Social Media, also Twitter und Facebook, schon jetzt recht engagiert. Mit welcher Absicht?

Für mich ist es eine Möglichkeit, den Fans etwas zurückzugeben, ihnen einen Einblick in meinen Alltag zu gewähren. Ich kann meine Gedanken direkt und ohne Filter wiedergeben. Das betrachte ich als sehr wertvoll. Gleichzeitig kann ich auch das schützen, was ich will. Und es ist wirklich überwältigend zu erleben, wie die Leute mitfiebern.

Wie viele SMS haben Sie nach Ihrem Sieg erhalten?

Ich habe sie nicht gezählt. Es sind auf jeden Fall so viele, dass ich noch eine Weile damit beschäftigt sein werde, meine Pendenzen abzutragen (lacht). Ich versuche, mir jeden Tag eine Stunde Zeit zu nehmen, um alles blockweise zu erledigen.

Das tönt anstrengend.

Ist es aber nicht. Ich nehme mir wirklich gerne Zeit dafür. Diese Reaktionen zu erleben, ist überwältigend und einfach herzig. Die letzten zwei Jahre waren so schwierig für mich. Ich habe so viel investiert und so wenig zurückerhalten. Deshalb schöpfe ich umso mehr Kraft aus diesen Reaktionen.

Sie haben den Numerus clausus für Medizin bestanden und ein Physikstudium begonnen. Was werden Sie daraus machen?

Das Studium war ein Versuch, ob es mit dem Skifahren vereinbar ist. Das ist es aber nicht. Trotzdem habe ich realisiert, dass mir Physik voll zusagt.

Medizin ist kein Thema? Schliesslich bringen Sie nach neun Knieoperationen ziemlich viel Wissen mit.

Es wäre sicher spannend. Aber der Weg zum Mediziner ist sehr lang. Zu lang, um ihn nach dem Sport noch einzuschlagen.

Wie stillen Sie Ihren Wissensdurst ohne Studium?

Ich lese mich zu Tode. Ausserdem übe ich momentan zur Ablenkung italienische Grammatik.

Mit welchen Erwartungen sind Sie nach Sotschi gereist?

Ich habe eine Blase erwartet, analog zu Vancouver. Ich liebe Kanada. Doch während der Olympischen Spiele habe ich nicht viel von Kanada gesehen. Aber das ist Olympia. Eine Blase. Als Athlet ist man fokussiert, wohnt im olympischen Dorf, da kriegt man nicht viel mit von der Aussenwelt. Für uns Athleten waren es grossartige Spiele. Top-Organisation, faire Wettkämpfe, kurze Wege.

Wie wird Ihnen – abgesehen von der Goldmedaille – Sotschi in Erinnerung bleiben?

Landschaftlich ist Sotschi atemberaubend. Es ist wunderschön, wenn man auf dem Berg oben den Sonnenaufgang erlebt und am Horizont das Meer sieht. Auch die Herzlichkeit der Menschen wird mir in Erinnerung zu bleiben.

War es richtig, die Spiele an Sotschi zu vergeben?

Das ist zum Glück nicht meine Entscheidung. Deshalb will ich das nicht weiter kommentieren.

Sie haben die Verhältnisse in Sotschi erlebt. Hat die Schweiz eine Chance, jemals wieder Olympische Winterspiele auszutragen?

Ja, aber in einem völlig anderen Rahmen. Schade, hat die Abstimmung in Graubünden das Projekt früh begraben. Für unser Land wäre es eine grosse Chance gewesen, für den Sport sowieso. Was der Sport auslösen kann, haben die letzten beiden Wochen ja eindrücklich bewiesen. Wenn ich da nur schon an unsere Eishockey-Spielerinnen denke, könnte ich gleich wieder heulen (lacht).