Ski alpin

Das Giganten-Duell: Marcel Hirscher vs. Mikaela Shiffrin – wer ist besser, wer hat die Nase vorn?

Das Duell um den Thron: Mikaela Shiffrin und Marcel Hirscher.

Das Duell um den Thron: Mikaela Shiffrin und Marcel Hirscher.

Das Wettbieten hat begonnen: Wer knackt Ingemar Stenmarks Rekord von 86 Weltcupsiegen? Vor allem die Journalisten aus Österreich lassen in Åre keine Gelegenheit aus, ihren Skihelden in die Poleposition zu bringen.

Also, Herr Stenmark, wird Sie Marcel Hirscher überflügeln? Es ist immer wieder die gleiche Frage. Und die Antwort ist es ebenso: «Ja», sagt der 62-jährige Stenmark jedem, der fragt, und ergänzt bescheiden: «Gegen Marcel Hirscher hätte ich keine Chance gehabt.» Die Österreicher haben, was sie wollen.

68 Weltcuprennen hat Hirscher bisher gewonnen und ist dem Rekord von den noch aktiven Athletinnen und Athleten in der Tat am nächsten. Doch in den Schlagzeilen in Österreich fehlt meist etwas: der Name Mikaela Shiffrin.

Die Amerikanerin hat 56 Weltcupsiege. Und Ingemar Stenmark sagt: «Sie wird über 100 Rennen gewinnen.» Die Frage scheint einzig, wird sie die 86 Siege des Schweden noch vor Hirscher erreichen? Shiffrin hat in dieser Saison bisher 13 Weltcuprennen gewonnen, der Österreicher 10. Die Hochrechnungen starten.

Der König: Marcel Hirscher dominiert seit Jahren.

Der König: Marcel Hirscher dominiert seit Jahren.

Nüchternheit dominiert 

Hirscher oder Shiffrin? Eigentlich hätte Hirscher exakt einen Tag nach Stenmark im gleichen Raum sitzen sollen. Auf einem Sofa zwischen Plastikwänden. Zwar werden nur wenige Meter Luftlinie entfernt im Ziel die Weltmeisterinnen und Weltmeister gefeiert, doch im Medienzelt ist davon nichts zu spüren.

Hier dominiert Nüchternheit. Und die braucht es – neben enormem Ehrgeiz –, um erfolgreich zu sein. Das Motto: Nichts ist selbstverständlich, aber fast alles ist möglich. So tickt Hirscher. Und so tickt Shiffrin.

Zwar kommt Hirscher dann doch nicht. Er entschuldigt sie krankheitshalber. Aber der karge Raum unweit vom Ziel passt ebenso wunderbar. Hier machen sich selbst die Grössten klein. Und das bewusst. Hirscher betont seit Jahren fast gebetsmühlenartig, dass Rekorde etwas seien für später, wenn er als alter Mann mit einem Glas Rotwein vor dem Kaminfeuer sitze und zurückdenke.

Die Last der Erwartungen

Sportler brauchen die Gegenwart. Sie klammern sich daran. Kalkulierte Erfolge in der Zukunft können hemmen. Oder sogar kaputtmachen. Das erlebte Shiffrin. Besonders an den Olympischen Spielen 2018 in Südkorea vor dem Slalom.

Shiffrin gewinne, wer sonst, hatte es geheissen – wie eigentlich vor jedem Rennen, an dem sie am Start steht. Dann wurde sie nur Vierte und ausgerechnet in ihrer stärksten Disziplin. Der «Süddeutschen Zeitung» sagt sie später: «Die Last der Erwartungen hat mich erdrückt.»

Mikaela Shiffrin und Marcel Hirscher im Vergleich

Mikaela Shiffrin und Marcel Hirscher im Vergleich

Man darf eines nicht vergessen: Mikaela Shiffrin ist erst 23 Jahre und 338 Tage alt. Als Hirscher exakt gleich alt war, es war am 3. Februar 2013, stand für ihn gerade die Heim-WM in Schladming bevor. Und er erlebte Druck in einer nochmals anderen Dimension. Während der Skisport in den USA maximal eine Randerscheinung ist, ist er in Österreich Nationalsport Nummer eins. Ein ganzes Land erwartete Gold von Hirscher.

Er hatte da zwar schon den Gesamtweltcup gewonnen, 2012 mit 15 Punkten Vorsprung auf Beat Feuz. Und er hatte im Weltcup schon 48 Mal triumphiert. Doch WM- oder Olympiamedaillen fehlten noch.

Verglichen mit Shiffrin (siehe Grafik) stand Hirscher erst am Anfang. Nach den Olympischen Spielen 2018, als er endlich und erstmals olympisches Gold gewann, fragte ihn «Spox.com», ob der Druck, eine der letzten Lücken zu schliessen, nicht unaushaltbar gewesen sei. Hirscher lachte. «In Schladming ist es um alles gegangen. Auch darum, ob ich es schaffe, ein Grosser in diesem Sport zu werden oder nicht. Das war richtig krass.» Olympiagold war nur noch Zugabe.

Mikaela Shiffrin - die Slalom-Queen gewinnt erstmals Gold im Speedbereich.

Mikaela Shiffrin - die Slalom-Queen gewinnt erstmals Gold im Speedbereich.

In Schladming gewann Hirscher Gold im Slalom, Silber im Riesenslalom und Gold mit dem Team. Er wurde seither zu dem Mann, der siebenmal in Serie den Gesamtweltcup gewonnen hat, der auch am Ende dieses Winters die grosse Kristallkugel erhalten wird. An der WM in Åre ist er trotz Krankheit im Riesenslalom und Slalom der Topfavorit.

Shiffrin arbeitet seit den Erfahrungen in Südkorea, als sie vor dem Start so angespannt war, dass sie sich übergeben musste, mit einem Sportpsychologen. «Ich bin gerade dabei, zu lernen, wie ich es schaffe, die Erwartungen zu ignorieren. Wenn ich weiter darüber nachdenke, was jeder da draussen von mir erwartet, ruiniert das meine Leistung und ich werde noch ganz verrückt.»

Stenmarks weise Worte

Geholfen habe ihr auch Roger Federer, den sie im vergangenen Sommer traf. Er habe ihr gesagt, sie müsse lernen, Erfolge zu geniessen. Das ist etwas, das sie selbst kontrollieren kann. Die Erwartungen hingegen werden die gleichen bleiben. Auch hier in Åre, wo sie schon Gold im Super-G gewann. Alles andere als weitere Siege im Riesenslalom heute und Slalom am Samstag würden ihr als Enttäuschung ausgelegt werden.

Selbst Stenmark sagt: «Mich interessiert mein Rekord nicht mehr.

Selbst Stenmark sagt: «Mich interessiert mein Rekord nicht mehr.

Hirscher und Shiffrin werden längst in anderen Dimensionen beurteilt. Es geht nicht mehr um den nächsten Sieg. Es geht um Rekorde für die Ewigkeit. Hirscher fehlen 16 Siege zur Marke von Stenmark, bei Shiffrin sind es 30. Man spricht nicht darüber, ob sie es schaffen, sondern fragt sich, ob bereits in den nächsten zwei oder drei Saisons.

Doch wer ist nun besser. Die Statistik im gleichen Alter sagt klar: Mikaela Shiffrin. Doch was heisst das schon. Selbst Stenmark sagt: «Mich interessiert mein Rekord nicht mehr. Es ist schön, darüber zu reden, aber man kann Rekorde sowieso nicht vergleichen.»

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