Weltcup
Das geheime Skidress der Schweizer

Nanobehandlungen mit Protonenkanonen oder Tests mit der Haut von Delfinen. Für das Schweizer Skidress wird Hightechforschung auf höchstem Niveau betrieben.

Michael Küng
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Markus Lutz

Markus Lutz

Zur Verfügung gestellt

Am Samstag startet die Weltcup-Saison der Alpinfahrer. Wenn der Skizirkus wieder ins Rollen kommt, muss alles Material perfekt abgestimmt sein. Skier, Bindung, Wachs, Helm, Brille - und: Das Dress.

Produktentwickler Markus Lutz mag einen Fahrer ganz besonders: «Typen wie Carlo Janka sind nicht zimperlich. Er hat nur den schnellsten Anzug im Auge. Kälte und Wind sind ihm da kein Hindernis». Andere Fahrer zerbrechen sich solange den Kopf über die Dresswahl, dass sie sich auch mal erst kurz vor dem Rennen entscheiden, in welchem Anzug sie die Piste runterbrettern.

Was ist neu am Weltcupdress?

Für die Saison 2010/2011 wurde die Aussenseite neu behandelt, um den Anzug aerodynamischer zu machen. Die Kompressionen wurden neu aufgeteilt, um die Stabilität und Sicherheit des Fahrers zu stärken.

Aber was genau hinter den heute im Skizirkus eingesetzten Hightechanzügen steckt, ist streng geheim. Nur so viel: Die Anzüge werden je nach Ansprüchen aus idealerweise weniger als zehn Teilen geschneidert; zwei Ärmel, zwei Beine, zwei Teile für den Oberkörper, ein Kragen und gegebenenfalls weitere Supplements.

Hightech, statt Kunst

Für die Verbesserung von Kleidung und Textilien lassen die Forscher um Produktentwickler Markus Lutz nichts unversucht. Der Österreicher arbeitet seit 15 Jahren für die Christian Eschler AG im appenzellischen Bühler.

Sehenswürdigkeit der kleinen Gemeinde ist die 1723 erbaute Kirche, die Einwohner werden immer weniger, 1654 waren sie 2009 noch an der Zahl. Die Dorfstrasse säumen zahlreiche alte Fabrikgebäude aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Reliquien aus einer besseren Zeit. Einer Zeit, in der Stick- und Textilindustrie florierten und die Ostschweiz weltbekannt machten.

Was früher tausende Handarbeiter an einfachen Nähmaschinen schafften, führt heute eine kleine Textilfabrik fort: Sie exportiert Ostschweizer Qualität in die Welt hinaus. Dabei ist die Zierde zweitrangig. Die Firma Eschler setzt auf funktionale Kleidung. Hightech, statt Kunst. Mit riesigem Aufwand wird hier geforscht und getüftelt. Für die Verbesserung der Aerodynamik von Sportkleidung beispielsweise werden in den Labors etwa Delfinhäute oder Vogelfedern imitiert.

Wie eine Sandechse beinahe den Wintersport revolutioniert hätte

Keine Idee ist zu ausgefallen. So versuchten die Forscher beispielsweise, die Haut der Sandechse zu imitieren. Das Reptil lebt in der Trockenwüste Namib, wo es Temperaturen von bis zu 80 Grad aushält. Um auf dem heissen Sand zu überleben, entwickelte seine Haut eine einzigartige Struktur. Sie ist darauf ausgelegt, dem heissen Sand so wenig Kontaktfläche wie nur möglich zu bieten. Eigenschaften, die auch im Wind nützlich sein könnten, weil die Reibung reduziert wird.

Eine Umsetzung der Idee gelang den Forschern aber bislang nicht, wie Markus Lutz gegenüber azNetz erzählt. Überhaupt redet der Österreicher lieber über gescheiterte Experimente als gelungene. Denn was heute schon in den Anzügen alles drinsteckt, weiss man nur in Bühler. Und das soll so bleiben.

Verschiedene Anzüge zur Auswahl

Jedem Fahrer stehen mehrere Anzüge zur Verfügung, die jeweils aus einem anderen Stoff geschneidert sind. Wobei der Begriff «Stoff» zu wenig weit greift. Jedes Textil ist ein Laminat, ein aus wiederum drei verschiedenen Schichten erarbeitetes Material. So schützt beispielsweise der eingesetzte Kleber vor Wind und Kälte. Nanobehandlungen machen die Struktur aerodynamisch und wasserabweisend. Schnitte beeinflussen Kompression, Durchblutung und Stabilität des Fahrers.

Die verschiedenen Anzüge unterscheiden sich in Wärmeverteilung, Aerodynamik und Stabilität. Welcher Fahrer aber welchen Anzug bevorzugt, ist ein streng gehütetes Geheimnis. Dabei hat jeder seine eigene Herangehensweise an die Dresswahl. Den meisten sehr wichtig ist die mentale Komponente: In welchem Anzug fühle ich am wohlsten? Habe ich mit ihm schon einmal ein Rennen gewonnen? Welcher ist der bequemste? Könnte ich in einem zu kalt haben? «Psychologischer Komfort» nennt das der Ausrüster.

Tatsächlich ist die Kälte für viele Fahrer ein Problem, insbesondere während der Fahrt wird es frostig, denn schliesslich müssen die Anzüge so dünn wie nur möglich sein.

Mit dem Baumwollshirt in den Hightechanzug

Dieser Umstand kann seltsame Blüten treiben. Denn um der Kälte vorzubeugen, ziehen einige Fahrer unter dem Anzug wärmende Kleidung an. Dabei setzen nicht alle auf dünne Hightech-Textilien. «Ich kenne Fahrer, die tragen unter dem Skidress ein normales Shirt aus Baumwolle. Das ist Wahnsinn, bedenkt man den Kontrast zum teuren Skidress», sagt Markus Lutz. Allein die Produktion verschlingt je nach Anzug 400 bis 1000 Franken.

Ein Shirt aus Baumwolle ist umförmig und verzieht deshalb die Passform des Anzugs. Zudem ist Baumwolle sehr schwer und macht so die Gewichtsvorteile vom Skidress zunichte. Bei seinen Erzählungen nennt Lutz kaum Namen, auch müssen sie sich nicht auf Fahrer von Swiss Ski beziehen: Die Firma Eschler rüstet nicht nur die Schweizer, sondern auch alle anderen Weltcup-Teams aus. Bis auf eine Ausnahme: Die ehrgeizigen Österreicher haben sich vor einigen Jahren an die selbstständige Entwicklung von Anzügen gemacht, erzählt dazu Markus Lutz. Und das ziemlich erfolgreich. Aber, so relativiert er: «Einen Schritt sind wir ihnen voraus».

Entwicklungen sind nie ganz abgeschlossen, die Anzüge werden laufend verbessert. Wenn alle Fahrer mit den aktuellsten Anzügen ausgerüstet sind, sind diese für die Forscher schon Schnee von gestern. Sie arbeiten dann bereits am nächsten und übernächsten Entwicklungsschritt. Tüfteln an Schweissnähten, die Nadel und Faden ersetzen sollen oder beschiessen Textilien mit Nanoteilchen, um ihre Eigenschaften umzukrempeln.

Die Schweizer im Vorteil

Stefan Bruetsch wie Markus Lutz schwärmen vom guten Verhältnis zwischen Skiverband und Ausrüster: «Als Schweizer Firma haben wir natürlich einen starken Bezug zu Swiss Ski. Da liegt es auf der Hand, dass wir Wünsche und Anregungen der Schweizer bevorzugt behandeln», sagt Produktentwickler Lutz. Und Bruetsch meint: «In diesen Anzügen steckt enorm viel Aufwand. Und für uns legt sich Eschler ganz speziell ins Zeug». Funktionieren tue die Zusammenarbeit auch dank Bindeglied Karl Frehsner von Swiss Ski so gut. Wenn Lara Gut & Co. am Samstag also in die neue Saison starten, dann sind sie mit ihrem Anzug schon ganz vorne.