Eigentlich will Lara Gut nur eines: gut Ski fahren. Sie betont es immer wieder. Und gut Ski gefahren ist sie in dieser Saison. Sehr gut sogar. Seit Sonntag steht die 24-Jährige definitiv als Gewinnerin des Gesamtweltcups fest. Und vielleicht ist das ja in der Tat das Rezept: gut Ski fahren. Einzig und allein, ganz ohne Nebenschauplätze. Nur: So einfach ist das eben nicht. Das musste auch Lara Gut lernen.

Rückblick. Am 2. Februar 2008 startet ein junges Mädchen mit der Nummer 32 in St. Moritz zur Abfahrt. Mit Bestzeit unterwegs, stürzt die 16-Jährige, schlittert ins Ziel und verdrängt – welch Ironie – Lindsey Vonn vom Podest. Lara Gut wird Dritte. Und als sie am 20. Dezember 2008, mittlerweile 17-jährig, wiederum in St. Moritz den Super-G und damit ihr erstes Weltcuprennen gewinnt, ist endgültig klar: gut, besser, Lara Gut! Die Schweiz hat ein Wunderkind. Die Erwartungen an die Tessinerin sind riesig.

Lara Gut - auf dem Hosenboden ins Ziel

Lara Gut - auf dem Hosenboden ins Ziel

Lara Gut rutscht 2008 auf dem Füdli ins Ziel.

Acht Jahre später hat Lara Gut die riesigen Erwartungen endgültig erfüllt. Sie ist da, wo sie immer erwartet wurde: zuoberst. Und irgendwie passt es, dass sie die grosse Kristallkugel diese Woche am Weltcupfinal in St. Moritz überreicht bekommt. Der Kreis schliesst sich vorläufig.

Freiheit im Familienteam

Lara Gut wird am 27. April 1991 geboren. Mit Vater Pauli und Mutter Gabrielle lebt sie im kleinen Tessiner Dorf Comano in der Nähe von Lugano. Vier Jahre später kommt ihr Bruder Ian zu Welt. Infiziert mit der Faszination Ski wird Lara Gut durch ihren Vater, der im Skiklub Airolo einst mit den späteren Weltcupsiegerinnen Michela Figini und Doris De Agostini trainierte. Ein Weltcupfahrer wurde aus Pauli Gut selbst nie. Mit seinen Kindern kehrt er aber zurück auf die Pisten seiner Jugend. Am Nufenenpass fahren sie Ski. Die Fahrt von Comano nach Airolo dauert gut eine Stunde mit dem Auto. Lara Gut lernt also schon früh, dass ihre Leidenschaft mit Aufwand verbunden ist. Davon profitiert die Tessinerin noch heute.

Ende der 90er-Jahre gründet Pauli Gut den Skiklub Sporting Gottardo. Es ist im Grunde der Beginn des «Team Gut», welches noch heute im Weltcup unterwegs ist und die Basis für den Erfolg darstellt. Der Familie gefällt in diesen frühen Jahren die Eigenständigkeit, weit weg von Verbandsstrukturen. Ein Gefühl der Freiheit, nennt es Lara Gut später, wenn sie sich an die Anfänge auf Ski zurückerinnert.

Doch die Freiheit hält nicht ewig. Als Lara Gut immer besser fährt, wird die Annäherung an den Verband wichtiger. An FIS-Rennen startet sie für Swiss Ski. Zu Beginn dieser Annäherung ist der Alleingang des «Team Gut» kein Problem. Doch mit den Erfolgen von Lara Gut in St. Moritz ändert sich das. Plötzlich ist Eifersucht zu spüren. Einige Swiss-Ski-Trainer trifft es im Stolz, dass Pauli Gut, eigentlich ein Lehrer, seine Tochter quasi autonom zur Podestfahrerin im Weltcup gemacht hat.

Ein Mädchen im Rummel

Nach den erfolgreichen Tagen in St. Moritz ändert sich für Lara Gut vieles. Überwältigt vom Erfolg und überrannt vom Rummel, läuft im Hintergrund einiges schief. Hinter der Fassade des strahlenden Mädchens versteckt sich eine verletzliche junge Frau. Erst viel später erzählt sie, wie sie damals viele Freunde verloren hat, weil sie einfach keine Zeit mehr hatte. 2012 kommt der Film «Tutti giù» ins Kino. Lara Gut spielt darin eine Skifahrerin auf dem schwierigen Weg an die Spitze. Der Film ist nicht autobiografisch. Trotzdem kennt sie die Situation, wie sich die Tiefen nach dem Erfolg anfühlen.

Nach den frühen Erfolgen jagt ein Termin den nächsten. Und niemand stoppt Lara Gut. Nicht ihr Vater, für den die Situation ebenso neu ist. Nicht der Verband, der nicht klarkommt mit einem Team, das autonom funktionieren will. Lara Gut steht zwischen den Fronten und muss nebenbei ein Privatteam finanzieren. Sehr viel Verantwortung für eine 18-Jährige. In einem Alter, in dem sich andere ein erstes Mal verlieben, soll Lara Gut bereits der Liebling aller sein. Während Gleichaltrige ihre Identität suchen, wird sie Lara Gut aufgezwungen. Die Öffentlichkeit interessiert sich für sie.

Die Geduldete als Lebensversicherung

In jener Zeit entwickelt Lara Gut ein Misstrauen, das sie prägt. Die Medien machen sie zum Ski-Schätzli, das sie nicht sein will. Der Verband sanktioniert sie, wenn sie falsche Kleider trägt oder Kritik äussert. Swiss Ski gibt ihr das Gefühl, dass sie die Aussenstehende sei. Was sie irgendwie auch ist. Es dauert Jahre, bis Lara Gut das Misstrauen ablegen kann. Oder zumindest lernt, es beiseitezuschieben.

Umso erstaunlicher ist, dass Lara Gut in all diesen Jahren trotzdem die Lebensversicherung des Schweizer Frauenteams war. Bis heute hat sie vier WM-Medaillen (dreimal Silber und einmal Bronze) und eine an Olympischen Spielen (Bronze) gewonnen. Es war sie, die mit ihren Erfolgen die Bilanzen des Teams immer wieder schönte. Die höchstens Geduldete als Retterin. Eine paradoxe Situation.

Besinnung auf das Wesentliche

So richtig entspannt hat sich die Konstellation eigentlich erst vor zwei Jahren. Pauli Gut arbeitet seither auf Mandatsbasis als Trainer für den Verband. Die Aussenstehende ist seither fester Bestandteil des Teams. Das spürt man. Lara Gut kann sich nun stärker auf das konzentrieren, was zählt: gut Ski fahren.

Lara Gut fährt heute so befreit, wie sie es mit 16 tat. Nur ist es nicht mehr die Unbeschwertheit dieser frühen Tage, sondern die Erfahrung im Umgang mit Problemen. Diese Reife ist ausschlaggebend für den Gewinn des Gesamtweltcups. Sie hat gelernt, sich von Nebenschauplätzen nicht ablenken zu lassen. Ganz nach dem Credo: gut Ski fahren. Als Mantra betont sie es immer wieder. Lara Gut ist angekommen. Seit St. Moritz damals und St. Moritz heute liegen acht Jahre. Diese Zeit hat sie gebraucht. Und im nächsten Jahr findet im Engadiner Skiort die WM statt.