Aber die öffentliche Wahrnehmung orientiert sich vorwiegend an den Männern und insbesondere an den Speedfahrern. Wenn diese versagen, wird schnell der nationale Notstand ausgerufen - wie nach dem WM-Debakel in Bormio 2005.

Ein (überraschender) 5. Rangvon Didier Défago im Riesenslalom von Sölden bildet das mit Abstand beste Resultat. Sonst schafften nur Patrick Küng (10.) und noch einmal Défago (10.) eine Top-Ten-Klassierung. In der Nationenwertung rutschten die Männer, sonst auf den 2. Platz «abonniert», auf Rang 8 ab. Das kann nicht der Anspruch einer Ski-Nation sein.

Im Fussball, wo sich in dieser kurzen Saison schon sieben Super-League-Trainer die Klinke in die Hand gaben, sässen die Coaches längst auf dem Schleudersitz. Im Skisport passiert nichts - zu Recht. Männer-Chef Osi Inglin übt zurzeit den wohl undankbarsten Job im Schweizer Sport aus. Er kämpft wie Don Quijote gegen das Schicksal.

Denn die Krise im Schweizer Skisport ist eine mit Vorankündigung. Bei der Medien-Konferenz in Herbst, wo sonst mit salbungsvollen Worten Ziele und Medaillenprognosen abgegeben werden, sprach Inglin genau fünf Minuten und zwei Sekunden - über Verletzungen und Rekonvaleszenten. Und dann noch kurz über hohe Startnummern.

Um die momentane Substanz der Nationalmannschaft darzustellen, braucht es keine Experten, sondern Buchhalter. Mit einer simplen Milchmädchenrechnung ist schon die halbe Wahrheit für den miserablen Saisonauftakt erklärt: Im letzten Jahr sammelte das Männer-Team 4472 Weltcup-Punkte. 52 Prozent holten Beat Feuz (1330) und Didier Cuche (982). Ohne die beiden wären die Schweizer in der Mannschaftswertung schon letzte Saison Sechste geworden - statt Zweite. Noch ausgeprägter ist die Diskrepanz bei den Podestplätzen. 20 von 24 gingen auf das Konto von Feuz und Cuche.

Die übrigen Podestplätze teilten sich vier Fahrer, von denen keiner «zwingend» unter die ersten drei kam:

Didier Défago, zurück von einem Kreuzbandriss, gewann unerwartet die schwere Abfahrt von Bormio. Sein nächstbestes Resultat war ein 10. Rang.

Sandro Viletta nützte in Beaver Creek die Startnummer 30 zu einem Überraschungscoup und gewann sensationell den Super-G. Sonst kam er über einen 17. Rang nicht hinaus.

Patrick Küng wurde Zweiter in Bormio und sonst zweimal Zehnter, ehe er sich einen Kreuzbandriss zuzog.

Silvan Zurbriggen wurde dank seiner Allrounder-Qualitäten Dritter in der Kombinationswertung von Kitzbühel. Aber in der Jahreswertung fiel er vom 6. auf den 33. Rang zurück.

Diese vier Podestplätze sind die Benchmark für diesen Winter. Holen sie mehr als vier Podestplätze, sind sie auf dem Papier bereits besser als in der vergangenen Saison. Der grösste Hoffnungsträger bleibt Carlo Janka, der es im letzten Winter kein einziges Mal unter die ersten drei schaffte, aber mit sieben Top-Ten-Plätzen gleichwohl der Regelmässigste neben Feuz und Cuche war.

Heikler als diese statistische Benchmark ist ein anderer Eckwert: Didier Cuche fehlte im Training - und mit ihm ein Orientierungspunkt. Wenn ein Thomas Tumler oder Christian Spescha Bestzeiten erzielen, mag das für sie ein Aufsteller sein. Aber was waren sie wert - ohne den Gradmesser Cuche? Zumal Carlo Janka mit seinen Materialproblemen ein schlechter Anhaltspunkt war - und eine Wundertüte bleibt.

Didier Cuche hinterlässt nicht nur auf der Rennpiste eine riesige Lücke. Und nun noch der Super-GAU mit Feuz. Keine Mannschaft könnte das verkraften. Was wären die Norweger ohne Svindal und Jansrud? Oder selbst die Österreicher ohne Hirscher und Kröll. Auch sie beklagten einen mässigen Saisonstart und sind noch sieglos. Aber bei ihnen sorgten wenigstens die Jungen für den einen oder andern Lichtblick.

Das vermisst man beim Schweizer Nachwuchs. Dazu wäre, mit ihren hohen Startnummern, ein Exploit nötig. Vielleicht müsste man in dieser Beziehung wieder mal eine Strategie entwickeln. Früher wurden die Nati-Fahrer als sogenannte Punktelieferanten zur Teilnahme an FIS-Rennen verknurrt. Heute nehmen die Stars nicht einmal mehr an den Schweizer Meisterschaften teil.

Das ist EIN Ansatz. Manchmal braucht es einen gewissen Leidensdruck, um neue Wege zu gehen. Ohne alles infrage zu stellen. Aber um eine schonungslose Lagebeurteilung wird Swiss-Ski nicht herumkommen.