Ski-Nati

Alles hängt an Lara Gut

Im Speedbereich muss die zweite Garde vorwärtsmachen, sonst droht die Krise. Und die wäre so schlimm wie keine in den letzten Jahren.

Im Speedbereich muss die zweite Garde vorwärtsmachen, sonst droht die Krise. Und die wäre so schlimm wie keine in den letzten Jahren.

Martin Probst schreibt in seiner Analyse zur neuen Skisaison, die am Wochenende in Sölden beginnt: Im Speedbereich muss die zweite Garde vorwärtsmachen, sonst droht die Krise. Und die wäre so schlimm wie keine in den letzten Jahren.

Ein paar Sekunden und alles ist anders. Im Sport kann es schnell gehen, im Skisport sowieso. Ein Sturz – und die Saison ist zu Ende, bevor sie begonnen hat. Anna Fenninger, die Gesamtweltcupgewinnerin der letzten beiden Winter, musste das am Mittwoch auf schmerzhafte Art erfahren: Kreuzbandriss. Ende und Aus. Für die österreichischen Frauen wird die neue Skisaison damit auf einen Schlag zur Zitterpartie. Denn auch bei ihnen sind oft die Erfolge einer einzigen Person massgebend für das Gesamtbild des Winters.

Auch der Schweizer Frauenskisport ist in der neuen Saison stark von einer Frau abhängig: Lara Gut. Der Druck lastet fast ausschliesslich auf den Schultern der 24-Jährigen. Fährt die Tessinerin stark, wird es ein guter Winter.

Fährt sie schlecht, oder ereilt sie sogar ähnliches Pech wie Fenninger, wird es schwierig. Diese Abhängigkeit von einer Person macht Sorgen. Obwohl die Schweizer Frauen damit nicht alleine sind. Ruhm und Erfolge im modernen Skisport verteilen sich auf wenige Schultern.

Für Lara Gut könnte es eine spezielle Saison werden. Provokativ könnte man sogar sagen: Sieg im Gesamtweltcup – wenn nicht jetzt, wann dann? Mit Fenninger fehlt die Gesamtsiegerin der letzten beiden Winter. Die Allrounderin Tina Maze macht, sofern sie überhaupt jemals zurückkehrt, zumindest in dieser Saison eine Pause.

Lindsey Vonn ist verletzungsanfälliger als in ihren dominanten Jahren und bei ihrer amerikanischen Landsfrau Mikaela Shiffrin muss sich erst weisen, ob sie mit dem Ausbau ihres Programms um den Super-G klarkommt. Das Motto heisst: Lara Gut gegen den Rest der geschwächten Welt. Wenn das nur gut kommt.

Die Probleme im Schweizer Team haben sich verlagert

Noch vor wenigen Jahren hatten die Schweizerinnen im Speedbereich das potenteste Kader aller Nationen und waren mit mehreren Siegfahrerinnen am Start. Nach den Rücktritten von Nadja Jnglin-Kamer, Fränzi Aufdenblatten, Marianne Abderhalden und Dominique Gisin ist neben Gut nur noch Fabienne Suter übrig geblieben. Und dahinter kommt lange niemand.

Das heisst: Scheitert Lara Gut, scheitert ziemlich schnell das ganze Frauenteam. Zumindest im Speedbereich. Die Probleme bei Swiss-Ski haben sich verlagert. Während über längere Zeit vor allem der Slalom für Kopfschmerzen sorgte, ist dort mit Athletinnen wie Wendy Holdener oder Michelle Gisin ein Aufwärtstrend zu erkennen.

Für die nächste Generation wird es eine wichtige Saison

Diese Problemverlagerung lässt sich auch im Schweizer Männerteam beobachten. Die zweite Garde im Speedbereich hat Mühe. Zwar ist das Team mit Weltmeister Patrick Küng, WM-Bronzegewinner Beat Feuz und dem ehemaligen Gesamtweltcupgewinner Carlo Janka deutlich breiter aufgestellt. Doch weil Feuz mit einem Achillessehnenteilriss sicher bis zum neuen Jahr fehlt, Küng nicht richtig trainieren kann und Janka mit Rückenschmerzen kämpft, sieht es nicht gut aus.

Zumindest für den Saisonbeginn. Auch bei den Männern sind es die Slalomfahrer um Luca Aerni und Daniel Yule, denen der Schritt in Richtung Weltspitze am ehesten zuzutrauen ist. Wobei auch bei den Riesenslalomfahrern verhalten positive Tendenzen da sind.

Der Speedbereich wird zum neuen Sorgenkind. Noch ist es nicht dramatisch. Trotzdem: Bei den Frauen ist das Einfrau-Erfolgsteam mit Lara Gut schon fast Tatsache. Bei den Männern droht dieses Szenario irgendwann. Küng ist 31, Janka 29 und Feuz 28. Noch ein paar Jahre werden sie fahren. Aber was kommt danach?

Es wird spannend werden, die Entwicklung der neuen Generation in diesem Winter zu verfolgen. Mit Blick in die Zukunft fast genau so spannend wie das Duell der Besten um Siege.

Für die Technikerinnen und Techniker geht es darum, die Grundsteine für eine erfolgreiche Heim-WM in St. Moritz im nächsten Winter zu legen. Im Speedbereich muss die zweite Garde vorwärtsmachen, sonst droht eine Krise. Und die wäre so schlimm wie keine in den letzten Jahren. Denn die grossen Titel gibt es in den schnellen Disziplinen zu gewinnen. Siege am Lauberhorn, auf der Streif, in den Abfahrten an der WM und Olympischen Spielen haben Swiss-Ski schon manche Saison gerettet. Wehe, diese Erfolgsgaranten gehen verloren.

martin.probst@azmedien.ch

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