Ski-WM
Wendy Holdener ist aus dem Gleichgewicht geraten – eine Trennung soll ihr nun helfen

2017 und 2019 wurde Wendy Holdener Weltmeisterin in der Kombination. In Cortina ist sie somit doppelte Titelverteidigerin. Doch zu reden gibt vor allem die Trennung von ihrem Trainer. Denn eigentlich ist es ein ungünstiger Moment dafür.

Martin Probst
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Wendy Holdener posiert in Cortina für den Fotografen.

Wendy Holdener posiert in Cortina für den Fotografen.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Bevor sie loslegen kann, muss Wendy Holdener erst einmal die umgefallenen Wasserflaschen aufstellen. Ein Sponsor hatte sie auf den Stehtisch platziert, an den die 27-Jährige gerade treten wollte. Holdener ist gekommen, um zu erklären, warum sie sich unmittelbar vor der Weltmeisterschaft von ihrem persönlichen Trainer trennte.

Und irgendwie passte es da ins Bild, dass sie den Tisch touchierte, die Flaschen zuerst wankten und dann sogar kippten. Denn auch bei Holdener ging es zuletzt turbulent zu und her. Was darin mündete, dass sie und Klaus Mayrhofer nicht mehr zusammenarbeiten. Dabei wurde der Österreicher erst für diese Saison verpflichtet, nachdem ihr langjähriger Trainer und enger Vertrauter, Werner Zurbuchen, freiwillig aufgehört hatte. Es war für Holdener ein schmerzlicher Verlust.

Mayrhofer schaffte es nicht, die Rolle seines Vorgängers zu übernehmen. Die für Holdener so wichtige Vertrautheit entstand nicht. Die 27-Jährige sagt: «Es hat nicht gepasst, wir haben versucht, daran zu arbeiten. Es hat aber nie ganz geklappt.» Und die Schwyzerin ergänzt:

«Swiss-Ski hat erkannt, dass mich die Situation zu viel Energie kostet und hat mir die Entscheidung abgenommen.»

Das Sportlerleben von Wendy Holdener war ziemlich aus dem Gleichgewicht geraten. So sehr, dass die Verantwortlichen sogar den ungünstigen Moment für die Trennung in Kauf nahmen. Denn es war klar, dass Fragen kommen und somit Unruhe entsteht unmittelbar vor dem Highlight der Saison.

Die Unsicherheit zeigte sich auch beim Videostudium

Holdener selbst würde am liebsten nicht über die Trennung sprechen. Sie weiss, dass sie sich schnell verunsichern lässt. Sie sagt: «Alle sprechen von Lockerheit, die mir zuletzt etwas gefehlt habe. Aber das ist das falsche Wort. Ich bin keine, die locker ist. Ich habe sehr viele Gedanken.»

Zu Beginn der Karriere habe sie sich oft «verkopft», wie sie es nennt. Nun weiss Holdener ihre Gedanken besser einzuordnen. Allerdings braucht sie, damit keine Zweifel entstehen, Sicherheit. Vertrauen, dass das, was sie tut, das Richtige ist. Dieses Gefühl entsteht auch durch Rückmeldungen ihrer Bezugspersonen.

Der Austausch mit Mayrhofer funktionierte in dieser Beziehung nicht wie erhofft. Beim Videostudium, so wird es erzählt, habe Holdener oft mit einem «bist du sicher» nach­gefragt, wenn er einen Input hatte.

Das lange Warten auf den Sieg und der Umgang damit

Diese Verunsicherung spiegelte sich auch auf der Piste. Zwar war Holdener im Slalom oft nahe bei den Besten, aber bis Mitte Januar in Flachau nie auf dem Podest. Stattdessen wurde Teamkollegin Michelle Gisin zur regelmässigen Podestfahrerin und zu der Frau, die als erste Schweizerin seit 2002 einen Slalom gewinnen konnte.

Diese Rolle war eigentlich für Holdener vorgesehen, die im Slalom Olympia- und WM-Silber gewann und im Weltcup 25-mal auf dem Podest stand – aber nie als Siegerin. Aber sie, erzählen die Trainer, habe das sehr gut akzeptiert. Auch das passt zu ihr. Holdener kann sich ehrlich für andere freuen, genau wie über ihre zweiten Plätze. Wenn manch einer ob der verpassten Chance auf den Sieg die Haare rauft, lacht die Schwyzerin glücklich in die Kameras. Und man nimmt es ihr ab.

Diese Charaktereigenschaft würde andere Athletinnen in der Entwicklung wohl bremsen. Für Holdener wurde es zum Weg, mit den Zweifeln und Gedanken umzugehen. Sie will sich nicht verunsichern lassen. Aber genau das passierte ihr. Die Trennung von Mayrhofer ist für sie darum eine Befreiung.

Zwar muss sie nun Fragen ertragen. Aber dafür ist für sie der Weg frei zu neuer Stabilität. Diese Woche startet Holdener als doppelte Titelverteidigerin in der WM-Kombi, sofern das Wetter ein Rennen zulässt. Am Sonntag regnete es in Cortina. Holdener hat derweil eine Sorge weniger.

Die Kombination der Frauen wurde am Montagmorgen wegen starken Schneefalls abgesagt.