Ski-WM
Weltmeisterin Corinne Suter: «Es geht alles so schnell – noch vor zwei Jahren hätte ich nach Platz fünf Freudentränen geweint»

Als erste Schweizerin seit 32 Jahren wurde Corinne Suter Weltmeisterin in der Abfahrt. Sie erklärt im Gespräch, was sie lernen musste und warum sie nach dem Triumph wach geblieben ist.

Aufgezeichnet: Martin Probst
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Corinne Suter präsentiert ihre zwei Medaillen: Gold in der Abfahrt und Silber im Super-G-

Corinne Suter präsentiert ihre zwei Medaillen: Gold in der Abfahrt und Silber im Super-G-

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Am Tag nach ihrem Triumph in der WM-Abfahrt steht Corinne Suter an einem Stehtisch auf der Piazza Angelo Dibona. Auf dem Tisch hat es ein Maskottchen der WM. Sie hat noch keines, hätte aber gerne eines. «Normalerweise gibt es eines an der Siegerehrung», sagt sie.

Mit der Goldmedaille um den Hals wirkten Sie sehr gefasst. Sonst sind Sie sehr emotional. Täuscht das?

Corinne Suter: Es war, als wäre ich in einem Film. Erst als ich alleine in meinem Zimmer war, begann ich, es zu realisieren. Es war ganz still, niemand war da und ich dachte: Wow, du hast es geschafft.

Sie sind die erste Schweizer Weltmeisterin seit 32 Jahren. Wie fühlt es sich an, plötzlich in einer Reihe mit Maria Walliser oder Michela Figini genannt zu werden?

Ich habe am Abend noch Interviews geschaut. Ich war noch gar nicht auf der Welt, als all das passierte. Ich war sehr müde und konnte doch nicht schlafen. Also habe ich alte Aufnahmen geschaut. Jetzt auf dieser Liste zu stehen, ist eine sehr grosse Ehre für mich.

Warum konnten Sie nicht schlafen?

Es war ein Tag, den ich nie mehr vergessen werde. Das grösste Highlight meiner Karriere. Ich weiss nicht, wie lange ich jetzt schon Ski fahre, 20 Jahre oder so. Das ist schon ein spezieller Moment, da kann man nicht einschlafen.

Oder will man nicht, weil dieser Tag ewig dauern soll?

Ich habe es schon versucht. Ich wollte schon am Nachmittag eine Stunde die Augen zu machen. Aber es ging einfach so viel in mir drin vor, es war unmöglich.

Gefällt Ihnen die Rolle im Rampenlicht?

Ich musste lernen, dass ich nicht nach links und rechts schaue. Auch auf dem Podest, ich hatte keine Ahnung, was neben mir passiert. Viele haben mich auf Lara (Gut-Behrami; die Red.) angesprochen und gesagt: Fahre einfach schneller als sie. Aber ich dachte: Hey! Ich fahre nicht gegen sie. Ich fahre gegen mich. Ich möchte mich verbessern. Das hat mir auch noch sehr geholfen.

Wenn Sie sagen, Sie wollten nicht nach links und rechts schauen. Mussten Sie lernen, sich selbst zu vertrauen?

Ich war immer eine, die versucht hat, alles perfekt zu machen. Und ich wollte mir immer von den Besten etwas abschauen. Ich habe mir das manchmal vielleicht sogar zu fest vorgenommen. Oder ich habe nicht realisiert, ob ich das überhaupt brauche. Ich habe etwas den Mittelpunkt verloren, die Sicht auf das Wesentliche.

Sie wollten früh in Ihrer Karriere schon sehr viel. Kann man lernen, geduldiger mit sich zu sein?

Ich denke schon. Früher, wenn ich etwas nicht konnte, habe ich es gemacht, bis ich es konnte. Obwohl: Das ist heute noch so. Aber ich mache mir nicht mehr so einen Stress. Ich mache mich nicht selbst so schlecht, wenn ich etwas nicht sofort kann. Ich gebe mir bewusst mehr Zeit. Wenn ich müde bin, gönne ich mir auch Mal eine Pause. Früher dachte ich, jetzt gehst du trotzdem noch für eine Stunde aufs Velo.

Ihr Trainer sagt, Sie haben gelernt, egoistischer zu sein.

Mittlerweile sage ich, wenn ich etwas nicht will. Oder wenn ich keine Zeit habe, sage ich Dinge ab, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Es fängt bei kleinen Dingen an.

Vor der WM steckten Sie in einer Mini-Krise. Haben Sie zu zweifeln begonnen?

Die Erwartungen an mich waren sehr hoch. Ich fuhr regelmässig auf das Podest. Dann wurde ich mal Fünfte, Sechste, Siebte und man hat schon gedacht, was ist los? Ich habe das Vertrauen aber nicht verloren. Ich habe ein sehr gutes Team um mich herum und habe gelernt, nicht immer alles zu hinterfragen. Vor zwei Jahren wäre ich vor Glück in Tränen ausgebrochen, wenn ich Fünfte geworden wäre. Es geht einfach sehr schnell. Da muss man schon etwas aufpassen.

Dass es nicht selbstverständlich ist, Fünfte zu werden?

Genau. Aber nach Silber im Super-G hatten Sie wohl schon hohe Ziele für die Abfahrt? Ich bin aufgestanden und habe mir gesagt, wenn ich am Abend zurück in mein Zimmer komme, egal, ob ich in der Abfahrt etwas gewonnen habe oder nicht, ist es schon so extrem schön, das alles nochmals zu erleben (nach zwei WM-Medaillen 2019; die Red.).

Aber die WM-Abfahrt gelang Ihnen dann perfekt.

Es geht immer besser. Ich habe auf dem Video Dinge gesehen, die nicht so gut waren. Sie haben sich nach dem Weltmeistertitel noch Zeit genommen für eine Analyse? (lacht). Es ist ja nicht so, dass ich nun nach Gold sage, jetzt ist gut, jetzt kann ich aufhören. Es geht weiter. Man will immer besser werden.