Riesenslalom-Triumph
«Der emotionalste Sieg meiner Karriere»: Marco Odermatt erlebt in Adelboden einen besonders aufwühlenden Tag

Vor dem zweiten Lauf kommen Marco Odermatt die Tränen. Dann fährt der Nidwaldner seinen ersten Sieg in Adelboden ein und beendet die Schweizer Durststrecke. Am Ende kann er die Emotionen gar nicht mehr in Worte fassen.

Claudio Zanini, Adelboden
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Der Posterboy des Schweizer Skisports: Teamkollegen und Staff lassen Marco Odermatt im Zielraum hochleben.

Der Posterboy des Schweizer Skisports: Teamkollegen und Staff lassen Marco Odermatt im Zielraum hochleben.

Jean-Christophe Bott/Keystone

Er stiess sich kräftig ab und schoss aus dem Starthaus in den oberen Steilhang, in das sogenannte Kanonenrohr. Die 12'500 Zuschauer im Zielraum, die das nur via Videoleinwand mitbekamen, jubelten bereits drauf los, als hätte er den Sieg schon in der Tasche. Marco Odermatt hatte eine schwere Aufgabe zu bewältigen an diesem Samstag.

Eigentlich musste er den schwierigsten Riesenslalom der Welt gewinnen. Die Erwartungen sind nicht aus der Luft gegriffen, sondern entsprechen dem bisherigen Saisonverlauf. Doch wie schwer Siege am Chuenisbärgli tatsächlich sind, zeigt allein die Tatsache, dass die stolze Skination Schweiz seit 2008 und dem 1. Platz von Marc Berthod keinen Heimsieg mehr feiern konnte.

Im ersten Lauf gelang ihm nicht die perfekte Fahrt, aber die schnellste. Zwischenzeitlich lag er im Rückstand, den Zielhang bewältigte er aber meisterlich. Das Gefälle im Schlussabschnitt ist berüchtigt. Der Norweger Lucas Braathen bremste noch vor dem letzten Teilstück ab und beendete den Lauf.

Später im Ziel sagte der 21-Jährige, er habe Angst gehabt. Die Bilder vom letzten Jahr kamen bei ihm hoch, als er einen heftigen Sturz kurz vor Schluss erlitt. Nicht nur Braathen hatte Mühe. Von den ersten 15 Fahrern schieden fünf Athleten aus.

Nach dem Sturz im letzten Jahr brach Lucas Braathen den Lauf vor dem Zielhang ab.

Nach dem Sturz im letzten Jahr brach Lucas Braathen den Lauf vor dem Zielhang ab.

Jean-Christophe Bott/Keystone

Marco Odermatt kam einmal mehr am besten klar mit den Bedingungen. Für den Halbzeitführenden folgten nach dem ersten Durchgang «drei lange Stunden», wie er es nannte, bis er seine Aufgabe zu Ende führen konnte. Als er schliesslich den Sessellift bestieg und ein zweites Mal zum Start hinauf fuhr, seien ihm die Tränen gekommen.

«Ich hatte ganz komische Emotionen heute». Er könne es nicht genau beschreiben. «Es waren alle Emotionen der Welt.» Auf dem Lift wurde ihm bewusst, was er an diesem Samstag schaffen könnte. So nahe war er seinem Kindheitstraum, einmal in Adelboden zu gewinnen, noch nie gekommen. Und jetzt hatte er die Halbzeitführung bei diesem prestigeträchtigen Rennen, einem wahren Monument des Skisports. Es gäbe genügend Gründe, um im zweiten Durchgang nervös zu werden.

Murisier so gut wie noch nie in Adelboden

«Es hatte heute von A bis Z ein paar Wackler drin», sagte Odermatt. «Ich habe mich im ersten Lauf nicht sehr wohl gefühlt. Im zweiten Lauf hatte ich zum Glück nur kleinere Fehler. Doch bis man am Ende stillsteht und seine Zeit sieht, dauert es einfach sehr sehr lange.»

Am Ende war Odermatts kumulierte Zeit um 48 Hundertstel schneller als jene von Manuel Feller. Dem Österreicher gelang im zweiten Durchgang die mit Abstand beste Laufzeit. Feller schob sich damit noch vor Alexis Pinturault, der letztlich Dritter wurde. Odermatt fasste den Tag schliesslich so zusammen:

«Es ist mit Sicherheit mein emotionalster Sieg heute. Das übertrifft nochmals alles. Es war nicht ganz so einfach.»

Vierter und damit zweitbester Schweizer war Justin Murisier. So gut war der Unterwalliser noch nie in Adelboden klassiert. Murisier, der am Samstag seinen 30. Geburtstag feierte, wurde mehrfach mit Gesängen geehrt. Murisier zeigte sich zufrieden mit dem Gezeigten. Das Podest liegt für ihn wieder in Reichweite.

Der Tele M1-«Aktuell»-Beitrag zum Thema.

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Woran er arbeiten muss, weiss er. Wie er es angehen muss, hingegen weniger. «Schon in der ganzen Saison verliere ich sehr viel Zeit in der ersten Streckenhälfte und werde gegen Ende schneller. Ich muss versuchen, dieses Problem bis zu den Olympischen Spielen zu lösen», sagte er.

Marco Odermatt im Gespräch mit Justin Murisier, dem zweitbesten Schweizer.

Marco Odermatt im Gespräch mit Justin Murisier, dem zweitbesten Schweizer.

Sven Thomann/Freshfocus

Er hat die Physis für ein Mammutprogramm

Bei den Winterspielen in Peking findet der nächste Riesenslalom der Saison statt. Marco Odermatt wird dort als Favorit auf Olympiagold ins Rennen steigen. Doch der Weg bis Olympia ist noch lang. Am nächsten Wochenende stehen die Rennen von Wengen an, die in diesem Jahr ein umfassendes Programm mit einem Super-G, zwei Abfahrten und einem Slalom vorsehen. Odermatt wird die drei Speedrennen bestreiten. Und nach Wengen folgt Kitzbühel - und schliesslich Peking.

Energetisch dürfte das Programm für Marco Odermatt kein Problem darstellen. Teamkollege Murisier sagte in dieser Woche, Odermatt habe wohl im physischen Bereich am meisten Fortschritte gemacht. «Er kann ohne Probleme drei vier Rennen hintereinander fahren», sagte Murisier.

Das Risiko besteht aktuell eher darin, sich mit Covid anzustecken und deswegen die Winterspiele zu verpassen. Odermatt sagte: «Es gibt momentan an allen Ecken positive Fälle. Es könnte verheerend sein, sich in dieser Phase der Saison anzustecken.» Doch im Moment des grossen Triumphes lagen die Ansteckungsängste etwa so weit weg, wie Odermatt derzeit von seinen Gegnern im Gesamtweltcup. Sein Vorsprung beträgt nach Adelboden 376 Punkte.

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