Ski alpin
Ski-Legende Vreni Schneider zitterte mit Lara Gut

Vreni Schneider freute sich mit Tränen in den Augen über ihre «Entthronung» und prophezeit ihrer Nachfolgerin Lara Gut noch mehr Kugeln.

Richard Hegglin
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Die ehemalige Skirennfahrerin und letzte Schweizer Gesamtweltcup-Siegerin (1995) sagt über Lara Gut: «Obwohl der Gesamtweltcup entschieden ist, bleibt sie fokussiert. Das ist ihre Stärke.»

Die ehemalige Skirennfahrerin und letzte Schweizer Gesamtweltcup-Siegerin (1995) sagt über Lara Gut: «Obwohl der Gesamtweltcup entschieden ist, bleibt sie fokussiert. Das ist ihre Stärke.»

Keystone

Vreni Schneider liess am vergangenen Sonntag alles liegen und erlebte bibbernd am Fernsehen, wie die Schweizerinnen gleich zwei Kristallkugeln auf einen Streich errangen: «Das ist gigantisch. Ich hatte Hühnerhaut und Tränen in den Augen, als Lara und Wendy durchs Ziel fuhren und sich miteinander freuten. Es war fast wie in alten Zeiten.»

Es waren jene Zeiten, als solche Erfolge noch selbstverständlich waren. Von 1981 bis 1995 gewannen die Schweizerinnen den Gesamtweltcup zehnmal, seither in 21 Jahren nie mehr. Bis Lara Gut den Bann brach und auf der Lenzerheide auch mathematisch alles ins Lot rückte. «Das musste ich unbedingt live sehen», sagt Vreni national, die in Elm mit der Organisation eines Rennens mit über 160 Kindern beschäftigt war. Dazu hatten ihre zwei Söhne Turnerkränzli: «Aber fürs Rennen ging ich nach Hause, weil ich das in aller Ruhe anschauen wollte.»

«Lara macht das Team stark»

Der Schweizer Exploit bringt sie ins Schwärmen: «So etwas kann eine richtige Welle auslösen. Ich sagte immer: Lara macht das Team stark. Aber Lara braucht das Team ebenfalls. So sind Resultate möglich wie am Sonntag.» Im Stakkato rasselt sie alle Vornamen runter: «Wendy, Lara, Denise, Rahel, Michelle. Da wächst eine starke Mannschaft heran.»

In der Tat: Wäre Michaela Kirchgasser fünf Hundertstel langsamer gefahren, hätte ein Triple-Erfolg herausgeschaut – wie zuletzt 1989, als in der Abfahrt von Steamboat Springs (USA) Michela Figini, Maria Walliser und Chantal Bournissen gemeinsam auf dem Podest standen. Lara Gut war damals noch nicht auf der Welt.

Ungewohnte Situation mit dem Privatteam Gut

Und ausgerechnet in dieser Saison, in der wegen zahlreicher Rücktritte schon fast präventiv auf Krisenmodus geschaltet wurde, wächst das Frauen-Team über sich hinaus. «Das», so Schneider, «überrascht mich nicht und ist oft so: Wenn Ältere abtreten, gibt es vorne Platz. Man muss ja nicht schon auf Anhieb in die Fussstapfen einer Dominique Gisin treten. Und es hilft, wenn man ein Zugpferd wie Lara hat.» Auch wenn diese einen unkonventionellen Weg ging.

Für alle sei die Situation mit dem Privatteam Gut ungewohnt gewesen, findet Vreni Schneider: «Aber alle haben ihre Lehren gezogen, der Verband und Lara.» Die alte und die neue Ski-Königin sind sich schon wiederholt begegnet und haben verbindende Gemeinsamkeiten. Einst fuhren beide Rossignol, jetzt beide Head. Und Vrenis einstiger Servicemann Jean-Pierre Ansermoz ist der Vater von Hugues Ansermoz, Laras erstem Cheftrainer im Weltcup. Die Glarnerin ist voll des Lobes über die Tessinerin: «Ich habe Lara als offene und herzliche Person kennengelernt. Ich bewundere ihre Coolness und ihre Nerven, wie sie unter Druck ihre Leistungen bringt.»

«Sie wird oben bleiben»

Sie selber, findet Vreni Schneider, sei in solchen Situationen jeweils «fast draufgegangen. Ich war unheimlich nervös und habe mich vor wichtigen Rennen oft übergeben müssen.» Als sie 1995 die letzte grosse Kristallkugel gewann – ihre dritte – war das Reiseprogramm ähnlich wie heuer. Die vorletzte Destination war ebenfalls Lenzerheide, die letzte führte dann an St. Moritz vorbei nach Bormio. «Ich litt an einer Blasenentzündung, hatte abgenommen und war nur noch ein Strich in der Landschaft», erinnert sich Schneider. So wurde sie im vorletzten Slalom auf der Lenzerheide «nur» Zweite, bevor sie dann erst in einer Zitterpartie im letzten Rennen in Bormio alles klarmachte. Der Heimsieg blieb Vreni Schneider vergönnt. Nur einen einzigen ihrer 55 Weltcupsiege konnte sie in der Schweiz feiern, einen Slalom in Grindelwald. Lara Gut stehen dagegen bei einem Total von 18 Erfolgen schon vier Heimsiege zu Buche.

Für Schneider ist klar, dass Gut in all diesen Statistiken weiter vorrücken wird: «Sie wird oben bleiben und noch mehr gewinnen. Obwohl der Gesamtweltcup entschieden ist, bleibt sie fokussiert. Das ist ihre Stärke. Sie lässt erst los, wenn sie die Kugel in St. Moritz in der Hand hat.» Dort will Vreni Schneider Lara Gut unbedingt persönlich gratulieren: «Aber ich muss noch umbuchen. Im Stress habe ich mich versehentlich fürs falsche Rennen angemeldet...»