WM-Kolumne
Ski-Latein unter Experten – ungefiltert

An der Ski-WM kommen Leute von überall auf der Welt zusammen, dabei entstehen interessante Gespräche. Die WM-Kolumne gibt einen Einblick in einen solchen Smalltalk.

Richard Hegglin
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Das Restaurant «St. Moritz Stübli» noch vor seiner Eröffnung.

Das Restaurant «St. Moritz Stübli» noch vor seiner Eröffnung.

Keystone

St. Moritz wird seinem Logo, der strahlenden Sonnenkugel, in der zweiten WM-Woche definitiv gerecht. Das herrliche Wetter lädt ein zum Skifahren und gemütlichen Höcks in einem der zahlreichen Pistenrestaurants. So treffen sich dort zufälligerweise zwei beim Einkehrschwung. Bei Kuchen und Kaffee entwickelt sich ein Smalltalk.

Sagt die eine zum andern: «Ich bin froh, dass unsere Kinder nicht Skirennfahrer geworden sind.»

Fragt der andere: «Ja, warum denn?»

Sie: «Der Skisport kann familienfeindlich sein. Wenn ein Bub und ein Mädchen aus der gleichen Familie Rennen fahren, müssen sich die Eltern teilen. Oft geht der Vater mit dem einen Kind und die Mutter mit dem andern mit zu den Rennen. Wochenlang sieht man sich im Winter kaum noch.»

Sie dachte auch an die Familie Gut, wo der Vater mit Tochter Lara unterwegs ist und die Mutter meist mit Sohn Ian.

Ihr zufälliger Gesprächspartner sieht das ziemlich anders: «Bei uns war das jedenfalls kein Problem. Ich bin froh, dass unsere Kinder Skirennfahrer geworden sind.»

Etwas erstaunt, erkundigte sie sich, mit wem sie denn das Vergnügen habe, sich zu unterhalten.

«Mein Name ist Reto Janka...» Tochter Fabienne hat ihre Karriere, die ebenfalls bis in den Weltcup führte, inzwischen beendet. Sohn Carlo kämpft am Tag des zufälligen Treffens der beiden im Restaurant auf der Skipiste um eine Kombi-Medaille.

Carlo Janka feiert zusammen mit Vater Reto Janka seinen Weltmeistertitel im Riesenslalom an der WM 2009 in Val d'Isere.

Carlo Janka feiert zusammen mit Vater Reto Janka seinen Weltmeistertitel im Riesenslalom an der WM 2009 in Val d'Isere.

Keystone

Gesprächspartnerin Doris de Agostini, achtfache Weltcupsiegerin und eine der Top-Stars der goldenen Achtzigerjahre, ist überrascht, zumal es schon zehn vor eins ist. Um ein Uhr startet der Kombi-Slalom.

«Ich bin nicht der Vater von Marcel Hirscher», lächelt Reto Janka und fährt in aller Ruhe zur Piste rüber. Jener steht schon seit einer halben Stunde am Hang.

Als Doris de Agostini 1978 WM-Bronze errang, fuhr ihr Vater zehn Stunden von Airolo nach Garmisch. Seine Tochter sah er nie. Die Medaillengewinner waren von Bodyguards hermetisch abgeschirmt. Handys gab es noch keine. Erst Tage später konnte er ihr gratulieren.

Doris de Agostini (2. v. l.) zusammen mit Erika Hess, Maria Walliser und Ariane Ehrat (v. l. n. r.) im Februar 1982.

Doris de Agostini (2. v. l.) zusammen mit Erika Hess, Maria Walliser und Ariane Ehrat (v. l. n. r.) im Februar 1982.

Keystone

Familienfreundlich war das nicht. Offenbar haben solche Erinnerungen Spuren hinterlassen. In St. Moritz ist erstmals an einer WM am Ziel ein Family-Corner eingerichtet. Die Eltern Holdener, Gisin, Feuz und Co. lassen danken.