Skispringen
Simon Ammann: «Der Sturz hat bei mir seine Spuren hinterlassen»

Simon Ammann nutzt den Weltcup in Engelberg primär als Landetraining. Die Umstellung vom linken aufs rechte Bein will ihm noch nicht so recht gelingen. Auch, weil in der Schweiz die Trainingsmöglichkeiten eingeschränkt sind.

Simon Steiner, Engelberg
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Simon Ammann hat an den Folgen seines Sturzes im letzten Winter noch schwer zu tragen – wie hier vor dem gestrigen Training in Engelberg. Keystone

Simon Ammann hat an den Folgen seines Sturzes im letzten Winter noch schwer zu tragen – wie hier vor dem gestrigen Training in Engelberg. Keystone

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Nein, der Schalk ist Simon Ammann nicht abhandengekommen. «Es geht mir sonst nicht schlecht im Leben», wirft er ein, nachdem sich das Gespräch mit den Journalisten vor den beiden Weltcupspringen vom Wochenende in Engelberg lange um seine gegenwärtige sportliche Situation gedreht hat. Weil Ammann aber kein Mensch ist, der nur das Negative sehen und in Selbstmitleid versinken will, versucht er, die Dinge ins richtige Licht zu
rücken.

Seine Probleme schönreden will er auch nicht. Seit dem Frühling hat der vierfache Olympiasieger intensiv an der Umstellung seiner Landung gearbeitet. Beim Telemark will Ammann neu mit dem rechten Bein vorne aufsetzen, was ihm in den bisherigen Wettkämpfen in dieser Saison noch nicht gelungen ist. Weitenmässig konnte der 34-jährige Toggenburger zwar durchaus mit den Besten mithalten, wurde für seine Parallellandung aber stets mit happigen Punkteabzügen bestraft und landete deswegen in der Rangliste nur zwischen den Positionen 10 und 21.

Fehlende Trainingsmöglichkeiten

«Bei der Landung bin ich keinen Schritt weiter gekommen», hält Ammann klar fest. Dem Schweizer Teamleader kamen in den letzten Wochen vor allem die meteorologischen Verhältnisse in die Quere. Nachdem er erst in den letzten Wochen vor dem Saisonstart gemerkt hatte, dass er für seine neue Landung die ganze letzte Flugphase umstellen musste, startete er bereits mit einem Trainingsrückstand in den Winter. Weil an den bisherigen Weltcupstationen ausnahmslos schwierige Windverhältnisse herrschten – aus Kuusamo reisten die Athleten sogar ohne einen einzigen absolvierten Sprung wieder ab – waren kaum richtige Trainings möglich.

Dabei spielen verschiedene Faktoren mit, welche die Situation kompliziert machen. Weil sich die Landung nicht isoliert trainieren lässt, muss Ammann in einen bestimmten Weitenbereich springen, um an seinem Defizit gewinnbringend arbeiten zu können. Herrscht zu viel Wind, sind die Sprünge trainingstechnisch ebenfalls kaum brauchbar. Gleichzeitig verkraftet Ammann mit seinem 34 Jahren nicht mehr den gleichen Trainingsumfang wie früher und kann nicht eine unbeschränkte Anzahl Sprünge absolvieren.

Dass in der Schweiz eine moderne Trainingsinfrastruktur fehlt, macht die Situation nicht einfacher. Die Anlage in Einsiedeln ist nicht für den Winterbetrieb ausgerüstet, jene in Engelberg wird jeweils erst kurz vor den Weltcupspringen hergerichtet. «Wir haben keine grosse Schanze, auf der wir im Winter trainieren können», sagt Berni Schödler, Skisprung-Chef bei Swiss Ski.

Für Ammann war der gestrige Tag deshalb ein Lichtblick, konnte er doch auf der Engelberger Titlis-Schanze mit Training und Qualifikation erstmals in diesem Winter drei Schneesprünge bei idealen Bedingungen absolvieren. Mit Rang 4 in der Qualifikation zeigte er auch, dass seine Form grundsätzlich stimmt – vom Problem bei der Landung einmal abgesehen. Weil Ammann für dessen Lösung jeden Sprung braucht, nutzt er auch die beiden Wettkämpfe von heute und morgen in erster Linie dafür, in dieser Hinsicht endlich einen Schritt weiter zu kommen. «Ich bin noch nicht so weit, dass ich über Resultate sprechen könnte.»

Die Folgen des Sturzes

Die Umstellung der Landung ist eine Konsequenz aus Ammanns schwerem Sturz im letzten Winter bei der Vierschanzentournee in Bischofshofen. Dort war dem Ostschweizer zum Verhängnis geworden, dass er die Telemark-Landung jahrelang mit dem schwächeren linken Bein vorne gesetzt hatte. 1998 hatte er nach einer Verletzung das Bein gewechselt, worauf sich bei ihm über Jahre ein falsches Muster einschliff. Abgesehen von unnötigen Punkteabzügen ging das so lange gut, bis die Landegeschwindigkeit im Skispringen als Folge von Materialentwicklungen und der Einführung von engeren Sprunganzügen deutlich höher wurde – und damit auch der Druck auf das vordere Bein bei der Landung.

Zwingend war die Rück-Umstellung bei Ammann trotz allem nicht. Eine Stabilisierung der Variante «Telemark links» wäre aus physiologischer Sicht durchaus möglich gewesen. Psychologisch hingegen war der Beinwechsel für Ammann zentral. «Der Sturz hat bei mir seine Spuren hinterlassen», sagt er. «Auch wenn die Umstellung noch nicht abgeschlossen ist, fühle ich mich jetzt bei der Landung viel sicherer als vorher.» Die Bilder aus dem Spital haben sich in Ammanns Kopf eingebrannt. «Vielleicht werde ich Ihnen einmal zeigen, wie ich damals ausgesehen habe», drohte er den Journalisten gestern in Engelberg an. «Dann werden Sie mich verstehen.»

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