Ski nordisch
«Simi» will in Engelberg endlich auf 180 kommen

Beim Heimweltcup in Engelberg möchte Simon Ammann den Sprung aus der düsteren Realität schaffen. Dafür will der 35-Jährige «das Selbstvertrauen schon spüren, auch wenn es gar noch nicht da ist».

Rainer Sommerhalder
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21 Monate ohne Podestplatz im Weltcup: Kann Simon Ammann beim einzigen Schweizer Weltcupevent in Engelberg über sich hinauswachsen?

21 Monate ohne Podestplatz im Weltcup: Kann Simon Ammann beim einzigen Schweizer Weltcupevent in Engelberg über sich hinauswachsen?

Keystone

Es ist ein eigenartiger Wunsch des vierfachen Olympiasiegers. Simon Ammann erhofft sich für heute in Engelberg «160 oder noch besser 180». Der Toggenburger spricht nicht von Metern, er denkt an seinen Puls. Den Herzschlag in jenem Augenblick, in welchem er oben im Anlauf der weltgrössten Naturschanze losfährt und mit knapp hundert Stundenkilometern auf den Schanzentisch zubrettert.

Was für Otto Normalverbraucher in einer solchen Situation das Einfachste der Welt wäre, scheint für «Simi» essenziell wichtig. «Hellwach» will er heute bei seinem Sprung sein. Im Wissen, dass der gestrige Versuch in der Qualifikation einmal mehr einer zum Vergessen war. Ein weiterer Flug unter dem eigenen Radar durch, ohne Saft und ohne Energie. Als wäre ein 35-jähriger Athlet per se müde. «Der Sprung passte zu meiner bisherigen Saison», sagt Ammann mit Galgenhumor.

Vielleicht entspricht der Wunsch, hellwach zu sein, auch nur dem Verlangen, aus einem nicht enden wollenden Dornröschenschlaf aufzuwachen. Der letzte seiner imposanten 79 Podestplätze im Weltcup liegt inzwischen 21 Monate zurück. Der Start in den Winter war mit den Rängen 25, 23, 21, 28 und 38 ein weiterer markanter Rückschritt. Immerhin kam Simon Ammann damit seinem eigenen Bedürfnis nach, keine 15. Plätze mehr anzustreben.

Ammanns Ambivalenz

Wer nach den letzten ernüchternden Resultaten damit rechnete, in Engelberg einen geknickten, gar demoralisierten Simon Ammann anzutreffen, wird indes enttäuscht. «Man spürt seinen enormen Drive noch immer jeden Tag», sagt sein langjähriger Trainer Berni Schödler. Und auch der 35-Jährige selbst lässt die Gesprächspartner an seiner Überzeugung teilhaben, dass gegen vorne eben doch nicht so viel fehlt, wie es die nackten Zahlen zum Ausdruck bringen. «Ich muss jetzt cool bleiben», sagt er, «ich bin nahe dran.» Der Schlüssel sei, «das Selbstvertrauen schon zu spüren, auch wenn es gar noch nicht da ist.» Ein wunderbarer Satz, welcher das Wesen des erfolgreichsten Schweizer Wintersportlers in kürzestmöglicher Prägnanz wiedergibt.

Ammann hat sich vorgenommen, heute «mit Freude auf die Schanze» zu gehen und beim Absprung den ganzen Drive mitzunehmen. Eine gründliche Analyse nach dem Abschiffer in Lillehammer, wo er in der Vergangenheit bereits dreimal zuoberst auf dem Podest stand und den Schanzenrekord hält, gab ihm neue Zuversicht. Die positiven Ansätze in den Extratrainings seit Dienstag in Engelberg ebenso. Dennoch bleibt das Vertrauen in dieses zarte Pflänzchen mentaler Hoffnung wackelig wie seine Landungen.

Ammann weiss zwei Dinge ganz genau: «Auch als Routinier benötige ich eine Portion Selbstvertrauen, brauche ich ein Erfolgsgeheimnis.» Und: «Für mich ist wichtig, hier in Engelberg eine gute Leistung zu zeigen.» Er ist sich aber auch im Klaren, dass er dafür über sich hinauswachsen muss. Etwas, das er nicht mehr wie früher, als er in der Rolle des unbeschwerten Jungspunds der Gegnerschaft um die Ohren flog, tagtäglich abrufen kann. «Manchmal wünschte man sich tatsächlich, noch nicht 35-jährig zu sein», sagt der Toggenburger mit Blick auf seine körperlichen Möglichkeiten.

Eine Sache des Kopfes

Simon Ammann ist trotzdem überzeugt, dass es bei ihm derzeit in erster Linie eine Kopfsache ist. Er sucht «nach einem magischen Moment, der mir zeigt, was möglich ist». Die Telemark-Landung sprechen er und sein Trainer ganz bewusst nicht an. Man müsse sich zwischendurch auch mal von dieser Thematik lösen, sagt Ronny Hornschuh, der bei Ammann «einen Aufwärtstrend» ausmacht.

Der Athlet selbst sieht vor allem eine Chance, die sich ihm beim einzigen Schweizer Weltcupevent bietet. Es stecke mehr in diesem Schweizer Team, als dass es gegen aussen den Anschein macht, ist er überzeugt. «Darauf gründet mein Optimismus.» Und dafür will er sich heute und morgen überwinden, alles aus seinem Körper pressen, was dieser hergibt.

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