Skispringen
«Simi»: Im Blindflug in die Olympiasaison

Simon Ammann nimmt seine letzten Winterspiele in Angriff – mit einigen Fragezeichen. Ein Interview im Sportzentrum Magglingen, wo er die halbjährlichen Leistungstests absolviert hat.

Simon Steiner, Magglingen
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Wo Simon Ammann vor seiner vielleicht letzten Saison als Skispringer genau steht, weiss er selber nicht genau. Keystone

Wo Simon Ammann vor seiner vielleicht letzten Saison als Skispringer genau steht, weiss er selber nicht genau. Keystone

Der Bielersee liegt im Nebel, Magglingen knapp darüber. Simon Ammann sitzt in der Cafeteria des nationalen Sportzentrums, wo er eben die halbjährlichen Leistungstests hinter sich gebracht hat. Die Ergebnisse scheinen zufriedenstellend ausgefallen zu sein. «Ich habe die Tests bestanden», sagt er mit seinem typischen, schalkhaften Lachen. «Ich darf nun in die Saison starten.»

Wenn Ammann dieses Wochenende in Klingenthal (D) zu den ersten Weltcupwettkämpfen antritt, dann ist dies für den ausgebildeten Piloten mit Sichtflug-Lizenz dennoch wie ein Sprung ins Nebelmeer. «Ich weiss nicht recht, wo ich stehe», sagt der zweimalige Doppel-Olympiasieger mit Blick auf seine Form. Entsprechend zurückhaltend geht er den ersten Vergleich mit der Konkurrenz im Olympiawinter an. «Ich starte jetzt einfach mal in die Saison und bin dann gespannt, wo ich lande.»

Durchzogene Vorbereitung

Nach einem schwierigen letzten Winter musste Ammann auch im Sommer einige Rückschläge in Kauf nehmen. Gleich mehrmals zwangen ihn körperliche Probleme zu ausserplanmässigen Trainingspausen. Mitte September musste er wegen Rückenproblemen in Nischni Tagil (Russland) den Sommer-Grand-Prix abbrechen und auf die Besichtigungstour mit seinen Teamkollegen in die Olympiastadt Sotschi verzichten. Anfang November waren es zum wiederholten Mal die Beine, die Ammann bremsten. «Die Balance zwischen Belastung und Regeneration ist immer schwieriger zu finden», sagt er.

Es ist nicht nur das fortgeschrittene Spitzensportler-Alter, das der 32-Jährige zu spüren bekommt, sondern auch die Entwicklung seiner Sportart. Das Skispringen ist seit seinem ersten Olympiatriumph 2002 in Salt Lake City viel athletischer geworden. Insbesondere die auf die letzte Saison eingeführten engeren Sprunganzüge erlauben es wegen der geringeren Tragfläche kaum mehr, Mängel beim Absprung während der Flugphase zu kompensieren. «Es ist schwieriger geworden, konstant auf höchstem Niveau zu springen», sagt Ammann.

Hinzu kommt, dass sich im Materialbereich einiges tut im Skispringen. Eine Revolution, wie sie Ammann vor vier Jahren bei den Olympischen Spielen in Vancouver mit seinem gekrümmten Bindungsstab auslöste, ist zwar nicht zu erwarten. Bereits im Sommer-GP hat sich jedoch gezeigt, dass im Schuh- und Bindungsbereich viel getüftelt wird – primär mit dem Ziel, die Skiführung in der Luft zu vereinfachen, nachdem die neuen Anzugsregeln zu höheren Fluggeschwindigkeiten geführt haben. Auch das Schweizer Team arbeitet an der Optimierung der Ausrüstung. Details will Ammann nicht verraten: «Ich sage natürlich nicht, was wir genau machen.»

Hat Ammann wie in Vancouver auch für Sotschi eine Geheimwaffe im Köcher? Ist das der Grund, weshalb der Toggenburger kurz vor dem Saisonstart trotz der Schwierigkeiten in der Vorbereitung eine bemerkenswerte Gelassenheit ausstrahlt? «Ich gehe mit Ruhe und Zuversicht in den Winter», sagt er nur. «Es gibt ein paar Dinge, die trotz allem positiv gelaufen sind in den letzten Wochen.» Ein Trainingskurs in Planica beispielsweise, wo die neue Schanze ein ähnliches Profil aufweist wie der Olympiaanlage in Sotschi.

Rücktritt nach dieser Saison?

Um den dortigen Auftritt im Februar dreht sich in diesem Winter auch beim bisher erfolgreichsten Schweizer Winter-Olympioniken alles. «Die Ausgangslage ist schwieriger als vor meinen Erfolgen in Salt Lake City und Vancouver», sagt Ammann, der diese Herausforderung annimmt. «Ich habe noch etwas Zeit, um meine Form und mein Selbstvertrauen aufzubauen.»

Dass er in diesem Winter möglicherweise nicht nur seine letzten Olympischen Spiele, sondern auch seine letzte Saison als Skispringer überhaupt absolvieren wird, beschäftigt Ammann zurzeit nicht sehr. «Diesen Winter läuft so viel, dass kein Platz ist für Abschiedsgedanken», sagt er. «Spätestens im Frühling werde ich wissen, ob ich noch eine Extraschlaufe einlege, um die letzte Saison bewusst geniessen zu können.»