Das hat gedauert. Ganze zwei Jahre lang hat sich die Ungewissheit über die Zukunft von Silverstone als Grand-Prix-Station hingezogen. Es müssen zähe Verhandlungen gewesen sein bis zum neuen unterschriftsreifen Vertrag, der Silverstone die Austragung des Grand Prix von Grossbritannien ab der kommenden Saison für fünf weitere Jahre garantiert.

Die Verhandlungen waren nötig geworden, nachdem John Grant, der Vorstandsvorsitzende des British Racing Drivers' Clubs (BRDC), im Juli vor zwei Jahren die Kündigung der bisherigen Vereinbarung offizialisiert hatte. Der BRDC als Besitzer der Rennstrecke in Silverstone hatte von der Ausstiegsklausel Gebrauch gemacht, die in der kommenden Saison wirksam geworden wäre. Der Vertrag, den die Verantwortlichen in Silverstone vor neun Jahren noch mit Bernie Ecclestone abgeschlossen hatten, hätte bis ins Jahr 2027 Gültigkeit gehabt.

Hohe Verluste

Grants Bestätigung der Vertragsauflösung klang nach Kapitulation, Verzweiflung und Hilferuf. «Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem unsere Leidenschaft für den Sport unser Handeln nicht mehr bestimmen kann.»

Er und seine Mitstreiter sahen sich ausserstande, zu den gegebenen Konditionen als Organisator des Grand Prix aufzutreten. Die im Vertrag festgeschriebenen Bedingungen waren nicht mehr tragbar, die Wirtschaftlichkeit war nicht mehr gegeben. Entscheidender Punkt war die Antrittsgebühr, die sich Jahr für Jahr um fünf Prozent erhöht und sich damit von umgerechnet 16 Millionen Franken im letzten Vertragsjahr auf rund 30 Millionen beinahe verdoppelt hätte.

Es waren Summen, die unweigerlich in die Verlustzone führen mussten, zumal dem Veranstalter eines Formel-1-Rennens lediglich die Erlöse aus dem Ticket-Verkauf als Einnahmequelle bleiben. Gemäss den allgemeinen Bestimmungen, verankert im sogenannten Concorde Agreement, haben die örtlichen Organisatoren kein Anrecht auf Anteile an übrigen Einnahmen, die etwa durch Bandenwerbung, TV-Rechte und Merchandising generiert werden.

Careys Zeichen

In Silverstone hatte das Minus 2015 3,5 Millionen Franken, 2016 bereits 6 Millionen betragen. In ähnlichem Bereich bewegten sich die (roten) Zahlen in den Bilanzen der vergangenen zwei Jahre. Für Grant war es deshalb höchste Zeit, die Reissleine zu ziehen. Eine Alimentation durch staatliche Zuschüsse war für ihn keine Option. Wohin die Abhängigkeit von Subventionen führen kann, hat sich in Indien, der Türkei und in Malaysia gezeigt. Seit die Regierungen den Geldhahn zugedreht haben, ist die Formel 1 in diesen Ländern nicht mehr präsent.

Seit Mittwoch herrscht endlich Klarheit. Grant, Chase Carey, der CEO der Formel 1, und Stuart Pringle, der Geschäftsführer der Strecke in Silverstone, konnten die gesicherte Zukunft des Grand Prix verkünden. Es war eine Verkündung mit grosser Tragweite. Carey hat ein Zeichen gesetzt, ein klein wenig Image-Korrektur betrieben und seinen oft gehörten Worten Taten folgen lassen.

«Wir haben immer betont, dass die Formel 1 ihre historischen Austragungsstätten pflegen muss, und Grossbritannien ist die Wiege dieses Sports. Silverstone und der Grand Prix von Grossbritannien sind fester Bestandteil unserer Vision, wie die Formel 1 der Zukunft aussehen soll.»

Formel 1 in ein besseres Licht gerückt

Careys Arbeitgeber Liberty Media als Eigner der Formel 1 hat an Glaubwürdigkeit gewonnen. Die Amerikaner haben mit ihrem Entscheid zur Vertragsverlängerung das Traditionelle über das Finanzielle gestellt. Es dürfte ihnen nicht leicht gefallen sein, den Verantwortlichen in Silverstone Zugeständnisse zu machen.

Als börsenkotiertes Unternehmen will Liberty auch mit der Formel 1 Geld verdienen. Der Übergang in die Gewinnzone ist Pflicht, nachdem die Bilanzen der ersten zwei Jahre nach der Übernahme des Grossteils des Aktienpakets Verluste in der Höhe von 40 respektive 60 Millionen ausgewiesen haben. Die Milliarden-Investitionen müssen gerechtfertigt sein.

Mit dem Entscheid zugunsten Silverstones nutzte Carey eine der rar gewordenen Möglichkeiten, die Formel 1 in ein besseres Licht zu rücken, nachdem er bereits die Rückkehr des Grand Prix der Niederlande auf die kommende Saison hin mit der Beibehaltung von Traditionellem begründet hatte.

Den Vorwurf, mit der Formel 1 weiterhin vorab der Spur des Geldes zu folgen und sich bei der Wahl der Austragungsorte nicht um politische Belange zu kümmern, vermag er dadurch selbstredend nicht zu entkräften. Vietnam mit seinem sozialistischen Einparteiensystem steht diesbezüglich als nächstes Beispiel. Anders als mit einer hohen Antrittsgebühr lässt sich die Premiere im nächsten Jahr in der Hauptstadt Hanoi nicht erklären. Da steht der Kommerz wieder über der Tradition.