Interview

Silvan Widmer: «Ich war wütend auf die ganze Welt, aber Rücktritt? Dafür bin ich viel zu bedacht»

Auf in den nächsten Kampf um einen Nati-Stammplatz. Silvan Widmer will wieder so überzeugen wie zuletzt gegen Deutschland.

Auf in den nächsten Kampf um einen Nati-Stammplatz. Silvan Widmer will wieder so überzeugen wie zuletzt gegen Deutschland.

FCB-Verteidiger Silvan Widmer war im Nationalteam lange Zeit Ergänzungsspieler oder gar nicht dabei. Zweimal verpasste er ein grosses Turnier im letzten Moment. Nach dem Rücktritt von Lichtsteiner könnte seine Chance kommen – ein Gespräch über Fussball und Geduld.

Silvan Widmer formuliert den Satz mit Bedacht und ohne Groll. «Ich war ­wütend auf die ganze Welt!» Sowohl 2016 wie auch 2018 wurde er in allerletzter Sekunde aus dem Schweizer Kader gestrichen vor einer Endrunde. Und doch hat er die Lust am Nationalteam nie verloren. Vor dem Spiel in der Nations League in Spanien spricht der 27-jährige Rechtsverteidiger des FC Basel über seine Rolle im Schweizer Dress und als Vater.

Zuerst die Coronafälle um Shaqiri und Akanji, dann das 1:2 im Testspiel gegen Kroatien, schliesslich die Reise nach Spanien – wie haben Sie den jüngsten Nati-Zusammenzug erlebt?

Silvan Widmer: Ich fand, die Woche war sehr gut. Ich geniesse die Zeit in der Nati, weil die Stimmung toll ist und die Trainings jeweils einen hohen Rhythmus haben. Die Coronafälle konnte ich gut ausblenden.

Vor fünf Wochen gelang Ihnen beim 1:1 gegen Deutschland eine starke Leistung, gekrönt von einem Tor. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an diesen Abend zurückdenken?

Ich habe einige schöne Momente mit dem Nationalteam erlebt, zum Beispiel die Spiele, in denen wir die Qualifikation für eine WM oder eine EM sicherstellten. An diese Feiern zurückzudenken, ist schön. Doch die Partie gegen Deutschland, das war für mich persönlich das Highlight meiner Nati-Karriere.

Bis anhin waren Sie im Bezug auf die Nationalmannschaft nicht vom Glück verfolgt. 2016 und 2018 verpassten Sie den Sprung ins EM- und WM-Kader hauchdünn. Was haben diese Erfahrungen mit Ihnen gemacht?

Ganz einfach: Es waren zwei riesige Enttäuschungen in meiner Karriere, die ich aber verarbeitet und verdaut habe. Die Vergangenheit ist passé und hat mich auch nicht weiter beschäftigt. Im Fussball geht es darum, sich immer wieder von neuem zu beweisen. Was im Guten oder Schlechten passiert ist, spielt heute, morgen und übermorgen schon keine Rolle mehr und interessiert niemanden mehr.

Trotzdem: Gab es einen Moment, in dem Sie dachten: «Das war’s dann mit der Nati!»?

Nein. Klar war ich in den angesprochenen Momenten wütend – auf die ganze Welt. Aber ich bin viel zu bedacht und zu wenig impulsiv für Kurzschluss­reaktionen. Ich habe nie mit der Nationalmannschaft abgeschlossen und empfinde es jedes Mal als riesiges ­Privileg, wenn ich dabei sein darf. Und die verschiedenen Enttäuschungen sind nach so einem Spiel wie gegen Deutschland schnell vergessen.

Der Rücktritt von Stephan Lichtsteiner hat den Kampf um den Platz auf der rechten Abwehrseite neu lanciert. Ihr «Nati-Highlight» gegen Deutschland ist also zum besten Zeitpunkt gekommen.

Das ist so. Ich habe den Platz in der Nati nie abgeschrieben. Aber klar ist auch: Wenn der Captain zurücktritt, werden die Chancen für seine früheren Konkurrenten grösser. Ich wusste: Jetzt könnte der perfekte Moment sein, um ein Zeichen zu setzen. Und das ist mir auch gelungen. Für mich kommt das aber nicht ganz überraschend. Ich habe in dieser vergangenen Saison, glaube ich, etwa 50 Spiele bestritten und fühle mich körperlich super. Ich bin auf einem guten Weg, aber auch jetzt gilt: Ich muss mich in jedem Spiel neu beweisen. Ein, zwei gute Partien reichen nicht. Der Konkurrenzkampf wird nicht kleiner ohne Lichtsteiner, aber ich bin ihn mir gewohnt und habe ihn schon immer angenommen.

Sie erleben Ihre bis anhin besten Momente mit der Nati ausgerechnet jetzt, nachdem Sie seit zwei Jahren wieder in der Schweiz ­spielen. Wird die Super League unterschätzt?

Schwierige Frage. Der Rhythmus, die Intensität und die Qualität der einzelnen Spieler sind in den grossen Ligen sicher höher einzustufen, das ist klar. Aber es ist schon so, man darf die Super League nicht kleinreden, weil es gute Mannschaften gibt und vor allem keine schlechten. Ohne den vollen Fokus reicht es nicht. Sicher hilft es, wenn ich mit grossem Selbstvertrauen in die Nati einrücke, weil ich weiss, dass mir eine gute Saison geglückt ist, und ich zudem das Wissen habe, mit dem FC Basel in den grossen Spielen, auch international, immer gut gespielt zu haben.

Können Sie Ihre Stärken mit jenen von Kevin Mbabu und Jordan Lotomba vergleichen?

Kevin spielt derzeit in der Bundesliga auf einem höheren Niveau. Er hat viel Power nach vorne, eine extreme Dynamik. Aber ich muss mich auch nicht verstecken, das habe ich durchaus schon bewiesen. Ich hoffe, dass ich ­taktisch ein bisschen weiter bin als er, in Italien habe ich diesbezüglich viel gelernt. Die defensive Verlässlichkeit könnte auch für mich sprechen. Und vielleicht ist das dann entscheidend. Jordan ist ein technisch guter Aussenverteidiger, sein grosser Vorteil ist es, dass er auf beiden Seiten eingesetzt werden kann. Nicht ohne Grund hat er sich nach seinem Wechsel nach Frankreich gleich durchsetzen können.

Sie sind 27-jährig – wirken aber reifer. Sehen Sie das selbst auch so?

In der Tat habe ich schon viel erlebt in meiner Karriere. Das hilft in Druck­situationen, weil ich weiss, was es braucht. Auch ich musste lernen, in gewissen Situationen Ruhe zu bewahren, anstatt nervös, hektisch und wütend zu werden. Kurz durchatmen – dann kommt es besser! Das hatte ich vor fünf, sechs Jahren noch nicht drauf.

Können Sie das konkret beschreiben?

Als ich mit 20 Jahren nach Italien zog, war es auch schwierig. Ich hatte bei Udinese auch Monate ohne Spielpraxis. Andere Spieler in der gleichen Situation haben es dann eben nicht gepackt. Aber ich blieb ruhig und seriös und erhielt meine Chance. Und es gibt auch konkrete ­Situationen im Spiel, wo ich das anwenden kann. Ich wurde viel ruhiger am Ball. Bei Udinese hatte ich diese Ruhe noch nicht. Damals wollte ich möglichst schnell nach vorne spielen, möglichst schnell ins Zentrum flanken. Jetzt spiele ich gelassener. Ich versuche, wirklich nur einen Pass zu spielen, wenn ich weiss, dass ich auch einen Abnehmer finde. Für Flanken auf den richtigen Moment warten, nicht einfach mal etwas probieren und hoffen, dass es gut kommt.

Wie sehr sind Sie gereift, seit Sie Vater sind?

Es ist schon so, dass ich schon immer relativ reif war für mein Alter. Und klar, als Papi erhält man nochmals eine andere Sicht aufs Leben allgemein. Nach einer Niederlage bin ich weniger aufgewühlt, traurig oder enttäuscht als früher, weil ich weiss, dass es wichtigere Sachen gibt im Leben. Meine Tochter hat sicher viel bewegt in mir als Mensch. Das heisst aber nicht, dass ich jetzt einfach ohne Fokus auf dem Platz stehe, überhaupt nicht.

Wie ist es, plötzlich ständig ein kleines Lebewesen um sich herum zu haben?

Intensiv. Wunderschön. Wenn du in der Nacht erwachst, sofort an sie denkst, kurz nachschauen gehst, ob sie schläft, ob sie noch atmet (lacht) – das sind ­kleine Dinge, die man sich vorher nie überlegt.

Bald erhält die Tochter ein Geschwister – ­Bruder oder Schwester?

Ein Schwesterchen. Wir freuen uns ­riesig, hoffen, dass mit der Schwangerschaft weiterhin alles gutgeht.

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