Langlauf

Sieben Kilometer Absperrungen und eine Turnhalle für Schnelltests: Wie Corona den Tour-de-Ski-Start im Münstertal prägt

Tour-de-Ski-Start vor drei Jahren im Münstertal. Damals mit weniger Schnee, dafür mit Zuschauern.

Tour-de-Ski-Start vor drei Jahren im Münstertal. Damals mit weniger Schnee, dafür mit Zuschauern.

Am Neujahrstag starten die Langläuferinnen und Langläufer im Münstertal ohne Zuschauer in die Tour de Ski. Das Organisationskomitee in Tschierv hat deshalb nicht etwa weniger zu tun. Im Gegenteil. Die Arbeit wurde um einiges komplizierter.

Eigentlich ist es ja eine schöne Sache: Zum fünften Mal macht die Tour de Ski, im Münstertal Halt, erstmals bleibt der Tross gleich drei Tage in Tschierv. Zudem sind die Schneeverhältnisse perfekt. Und das Wetter dürfte, zumindest am Neujahrstag, ebenfalls mitspielen, wenn die Langläuferinnen und Langläufer zum Prolog-Sprint starten.

Und doch ist beim ersten grossen Schweizer Sportanlass des Jahres nicht alles eitel Sonnenschein, Corona ist schuld. Kurz: Es fehlen die Zuschauer, es fehlt das norwegische Team. Und der Organisationsaufwand wurde nicht etwa kleiner.

Die Rennstrecke wird abgeriegelt

Keine Zuschauer, weniger Arbeit? Guido Mittner kann über diesen Gedanken herzhaft lachen. Der OK-Präsident der Tour-de-Ski-Rennen in Tschierv war in den vergangenen Tagen mit ganz besonderen Problemen konfrontiert, das Telefon lief heiss, wie er sagt. Zu tun gibt für die Organisatoren zum Beispiel in Sachen Infrastruktur: Um die Teams möglichst zu trennen, mussten zusätzliche Geländezugänge erstellt und für jedes Team eigene Aufenthaltszonen definiert werden.

Rund um die Rennstrecken erstellten die Helfer auf einer Länge von sieben Kilometern Absperrungen, um «heimliche Zuschauer» abzuhalten. Weiter muss viel mehr Platz einberechnet werden im Wachsareal - die Teams bringen coronabedingt doppelt so viele Wachscontainer mit zu den Rennen. Und auch Hotelzuteilungen waren eine Herausforderung: Pro Hotel ist grundsätzlich nur ein Team erlaubt.

Coronavorschriften bringen einige Teams ins Schlingern

Doch es sind vor allem die Einreisebestimmungen, die das OK umtreibt. Ein Beispiel: Athletinnen und Athleten müssen negative Tests vorweisen können, um an den Rennen teilnehmen zu können. Während in den späteren Tour-de-Ski-Stationen Toblach und Val di Fiemme Schnelltest-Nachweise reichen, sind in der Schweiz PCR-Test-Ergebnisse nötig.

Ein Langlaufteam war am Dienstag mit ungenügendem Schnelltest-Negativnachweis angereist. In einer Blitzaktion mussten im Spital in Münstertal PCR-Tests gemacht werden und sofort nach St. Gallen zur Analyse gesendet werden.

Ein anderes Beispiel: Einige Teams übernachten im Südtirol – Mittner musste für sie Spezialbewilligungen für die Einreise in die Schweiz organisieren.

Finanzieller Schaden hält sich in Grenzen

Eine grössere Übung steht dem OK und den rund 400 Sportlern und Betreuern dann am Sonntag nach den Rennen bevor. In der Turnhalle eines Schulhauses wird es Schnelltests für alle geben – damit die Weiterreise nach Italien zu den nächsten Etappen überhaupt möglich sein wird.

Wie kann ein Anlass unter diesen Bedingungen finanziell aufgehen? Tatsächlich sei das Budget von 1,1 Millionen Franken auf rund 1,3 Millionen gestiegen, sagt Mittner. Zudem fallen Sponsoring- und Ticketeinnahmen weg. Dennoch werde man wohl mit einem blauen Auge davon kommen: Der Bund übernimmt einen Teil der coronabedingten Zusatzkosten.

Dass das norwegische Team coronabedingt auf einen Start an der Tour verzichtet, wird von vielen im Tourtross nicht goutiert oder gar als egoistisches Machtspielchen des Langlaufdominators gewertet. Mittner nimmt dies gelassen, freut sich darüber, dass die Schweden und Finnen – anders als noch in Davos – wieder dabei sind. Und er sieht das Positive in der Absenz der Norweger.

Eine sportliche Abwertung der Tour könne man zwar nicht leugnen. Was aber eine Chance für alle anderen sei. Für die Schweizer, ja, aber zum Beispiel auch für die Briten, die dank zuletzt guter Sprintresultate starke Medienpräsenz in England erhalten hätten. Ein Millionen-Publikum am TV ist dem Münstertal in den Neujahrstagen ohnehin gewiss. In diesen Tagen vielleicht eben auch noch ein zusätzliches:

Schweizer starten mit zwölf Männern und vier Frauen

Auch Christian Flury, Chef Langlauf bei Swiss Ski, sieht die norwegische Lücke vor allem als Chance für seine Athleten. Dass sich junge Sprinter in Davos und Dresden empfehlen konnten und nun auch in Tschierv mit guten Hoffnungen an den Start gehen, sei gut fürs Selbstvertrauen.

Die Schweizer machen von der Möglichkeit Gebrauch, im Heimrennen mehr Athletinnen und Athleten an den Start zu bringen. Zwölf Männer und vier Frauen werden die Tour beginnen. Bei der Selektion habe man aufgrund der jüngsten Resultate stärker auf die Sprinter gesetzt als in anderen Jahren, sagt Flury.

So sind die jungen Sprinter Velerio Grond oder Janik Riebli dabei, obschon sie im weiteren Verlauf der Tour kaum mehr eine Rolle spielen und wohl nicht nach Italien reisen werden. Ohnehin werde man den Schnitt nach Münstertal härter machen als in anderen Jahren, auch da es in Coronazeiten keinen Sinn mache, mit einem grossen Team nach Italien zu reisen, erklärt Flury.

Flury hofft auf einen Exploit bei der formstarken Nadine Fähndrich, auf gute Resultate bei den jungen Sprintern im Prolog – und er spricht von einer steigenden Form des Distanzteams um Dario Cologna. Favorit auf den Toursieg ist bei den Männern Alexander Bolschunow, bei den Frauen dürfte der Sieg über die Schwedinnen gehen.

Grosse Zuversicht und eine «Münstertal-Trophy»

Bei OK-Chef Mittner ist der Enthusiasmus trotz Coronahindernissen spürbar.

Und die Ideen bleiben nicht aus. In den vergangenen Tagen hat das OK quasi aus dem nichts eine Münstertal-Trophy" erschaffen. 5000 Franken sollen die Overall-Sieger der drei Tage in Tschierv erhalten, das Geld wird von privaten Gönnern gesprochen.

Neue Ideen wie Kamelbuckel und Steilwandkurve

Zudem setzt Mittner ein weiteres Mal auf kreative Streckenelemente. Eine Steilwandkurve in einer Abfahrt, ein Sprung und «Kamelbuckel» werden zur Unterhaltung beitragen. Diese Elemente sind im Tross nicht unumstritten, Mittner hat aber eine klare Haltung: «Der Langlauf-Weltcup muss Neues ausprobieren und sich so im Gespräch halten.»

Auf jeden Fall wolle das Münstertal auch nach 2022 Teil der Tour de Ski sein. Noch ist dieser Vertrag aber nicht unter Dach und Fach. An Mittners Enthusiasmus wird es jedenfalls nicht liegen.

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