Die wichtigste Person fehlt vergangenen Montag im Dortmunder Mannschaftsbus. Der Schweizer Trainer Lucien Favre hat Rückenprobleme und kann nicht mit nach Aachen, wo der BVB ein Testspiel mit 4:0 gewinnt. Favre wurmt es selbst am meisten, dass er sein Team nicht live beobachten kann. Doch die Gesundheit geht vor. «Zweimal zwei Stunden im Bus, hätten seinem Rücken nicht gutgetan», sagt Sportdirektor Michael Zorc. Am Samstag in der Bundesliga in Stuttgart soll Favre aber wieder an der Seitenlinie stehen.

Die Rückenprobleme des Trainers sind momentan die grösste Sorge beim BVB. Denn sportlich läuft es endlich wieder rund. Mit 19 Punkten ist der BVB Tabellenführer und hat vier Zähler Vorsprung auf Meister Bayern. Schon vor einem Jahr grüsste Dortmund von ganz oben, doch unter Peter Bosz geriet der BVB in einen Abwärtsstrudel. Sein Nachfolger Peter Stökonnte nur Schadensbegrenzung betreiben. Mit einem Jahr Verspätung – 2017 liess Nizzas Präsident den Schweizer nicht zum BVB – wurde Favre im Juli 2018 als neuer Trainer präsentiert. Die Wunschlösung der Dortmunder Bosse soll den benötigten Umschwung orchestrieren. Sieben Gründe, warum Favre die kriselnden Borussia aus Dortmund schneller als erwartet zu einem Siegerteam geformt hat:

1. Die Transfers:

Lucien Favre hat mit Schürrle, Castro und Yarmolenko nicht nur gnadenlos aussortiert, sondern auch gezielt eingekauft. Mit Witsel, Delaney, Diallo und Hakimi hat Favre vier Top-Transfers für die Defensive verpflichtet, die mit ihrer Kämpfermentalität dem BVB guttun. Und auch Paco Alcacer, die spanische Last-Minute-Leihe scheint mit 7 Toren in 4 Spielen ein Glücksgriff zu sein.

Neuzugang Axel Witsel zieht im Mittelfeld gekonnt die Fäden.

Neuzugang Axel Witsel zieht im Mittelfeld gekonnt die Fäden.

2. Die Kommunikation:

Favre ist stets höflich und auf seine Wortwahl bedacht. Da kommt es schon vor, dass er nach Pressekonferenzen extra das Gespräch mit einem Journalisten sucht, um ihm seine taktischen Ausführungen nochmals im Detail zu erklären. Genau gleich geht Favre mit seinen Spielern um. Flügelstürmer Jakob Brun-Larsen sagt: «Favre redet jeden Tag mit uns.» Auch individuelle Videoanalysen stehen an der Tagesordnung. Der Trainer achtete auf kleinste Details. Manuel Akanji durfte zum Beispiel von Favre lernen, mit welcher Fussstellung er gegnerische Schüsse besser blocken kann. Gleichzeitig ist der Coach autoritär. Zu Saisonbeginn kommuniziert er klare Verhaltensregeln, denen die Stars – anders als noch vergangene Saison – auch folgen. Dazu kommt die Besessenheit des Trainers, der von sich selber sagt, «comme un fou», wie ein Irrer, zu arbeiten. Zufrieden ist Favre nie. Nach dem 4:1-Sieg gegen Leipzig sagte er: «Es gibt viel zu korrigieren.» Favre arbeitet auch mit 60 Jahren unermüdlich. Solange er wach ist, denkt der jetzt an den BVB.

Nicht nur während dem Match. Auch im Training pickt sich Lucien Favre seine Spieler gezielt heraus, um mit ihnen zu sprechen.

Nicht nur während dem Match. Auch im Training pickt sich Lucien Favre seine Spieler gezielt heraus, um mit ihnen zu sprechen.

3. Die Jungen:

Favre vertraut den Dortmunder Talenten. 23,5 Jahre alt war die Startelf am vergangenen Spieltag gegen Augsburg im Schnitt. Favre vermittelt den jungen Spielern klar, was er will. Diese folgen ihm, weil sie merken, dass der Trainer einen Plan hat. Sancho, Brun Larsen und Pulisic und Co zahlen das Vertrauen des Trainers mit guten Leistungen zurück.

Christian Pulisic (20) und Jakob Bruun Larsen (20) sind zwei der jungen Wilden beim BVB.

Christian Pulisic (20) und Jakob Bruun Larsen (20) sind zwei der jungen Wilden beim BVB.

4. Der Fortschritt:

Mit einem besseren Spielermaterial als jetzt in Dortmund hat Favre noch nie gearbeitet. Beim BVB wurden ihm im Sommer keine Leistungsträger weggekauft. Mit seiner Erfahrung macht der bald 61-Jährige jetzt das, was er auf all seinen Trainerstationen immer gemacht hat: seine Spieler besser.

5. Die Korrekturen:

Favre rotiert nach dem Leistungsprinzip. Wer gut trainiert, spielt. So hat es der Trainer bislang geschafft, den kompletten Kader bei Laune zu halten. 21 Spieler hat Favre eingesetzt, 17 waren an einem Treffer beteiligt. 9 Tore erzielten Einwechselspieler. Bemerkenswert: Der BVB hat in dieser Saison schon zehn Punkte nach Rückständen geholt. Viermal drehte Dortmund eine Partie komplett. Favres taktische und personelle Korrekturen zünden schon im Spiel.

Jadon Sancho ist als Joker besonders gefährlich und legte schon fünf Tore vor.

Jadon Sancho ist als Joker besonders gefährlich und legte schon fünf Tore vor.

6. Die Fans:

Obwohl Favre auch in Dortmund zuerst den Fokus auf die defensive Grundordnung gelegt hat, bietet der BVB reichlich Offensiv-Spektakel. Das freut die Fans, welche ausserdem spüren, dass die Mannschaft wieder alles für den Verein gibt. Zudem trainiert der BVB, seit Favre da ist, öfter öffentlich und gibt mehr Autogrammstunden.

Die Fans und die Mannschaft sind wieder eine Einheit.

Die Fans und die Mannschaft sind wieder eine Einheit.

7. Das Spielglück:

Sei es beim FC Zürich, Hertha Berlin, Borussia Mönchengladbach oder Nizza. Unter Favre spielen die Mannschaften besser als zuvor und oftmals über ihren Möglichkeiten. Das deutsche Fussballmagazin «11 Freunde» kommt nach einer ausführlichen statistischen Analyse von Favres Teams zu dem Schluss: Favres Spielstil erzwingt das Glück. Das ist auch beim BVB der Fall. Zwei Beispiele: Im Cup gegen Fürth trifft der BVB in der 95. und 120. Minute und gewinnt nach Verlängerung mit 2:1. In der Liga trifft Leverkusen beim Stand von 2:0 nur den Pfosten und verliert dann noch mit 2:4 gegen Favres Dortmunder Borussia.