Sexismus im Skifliegen
Die Frauen träumen vom Fliegen, doch man lässt sie nicht, «es ist zu gefährlich und nicht gut fürs Produkt», sagt ein Mann

Der Traum der Frauen von einer Vierschanzentournee und dem Skifliegen geht nicht in Erfüllung. Die Fis begründet das mit der fehlenden Leistungsdichte, das sei schlecht fürs Produkt. Skifliegen sei auch für Männer gefährlich. Und für Frauen zu gefährlich.

Simon Häring
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Die Frauen wollen von den grössten Schanzen fliegen. Doch die Männer stemmen sich gegen einen beschleunigten Fahrplan.

Die Frauen wollen von den grössten Schanzen fliegen. Doch die Männer stemmen sich gegen einen beschleunigten Fahrplan.

Keystone

Es ist nicht viel mehr als eine Randnotiz, als der internationale Skiverband FIS, der auch das Skispringen organisiert, Mitte April den Kalender für die kommende Saison publiziert. Auch für den Wintersport war es eine lange und komplizierte Saison, und sowieso: Der Frühling kündigt sich an, dann der Sommer, in dem alles besser werden soll, in dem die Pandemie nur noch eine Erinnerung ist, die zwar einschneidend ist, aber verblassen wird.

Doch die Randnotiz, sie birgt Zündstoff. Sie besagt: Auch in der neuen Saison tritt nicht ein, wofür die Frauen schon seit Jahren kämpfen: Ein Wettbewerb im Skifliegen, von einer der wenigen Schanzen, bei denen die Männer Weiten von über 250 Metern erreichen. Und auch der zweite Wunsch der Frauen, eine Vierschanzentournee, bleibt ihnen verwehrt. Und das, obwohl der norwegische Verband einen entsprechenden Vorstoss wagte. Doch in der Abstimmung im FIS-Komitee fand das keine Mehrheit. Ein Komitee – wen wundert's? – in dem die Männer in der Überzahl sind.

Skispringerin Maren Lundby ist bitter enttäuscht von der Entscheidung.

Skispringerin Maren Lundby ist bitter enttäuscht von der Entscheidung.

Vegard Wivestad Grott / www.imago-images.de

Weltmeisterin Lundby: «Sie sind einfach dagegen»

Dabei ist Skifliegen für Männer und Frauen der gleiche Sport: Abstossen, durch die Spur gleiten, abspringen, fliegen, landen – und am Ende jubeln. Weshalb also dürfen die Frauen nicht über die ganz grossen Schanzen? Sexismus, sagt die norwegische Weltmeisterin Maren Lundby. «Sie sind einfach dagegen», erzürnte sie sich in der Zeitung «Dagbladet» Es heisse immer, das Frauenspringen sei nicht attraktiv genug. Verantwortlicher bei der FIS ist Sandro Pertile. Diese Zeitung erreicht den Italiener am Freitag am Telefon, und fragt: Weshalb dürfen die Frauen nicht Skifliegen?

Die Antwort? Es ist kompliziert. «Wir haben offen und ehrlich debattiert, und am Ende gab es eine Abstimmung, die 9:7 ausging», sagt Pertile. Der Unfall des Norwegers Daniel-André Tande, der im April in Planica so schwer gestürzt war, dass er intubiert, künstlich beatmet und für zwei Tage in ein Koma versetzt werden musste, zeige: «Skifliegen ist kein Spiel, auch bei den Männern nicht.» Heisst übersetzt: zu gefährlich für die Frauen. Und dann sagt Pertile etwas, das Lundbys Kritik bestätigt. «Schauen Sie, wir sind ein Business, wir müssen ein Produkt verkaufen.» Er bemängelt die fehlende Leistungsdichte, der Abstand der besten Frauen zu den anderen sei schon im Skispringen zu gross. Pertile sagt: «Wie wäre das dann erst beim Skifliegen?» Er beantwortet die Frage selbst: «Schlecht fürs Produkt.»

Sandro Pertile, Renndirektor bei der FIS, sagt, die Nationen hätten ein Skifliegen abgelehnt, weil es noch zu früh komme.

Sandro Pertile, Renndirektor bei der FIS, sagt, die Nationen hätten ein Skifliegen abgelehnt, weil es noch zu früh komme.

Peter Hartenfelser / www.imago-images.de

Iraschko flog vor 18 Jahren auf 200 Meter

Die Leistungsdichte bei den Frauen ist nicht vergleichbar mit jener bei den Männern, das ist unbestritten. Weshalb also beschränkt man das Feld der Teilnehmerinnen nicht auf jene Athletinnen, die sich den Sprung zutrauen? «Das kann eine Option sein», sagt Pertile. Und verweist darauf, dass man einen langfristigen Plan verfolge, an dessen Ende es ein Skifliegen für die Frauen und auch eine Vierschanzentournee stehen soll. Und er verweist darauf, dass diese Schritte eingeleitet seien. Bei der Nordischen Ski-WM in Oberstdorf sprangen die Frauen erstmals von der Grossschanze aus um die Medaillen. Und 2022 wird es erstmals einen Wettkampf in Willingen auf der grössten Grossschanze geben, wo der Rekord bei 153 Metern liegt.

Tatsächlich ist das Skispringen bei den Frauen eine junge Sportart. Seit 2011 gibt es einen Weltcup, bei den Olympischen Spielen sind die Frauen seit 2014 zugelassen. Pertile verweist auch darauf, dass in dieser Saison nur ein Bruchteil der geplanten Wettkämpfe stattgefunden habe, und die meisten Springen auf kleinen Schanzen stattgefunden habe. Willingen sieht er als Meilenstein in der Entwicklung. Doch den besten Frauen geht das nicht weit, und vor allem nicht schnell genug, auch wenn die Olympia-Zweite Katharina Althaus sagt, alle Frauen zuzulassen, wäre fahrlässig. Sie sagt aber auch: «Die FIS hat offenbar Angst davor, dass die Frauen zu stark werden.» Vielleicht würde sich auf den Grosschanzen nämlich zeigen, dass Frauen gegenüber Männern sogar Vorteile haben und weiter fliegen.

Das ist natürlich hypothetisch. Unbestritten ist aber, dass die besten Frauen Skifliegen beherrschen, und das schon sehr lange. Vor 18 Jahren flog die Österreicherin Daniela Iraschko-Stolz als Vorspringerin auf 200 Meter.

Die Österreicherin Daniela Iraschko flog schon 2003 auf 200 Meter.

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