NLA

Servettes Problem: Ohne neues Stadion wird Genf nicht Meister

Chris McSorley ist zuversichtlich, dass in Genf bald ein neues Stadion steht.

Chris McSorley ist zuversichtlich, dass in Genf bald ein neues Stadion steht.

Chris McSorley dominiert mit Servette das welsche Eishockey seit dem Wiederaufstieg 2002 – eine der erstaunlichsten Erfolgsgeschichten unseres Hockeys. Es gibt nur ein Problem. Er kann nicht Meister werden.

Ach, wäre Chris McSorley doch Politiker geworden. Er würde die Welt verändern. Der Kanadier sitzt in seinem kargen Trainerbüro im Bauch der bald 60-jährigen Arena. In wenigen Worten erklärt er, warum sein Servette noch nie Meister geworden ist. Und was es braucht, damit sein Servette Meister wird. Seine Botschaft ist einfach verständlich, holzschnittartig wie politische Propaganda. «Mir fehlen zwei Millionen.» Er weiss auch, wie er diese zwei Millionen erwirtschaften könnte. «Wir brauchen die neue Arena.»
Ist es so einfach? «Ja», sagt Chris McSorley. «Seit ich nach Genf gekommen bin, haben in vierzehn Jahren vier Klubs die Meisterschaft gewonnen: Lugano, Zürich, Bern und Davos. Diese vier Klubs haben mehr Geld und die ausgeglichenere Mannschaft. Sie sind dazu in der Lage, am Ende der Saison verletzungsbedingte Ausfälle zu kompensieren. Wir können das nicht. Am Ende fehlen uns immer ein oder zwei Spieler. Deshalb haben wir zweimal den Final verloren.» 2008 unterlagen die Genfer den ZSC Lions in sechs, 2010 dem SC Bern in sieben Spielen. So nahe wie 2010 waren sie dem Titel nie mehr. Und so hat es McSorley bisher nur zu zwei Triumphen beim Spengler-Cup gereicht. Ein kurzes Showturnier. Kein Abnützungskampf wie die Playoffs.

Vernunft statt Meistertitel

Und doch irritiert die Aussage, dass nur zwei Millionen fehlen. Es müsste doch möglich sein, zwei «Kisten» zusätzlich auszugeben. Das sei durchaus so, sagt der Kanadier, der bei Servette als Mitbesitzer alle wichtigen Positionen (Manager, Trainer, Sportchef) besetzt. «Aber ich trage hier nicht nur die sportliche Verantwortung. Ich bin Mitbesitzer dieses Unternehmens und am Ende des Tages ist die wirtschaftliche Stabilität für mich wichtiger als ein Meistertitel.» Vernünftig wirtschaften und triumphieren – das geht offensichtlich nicht. Ja, 2006 und 2012 musste Servette gar in die Playouts und die Playoff-Qualifikation fürs nächste Frühjahr ist bei weitem nicht garantiert.
In einer neuen Arena wäre es mit ziemlicher Sicherheit möglich, die zusätzlichen zwei Millionen zu erwirtschaften. Deshalb hat für McSorley der Bau einer neuen Arena höchste Priorität. Aber diese Pläne sind so alt, als seien sie noch von Johannes Calvin (1509 bis 1564) gezeichnet worden. Immer und immer und immer wieder wird dieses Projekt verschoben. Frage deshalb an McSorley: Was wird eher sein: Die Rückkehr von Jesus Christus oder die Eröffnung der neuen Hockey-Arena in Genf?
Er ist zuversichtlich, dass es das neue Stadion ist. McSorley macht ein ernstes Gesicht und lässt keinen Zweifel aufkommen, dass er gleich etwas ungeheuer Wichtiges erzählen wird.

Investoren scheinen gefunden
Und tatsächlich. Er flüstert beinahe: «Bis Ende Jahr fällt die Entscheidung.» Er habe die Investoren gefunden, die bereit sind, 200 Millionen in den Bau eines gewaltigen Sportkomplexes zu investieren. «Nun geht es um die definitiven Zusagen.» Er sei zuversichtlich. «Lausanne erhält ein neues Stadion. Das hat die Leute hier aufgeschreckt.»
Und was, wenn die neue Arena doch nicht kommt? Gehen dann die Lichter aus? Chris McSorley hütet sich, im Falle eines Scheiterns seines kühnen Neubau-Projektes den Untergang des Hockeys in Genf auszurufen und so quasi Investoren, Politiker und Publikum zu erpressen. Das Leben soll auch ohne neue Arena weitergehen. «Wir erfüllen die Standards nicht mehr, die von der Liga gefordert werden. Wenn wir kein neues Stadion erhalten, braucht es umfangreiche Sanierungen in unserer alten Arena.»
McSorley hat aus Servette das beste Sportunternehmen des Welschlandes gemacht. Ja, Servette ist nach den Montréal Canadiens das erfolgreichste Hockeyunternehmen der frankophonen Welt. Der charismatische Kanadier spricht kein französisch und ist doch der Liebling der Stadt geworden. Vielleicht weil er sich nicht um das kümmert, was geredet, geschrieben und gesendet wird – er versteht es gar nicht. Der strahlende, charismatische Optimist hat sein Servette durch und durch nordamerikanisch als Unternehmen der Unterhaltungsindustrie strukturiert, in der Stadt und in der Umgebung vernetzt und eine erfolgreiche Nachwuchsorganisation aufgebaut. Er ist ein Mann auf einer Mission, stärker noch als Marc Lüthi in Bern, der auch Mitbesitzer des Klubs ist.

Und das kam so. Chris McSorley erzählt: «Die Anschutz-Gruppe ist 2001 in Genf eingestiegen, hat mich als Trainer verpflichtet und die Rückkehr in die NLA ermöglicht. Aber jedes Jahr gab es gut vier Millionen Verlust. Als sich abzeichnete, dass es nicht möglich ist, hier ein Stadion zu bauen, zog sich Anschutz zurück. Das Management war fair zu mir. Sie haben mir im September 2005 gesagt: Ende Saison geben wir den Standort Genf auf. Du kannst den Klub übernehmen.» Und was ist dann passiert? «Ich bin nach Haus gegangen und habe meiner Frau gesagt: Ich übernehme Servette. Entweder ist es der dümmste oder der smarteste Entscheid, den ich je in meinem Leben gefällt habe.» Es sei dersmarteste Entscheid gewesen.

Der Sponsor hinter McSorley

Es ist nicht nur die Tüchtigkeit von McSorley, die das Überleben von Servette möglich macht. Gewiss, er hat aus einem Hockeyklub, der vor 14 Jahren in der NLB vor etwas mehr als 1000 Fans auftrat, den populärsten Sportklub der Stadt gemacht, der regelmässig die Arena füllt. Aber der Kanadier hat auch seinen Sponsor. Gennadi Timtschenko. Der umtriebige russisch-finnische Doppelbürger ist Aufsichtsratsvorsitzender der KHL, Präsident von St. Petersburg und Mitbesitzer von Jokerit Helsinki. Der Milliardär übernimmt bei der Finanzierung des Betriebsdefizites in Genf die Rolle, die Walter Frey in Zürich, Vicky Mantegazza in Lugano und Bill Gallacher in Kloten spielen. Inzwischen gibt es allerdings Gerüchte, dass er aussteigen könnte. Die dementiert McSorley. «Da ist nichts dran. Es gibt keinerlei Probleme.» Und ergänzt: «Jeden Morgen wenn ich aufstehe, denke ich daran, wie glücklich in bin, hier zu sein.»

Glücklich mit oder ohne neue Arena, mit oder ohne Meistertitel. Aber nicht ohne Gennadi Timtschenko.

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