Serbien war an der Weltmeisterschaft in Russland ein auffälliger Gast. Während Nachbar Kroatien sportlich überzeugen konnte, sorgten die Serben eher für Negativschlagzeilen. Die Doppeladler-Affäre wird Serbien, aber auch der Schweiz noch lange anhaften. 

Die Serben konnten diese Geste nicht verzeihen. Vielleicht müssen sie es auch nicht. Die Provokationen, der Protestbrief gegen Schiedsrichter Felix Brych und die Angst von Liverpool-Trainer Jürgen Klopp, Xherdan Shaqiri Monate später gegen Roter Stern Belgrad auflaufen zu lassen. Das alles warf allerdings auch kein gutes Licht auf die Serben. Nicht zum ersten Mal.

Seit ihrer Gründung 2006 konnte die serbische Nationalmannschaft nie ganz skandalbefreit spielen. Die Schrecken des Krieges bleiben unvergessen, ein Verzeihen und Vergeben ist bis zum heutigen Zeitpunkt nicht möglich. Die stetige Vermischung von Politik und Fussball, sie mag ein Grund dafür sein, warum das Land viel Zeit benötigt hat, um wieder sportliche Erfolge feiern zu können.

Die verlorene Generation

Diese gelangen vor allem vor dem Krieg. Wir schreiben den 30. Juni 1990, die WM in Italien neigt sich dem Ende zu. Die Partie Argentinien-Jugoslawien befindet sich im Elfmeterschiessen, Jugoslawien liegt im Rückstand. Alle Hoffnungen ruhen auf Faruk Hadžibegić.

Dieser läuft los, zielt in die rechte Torecke – und wird von Argentiniens Torhüter ausgebremst. Etwas verloren bleibt der Jugoslawe am Elfmeterpunkt stehen, während Argentinien triumphiert. Doch was später noch viel mehr schmerzen wird: Dieser verschossene Elfmeter wird die letzte Aktion sein, die jemals für Jugoslawien in einem internationalen Wettbewerb ausgeführt wurde.

Nur ein Jahr später beginnt der Jugoslawienkrieg. Der Staatenbund zerfällt in seine Einzelteile und mit ihm eine ganze goldene Generation. Die Mannschaft, gespickt mit technisch begabten Spielern, existiert nicht mehr.

Serbiens Wiederauferstehung

Viele trostlose Jahre sollten vergehen, bis der serbische Fussball endlich wieder schöne Geschichten schreiben kann. Erst die Generation, deren Mitglieder den Krieg, aber auch die Triumphe ihrer Vorgänger nicht erlebt haben, spielte sich frei.

Wie einst Jugoslawien 1987 in Chile gewann Serbien 2015 die U20-Weltmeisterschaft, besiegte den Favoriten Brasilien in der Verlängerung 2:1. In Hinblick auf die Vergangenheit fand Tariner Veljko Paunović gegenüber der FIFA nach dem Sieg vor allem mahnende Worte: „Das wird uns Selbstvertrauen für die Zukunft geben, aber trotz alledem müssen wir den Auf- und Umbau unseres Fussballs und unserer Gesellschaft fortsetzen." Trotzdem. Es war vor allem ein Titel, auf den Serbien gewartet hatte. Für das Land war er nebst dem Sieg der U19-Europameister 2013 ein weiterer Meilenstein.

Immer mittendrin bei beiden Titelgewinnen war ein ganz besonderer Spieler: Doppelbürger Milos Veljković, der 1995 in Basel zur Welt kam und bis 2011 beim FCB spielte, bevor er über Tottenham Hotspur 2016 bei Werder Bremen landete, wo er heute noch spielt.

Sein damaliger Wunsch? Als Teil einer neuen, besonderen Generation so berühmt zu werden, wie die Spieler von 1987. Bis jetzt gelang ihm das nicht. Veljković, wurde von Trainer Mladen Krstajić, aber auch seinen eigenen Leistungen ausgebremst. Er schaffte es zwar an die Weltmeisterschaft, durfte aber nur gegen Brasilien auflaufen.

Erst in der Nations League setzte Krstajić ganz auf ihn. Seine Glanzleistung erzielte er gegen Litauen. Als einer der besten auf dem Platz war er oft in Ballbesitz, gewann viele Zweikämpfe. Doch noch ist er nicht in der Lage, eine konstant gute Leistung abzurufen, konnte nicht immer überzeugen.

Vier Talente und ein Oldie 

Anders sieht es bei Sergej Milinkovic-Savic aus, der den höchsten Marktwert im Kader hat. Der Lazio-Spieler, der ebenfalls beide Nachwuchstitel gewann, durfte an der WM durchspielen und wird wohl bald durchstarten.

Doch nicht alle Mitglieder der Goldenen Generation 2.0 kommen so zum Handkuss, wie die beiden. Dazu gehört Benficas Andrija Živković, ein schneller Rechtsaussen. Der jüngste serbische Nationalspieler aller Zeiten, konnte sich nie ganz durchsetzen. Auch Luka Jović, der mit mehreren Topvereinen in Verbindung gebracht wird und mit Eintracht Frankfurt begeistert, konnte in der Nationalelf nicht auftrumpfen.

Ähnlich geht es Dušan Tadić. Der dreissigjährige Oldie gehört zwar nicht zu der jungen, goldenen Generation, erlebt aber bei Ajax Amsterdam seinen zweiten Frühling. Nach dem 4:1 in der Champions League gegen Real Madrid kam der verspätete Ritterschlag: L'Equipe, sonst eher geizig mit Bestnoten, verlieh ihm die Note zehn.

Zurück in die Zukunft

Somit kann Serbien mit einigen Talenten aufwarten. Zusammen mit den erfahrenen Spielern wie Nemanja Matić oder dem U19-Europameister Aleksandar Mitrović ergibt sich eine gute Mischung.

Serbien scheint bereit für die Zukunft zu sein. In der Nations League hat man einen ersten Grundstein gelegt, Litauen und Montenegro besiegt, zwei Unentschieden gegen Rumänien erreicht und sich den Aufstieg in die Liga B gesichert. Auch am Mittwoch konnte man beim 1:1 gegen Deutschland überzeugen.

Erst in der EM-Qualifikation wird sich allerdings zeigen, ob es gelingt, die jungen Spieler erfolgreich zu integrieren. Heute trifft Serbien auf Portugal, einen Gegner, den man aus der letzten Qualifikation kennt und gegen den man zweimal 1:2 verlieren musste.

Doch auch sonst ist Portugal kein Neuland. Gleich fünf einberufene Spieler haben eine Verbindung zu Portugal – besser gesagt zu Benfica Lissabon. Der Verein, der zwischenzeitlich scherzhaft Benficovic genannt wurde, ist dafür bekannt, serbische Talente zu verpflichten.
 
Auch Litauen ist kein unbekannter Gegner, in der Nations League konnten die Serben mit jeweils 1:0 und 4:1 gewinnen. Als weitere Gegner folgen die Ukraine und Luxemburg. Eine Qualifikation sollte für Serbien, das sich momentan auf Platz 31 der FIFA-Rangliste befindet, machbar sein. Ob sie auch skandalfrei abläuft, darauf kann man nur hoffen.