Biathlon

Selina Gasparin: Eine Frau auf der Überholspur

Regelmässig unter die Top 10 und das eine oder andere Mal auch aufs Podest: Selina Gasparin setzt sich hohe Ziele.

Regelmässig unter die Top 10 und das eine oder andere Mal auch aufs Podest: Selina Gasparin setzt sich hohe Ziele.

Wie Biathletin Selina Gasparin die Rollen als Spitzensportlerin, Mutter, Buchautorin und Aushängeschild vereint.

Sie ist auf Draht, ohne gestresst zu wirken. Sie spricht gefühlvoll über ihre Tochter, ohne sie auszustellen. Sie gibt bereitwillig Auskunft, ohne sich anzubiedern. Selina Gasparin strahlt in diesen Tagen eine bemerkenswerte Ruhe aus. Dabei führt sie gerade ein Leben auf der Überholspur.

Dass Spitzensport auch Lebensschule sei, ist mehr als ein geflügeltes Wort. Die 32-jährige Engadinerin, die in drei Wochen ihre insgesamt elfte Weltcupsaison in Angriff nimmt, ist ein perfektes Beispiel. Sie hat im Biathlon gelernt, trotz rasendem Puls und brennenden Oberschenkel vom Laufen im Schiessstand für einen Moment die innere Ruhe zu finden und alle Hektik rundherum auszublenden. Dies gelingt der Olympiazweiten von Sotschi offensichtlich auch auf anderer Bühne.

Es sind schliesslich aufregende Wochen für Selina Gasparin. Im Frühjahr der Umzug von S’chanf im Engadin nach Lenz – in Gehdistanz zur neuen Biathlon-Arena. Im Sommer und Herbst der letzte Schliff an ihrer Autobiografie. Diese Woche das allererste Schneetraining auf der neuen Loipe in der Biathlon-Arena, welches dem Schweizer Weltcupteam ganz neue Perspektiven eröffnet. Und mittendrin, quasi als Auge des Sturms, die heranwachsende Tochter Leila, welche aus der ehrgeizigen und ichbezogenen Spitzensportlerin die soziale und fürsorgliche Mutter werden lässt. Ein ständiger Rollentausch auf höchstem Niveau.

Ein Buch trotz wenig Freizeit

Zu behaupten, der Alltag von Selina Gasparin sei nicht ausgefüllt, wäre verwegen. Wieso schreibt die zweifache Weltcupsiegerin, die nach eigenen Aussagen «eigentlich nie Freizeit» hat, dann noch ein Buch? «Weil es ein Traum von mir war», sagt die 163 cm grosse Powerfrau. Sie hat in ihrem Leben gelernt, ihre Projekte und Träume resolut anzupacken. Um ihr Leben, das sie selber als «bemerkenswert und aussergewöhnlich» beschreibt, geht es auch im Buch, auf das Selina Gasparin «schon ein wenig stolz ist». Es habe alles drin: kleine und persönliche Geschichten, ihr Weg zur erfolgreichen Olympiaathletin und detaillierte Eindrücke aus Training und Wettkampf. «Wer das Buch liest, wird eine Biathlon-Übertragung künftig mit ganz anderen Augen sehen», verspricht die Autorin.

An den Olympischen Spielen in Sotschi holt Selina Gasparin Silber.

An den Olympischen Spielen in Sotschi holt Selina Gasparin Silber.

Dass sich Selina Gasparin diesen Sommer «ziemlich am Limit» bewegt hat, lag nicht nur am Buch und ihrer beruflichen Verpflichtung als Grenzwächterin. Es ist vor allem der Doppelrolle Mutter und Spitzensportlerin geschuldet. Weil sie ein ausgesprochener Familienmensch ist, will sie nirgends Abstriche machen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem russischen Langlaufstar Ilja Tschernoussow, und einer ungarischen Nanny sorgt sie dafür, dass die 20 Monate alte Tochter zu 100 Prozent bei Mutter und Vater aufwachsen kann. «Das braucht viel Planung und Organisation, – und grosse Flexibilität», sagt Gasparin.

Obwohl sich mit der Geburt von Leila viel in ihrem Leben verändert habe, betrachtet sie den Sport «nicht einfach als Nebensache. Ich bin noch immer ehrgeizig: Ein so grosser Aufwand muss sich auch lohnen», sagt Gasparin. Ob da ein Kind nicht in erster Linie ein Hindernis sei, fragen wir leicht provozierend? «Ja», sagt das Aushängeschild der Schweizer Biathletinnen, ohne zu zögern. «Wenn jemand in erster Linie im Sport erfolgreich sein will, dann sollte er kein Kind haben.» Aber als Gesamtpaket stimme es für sie. Leila mache sie glücklich und zufrieden. «Ein Kind gibt dem Leben einen Sinn», sagt die Älteste der drei Gasparin-Schwestern.

Tochter wird abgeschirmt

Ihre Tochter schirmt sie vor der Öffentlichkeit konsequent ab. Es gibt keine Fotos oder Filmaufnahmen von Leila. Auch auf Facebook, wo Selina Gasparin sehr fleissig Beiträge postet, findet man nichts. Ein Tabuthema ist die bald Zweijährige aber keineswegs. Anstatt Bilder gibt es viele Wort über Leila. So erzählt Selina, die selber Deutsch, Italienisch, Rätoromanisch, Englisch und Norwegisch spricht, etwa über die Kommunikation im Hause Gasparin. Sie unterhält sich mit ihrem russischen Ehemann und mit ihrer Tochter auf Deutsch, Ilja hingegen spricht mit Leila Russisch und die Nanny redet mit ihr Ungarisch.

So gut Tochter Leila bereits redet, so stark möchte Mutter Selina diesen Winter im Weltcup auftreten. Ihre Ansprüche sind hoch: regelmässig unter die Top 10 laufen und das eine oder andere Mal auch aufs Podest. Dafür braucht es Konstanz beim Schiessen. Sie sei immer noch am Lernen, sagt die ehemalige Langläuferin. Die optimalen Trainingsbedingungen in der Lenzerheide sollen dafür sorgen, dass es «im Schnitt pro Rennen einen Schiessfehler weniger gibt». Gut getan haben ihr die gemeinsamen Trainings im Sommer mit der finnischen Weltklasse-Athletin und hervorragenden Schützin Kaisa Mäkäräinen. «Im Training mit dem Schweizer Team fehlt mir ein Zugpferd. Deshalb war es für mich wertvoll und auch beruhigend zu sehen, dass auch Kaisa beim Schiessen nur ein Mensch ist», sagt Gasparin. Die Schiessleistungen seien durchaus zu vergleichen gewesen.

Höhepunkt der Saison ist die Weltmeisterschaft Mitte Februar in Hochfilzen. Dort hat Selina Gasparin im Dezember 2013 ihren ersten Weltcupsieg gefeiert. Entsprechend ambitioniert sind ihre WM-Ziele. Und was wäre die Bündnerin ohne einen weiteren Traum? Eine Staffelmedaille gemeinsam mit ihren beiden Schwestern Elisa und Aita bei den Olympischen Spielen 2018 in Südkorea. Wer Selina Gasparin kennt, denkt sich: Wieso nicht?

Buchvernissage: Am Mittwoch, 9. November, findet im Auditorium der Graubündner Kantonalbank in Chur die Vernissage der Autobiografie von Selina Gasparin statt. Der Anlass beginnt um 19.30 Uhr mit einer Lesung der Biathletin. Ab Donnerstag ist das Buch mit dem schlichten Titel «Selina Gasparin» im Buchhandel erhältlich.

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