Leichtathletik
Selina Büchel kann auch auf einer wenig befahrenen Strasse trainieren

Selina Büchel bleibt auch als 800-m-Topathletin dem KTV Bütschwil treu. Dass in einem Dorfverein die Infrastrukturen nicht topmodern und professionell sind, ist klar. Doch für Selina Büchel steht fest: Da will sie nicht weg.

Simon Steiner, Bütschwil
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Selina Büchel bleibt ihrem Stammverein treu.

Selina Büchel bleibt ihrem Stammverein treu.

Keystone

Es ist Punkt sieben Uhr, als das Training beginnt. Auf dem Sportplatz Breite in Bütschwil hat sich ein gutes Dutzend junger Leute im Leichtathletik-Tenü besammelt, wie jeden Montagabend. Auf dem Rasenplatz läuft sich die Gruppe warm, während die Abendsonne sich allmählich über den Hügeln des unteren Toggenburgs senkt.

Eine unspektakuläre Szene, wie sie an so manchem Ort stattfinden könnte. Wäre da nicht dieses Kamerateam, das gerade filmt, wie die Läufer zum Sprint- und Techniktraining übergehen, man würde nicht vermuten, dass in der Gruppe auch eine Weltklasseathletin mittrainiert.

An die Weltspitze katapultiert

Selina Büchel heisst sie, ist 24-jährig und kommt aus dem Nachbardorf Mosnang. Die 800-m-Läuferin gehört zu den Besten ihres Fachs. Im März gewann sie in Prag den Europameistertitel in der Halle. Und Anfang Juli legte Büchel vor 45'000 Zuschauern im Stade de France in Paris die zwei Bahnrunden in 1:57,95 zurück – und verbesserte ihre Bestzeit auf einen Schlag um mehr als zwei Sekunden. Damit pulverisierte die Toggenburgerin nicht nur den alten Schweizer Rekord von Sandra Gasser, sondern stiess auch in die Weltelite vor. Nur drei Athletinnen sind in diesem Jahr schon schneller gelaufen.

Ein Dorf ohne 400-m-Bahn

Mit der Laufgruppe des KTV Bütschwil trainiert Selina Büchel vier Mal pro Woche. Weitere acht Einheiten absolviert sie allein. «Ich könnte mir kein besseres Umfeld wünschen», sagt sie. Mit 15 wechselte sie von der Läuferriege Mosnang zur Trainingsgruppe von Marlis und Urs Göldi, welche die Athletin mit einem behutsamen Aufbau schrittweise zur Spitze geführt haben.

Einige starke männliche Junioren sorgen dafür, dass Büchel sich im Training mit fast ebenbürtigen Sparringpartnern messen kann. Da lässt es sich auch verkraften, dass es in Bütschwil keine 400-m-Bahn gibt. Einmal wöchentlich weicht die Gruppe dafür in die nächstgrösseren Orte aus: im Sommer nach Wil und im Winter in die Halle nach St. Gallen. Und manchmal findet dann halt ein Training in Bütschwil auf einer wenig befahrenen Strasse statt.

Dass die Trainingszeiten so nicht immer vergleichbar sind, stört Büchel nicht. «Das Wichtigste ist, dass ich ein gutes Gefühl habe», sagt die Athletin, die ihren Weg äusserst diszipliniert verfolgt. «Selina ist sehr konsequent», sagt Urs Göldi. «Was auf dem Trainingsplan steht, das setzt sie auch um – egal, ob es um einen Dauerlauf oder um Kraft- oder Stabilitätsübungen geht.»

Gleichzeitig hat Büchel ein feines Gespür dafür entwickelt, wann sie bremsen muss. «Sie merkt sehr genau, wenn ihr Körper im Training irgendwo an eine Grenze stösst», sagt Marlis Göldi.

Kämpferin bis zum Äussersten

Dabei zeichnet sich Büchel in den Wettkämpfen gerade dadurch aus, bis zur Ziellinie das Letzte aus sich herausholen zu können. «Die Kampfkraft auf den letzten Metern ist wohl ihre grösste Stärke», sagt Urs Göldi. Vom riesigen Leistungssprung seines Schützlings in dieser Saison ist auch er überrascht: «Wir haben damit gerechnet, dass Selina die 2-Minuten-Grenze knacken würde. Dass sie das gleich so deutlich schaffte, hat auch uns überrascht.»

Wird die Weltklasseathletin nun den Dorfverein in Bütschwil verlassen und sich im Hinblick auf die Olympischen Spiele vom kommenden Jahr einem grösseren Verein anschliessen? «Ich wäre ja dumm, wenn ich das tun würde», sagt Büchel. «Dieses Umfeld war es doch, das mich so weit gebracht hatte.» Auch ihre 30-Prozent-Stelle als Raumplanungszeichnerin, die sich in Jahresarbeitszeit flexibel erfüllt, möchte sie weiterführen. «Das ist ein guter Ausgleich zum Sport.»

Im Sommer lebt Büchel aber für einige Wochen als Leichtathletik-Profi. Nach einer intensiven Wettkampf-Phase im Juli mit fünf Rennen in drei Wochen befindet sie sich jetzt nochmals in einem Trainingsblock vor dem Saisonhöhepunkt: Am Montag reist Büchel mit dem Nationalteam zur WM nach Peking. Vom Sportplatz Breite in Bütschwil ins Olympiastadion der Millionen-Metropole.