Vor exakt acht Wochen, am Tag nach der 1:2-Niederlage von Leicester City im Champions-League-Achtelfinale beim FC Sevilla, verlor der Fussball auf der Insel seine Seele. Das sah zumindest der gemeinhin seriöse Independent so. Den Rausschmiss von Meister-Trainer Claudio Ranieri verurteilte die Zeitung als «abscheuliches Verbrechen», das den Anhang der Foxes in «grenzenlose Traurigkeit» gestürzt habe.

Die Trennung von Claudio Ranieri ärgerte «The Independent.»

Die Trennung von Claudio Ranieri ärgerte «The Independent.»

Nun ja. Sechs Siege in sieben Partien, darunter ein 2:0 im Rückspiel gegen Sevilla, unter Ranieris Nachfolger Craig Shakespeare, haben in der Zwischenzeit dafür gesorgt, dass sich die Traurigkeit doch eher in Grenzen hält. Leicester steht nach düsteren Monaten im Tabellenkeller nun wieder im gesicherten Mittelfeld und spielt seit der Demission des Italieners wieder ähnlich gut wie in der sensationellen Vorsaison.

«Sie sind ein bisschen wie wir», sagte Atlético Madrids Stürmerstar Antoine Griezman vor dem Viertelfinal-Hinspiel im Vicente Calderon heute Abend. Soll heissen: kompromisslos in der Abwehr gefährlich bei Kontern.«Sie haben denselben Teamspirit», warnte der Franzose.

Ranieri glaubt an Verschwörung

Dass es richtig war, Ranieri zu entlassen, bezweifelt mittlerweile aber nur noch einer in England: Ranieri selbst. Der 65-Jährige erklärte am Montagabend in seinem ersten Fernsehauftritt seit seinem unfreiwilligen Abschied, die Wende sei schon mit seiner letzten Partie im Amt, dem Match in Sevilla eingetreten. «Alle haben wieder zusammen gekämpft und Jamie Vardy hat wieder getroffen», so der Römer.

Jamie Vardys Erfolg gegen Sevilla zeigte für Ranieri, dass die Wende bereits angebrochen gewesen war.

Jamie Vardys Erfolg gegen Sevilla zeigte für Ranieri, dass die Wende bereits angebrochen gewesen war.

Er widersprach auch der gängigen Version der Geschichte, wonach sich der Spielerrat für eine Veränderung auf der Trainerbank stark gemacht hätte. «Ich kann nicht glauben, dass meine Spieler mich gekillt haben. Nein, nein, nein», insistierte Ranieri und deutete an, dass sein Assistent Shakespeare gegen ihn intrigiert habe: «Vielleicht ist mir jemand in den Rücken gefallen. Ich hatte schon letztes Jahr ein kleines Problem. Vielleicht haben diese Leute es noch ein bisschen mehr versucht, weil wir am Anfang einige Spiele verloren haben.»

Ranieri erwies seinen ehemaligen Schützlingen mit dieser Darstellung einen letzten, grossen Dienst. Kurz nach seinen Rauswurf waren viele Helden des Vorjahres, allen voran Nationalstürmer Vardy und der algerische Flügelstürmer Riyad Mahrez, beim Publikum in Ungnade gefallen; sie wurden als undankbare Egoisten angefeindet. Den Schwarzen Peter für das «Ende des Traumes» hat aber jetzt hochoffiziell Shakespeare inne; ein abgebrühter Mitt-Fünfziger, den das keine Sekunde rührt. Er coacht zum ersten Mal in leitender Funktion auf diesem Niveau und hat ganz einfach die Uhr zurück gedreht. Leicester spielt wieder jenen schnörkellosen Umschalt-Fussball, der 2015/16 unerwarteten Erfolg brachte.

Craig Shakespeare hat dem Team neuen Schwung verliehen.

Craig Shakespeare hat dem Team neuen Schwung verliehen.

Team und Trainer haben in der spanischen Hauptstadt nichts zu verlieren, als krasser Aussenseiter können sie kaum etwas falsch machen. «Vor was sollten wir Angst haben», fragt Torhüter Kasper Schmeichel, «was kann schon passieren? Bei uns haben alle ihr ganzes Leben darauf gehofft, in der Champions-League zu spielen.» Leicester, das sagt auch Stürmer Leonardo Ulloa, will sich von der eigenen Historie beflügeln lassen. Wer Meister in England werden kann, kann es auch mit den Granden auf dem europäischen Festland aufnehmen, so der Argentinier: «Wir glauben an uns, mit dieser Mentalität haben wir die Premier League gewonnen. Wenn wir nicht daran glauben würden, dass wir auch die Champions League gewinnen können, bräuchten wir gegen Atlético gar nicht erst anzutreten.»