Seit Stunden schon debattieren die fünf Richter darüber, ob die Dopingbekämpfung in der Schweiz nun eine detaillierte Leistungsvereinbarung zwischen Staat und Stiftung darstellt oder ob es sich bei den jährlich 2,7 Mio. Franken Bundesgelder um eine Subvention handelt. Gilt Letzteres, ist Antidoping Schweiz von der Mehrwertsteuer befreit.

Die Richter sind sich uneinig. Zwei sehen es als Subvention, zwei als Leistungsvertrag. Der Fünfte sagt: «Ich kann mich nicht entscheiden.» Entsprechend gross ist die Spannung im wunderbaren Gerichtssaal. Ein Spektakel, als sitze man mittendrin im Sportstadion. Und wie in einer guten Playoff-Begegnung im Eishockey wechselt das Momentum öfter die Seiten. Mit allen Konsequenzen für den mitleidenden Matthias Kamber auf den Besucherrängen.

Kambers letzter Kampf

Die Richter werfen sich gegenseitig die Argumente zu wie Hockeyspieler den Fehdehandschuh. Ihre Argumente gipfelnje länger, desto mehr in Spitzfindigkeitenüber das Wesen der Dopingbekämpfung – in den inhaltlichen Ausführungen nicht immer ganz stringent. Kamber stünde für die eine oder andere Präzisierung noch so gerne zur Verfügung. Aber der Berner darf sich nicht äussern und wird auch nicht gefragt.

Es ist Kambers letzter Kampf nach 30 Jahren an der Front der Schweizer Dopingbekämpfung. Seit dem 1. April ist der Berner offiziell nicht mehr im Amt, die Reise ans Bundesgericht so etwas wie seine Abschiedsvorstellung. Und sinngemäss geht es dabei um Geld. Um viel Geld. Ein Thema, das den gelernten Chemiker seit Jahren begleitet. Obwohl die Analytik von Dopingkontrollen zuletzt grosse Fortschritte gemacht hat und Testverfahren gleichwohl präziser wie dadurch teurer geworden sind, steht Kamber seit 2010 gleich viel – er würde sagen gleich wenig – Geld zur Verfügung.

Ob von diesem Budget in der Höhe von 4,8 Millionen zusätzlich gut 140 000 Franken für die Mehrwertsteuer wegfallen, wie in den vergangenen fünf Jahren so gehandhabt, ist also durchaus ein Faktor. Kamber hat als Direktor bewiesen, dass er sein Budget sinnvoll einsetzt – etwa in verschiedene Forschungs- und Präventionsprojekte. «Matthias Kamber war mit seinen Ideen stets visionär. Er dachte weiter als die meisten anderen in unserem Metier», sagt Wissenschafter Hans Geyer vom Dopinglabor Köln mit grossem Respekt. Verschiedene Nachweismethoden gehen auf den Schweizer zurück. Die heutigen Kontrollbehälter von der Firma Berlinger entsprangen seiner Initiative. Und auch bei der Idee des Blutpasses für Athleten spielte Kamber eine wichtige Rolle.

Positive Fälle als Höhepunkte

Wo sieht der 63-Jährige selbst die Höhepunkte seiner langjährigen Arbeit? «Immer nach einem positiven Fall bewegte sich etwas», sagt er. «Als die Leichtathletin Sandra Gasser 1987 überführt wurde, entstand ein neues Dopingstatut. Nach dem Tour-de-FranceSkandal 1998 wurden unsere Kontrollen professionalisiert.» Auch die Unterzeichnung der Unesco-Konvention gegen Doping, die Gründung von Antidoping Schweiz im Jahr 2008 sowie das Bundesgesetz zur Sportförderung, in dem die Dopingbekämpfung explizit erwähnt wird, gehören zu Kambers Sternstunden.

Selbstverständlich braucht ein Dopingexperte bisweilen auch eine dicke Haut. Etwa wenn er von Athleten oder Verbänden für seine Kontrolltätigkeit kritisiert wird, wenn der Schweizer Pioniergeist international nicht gefragt ist oder wenn er selber beschuldigt wird, in seinen Anfangszeiten im Magglinger Labor Doping vertuscht zu haben. «Ich habe ein reines Gewissen», sagt Kamber.

Die grössten Enttäuschungen bereiteten ihm ausgerechnet die Grossen des Sports. Sei es Lance Armstrong, der nach dem Radskandal 1998 zuerst als Hoffnungsträger gehypt wurde. Sei es der Sport in Russland, der so schamlos nach System betrug. Oder seien es die mächtigen Organisationen wie IOC oder Wada, die für Kamber oft unverständlich und inkonsequent auf Herausforderungen reagieren.

Die Bundesrichter machen es am Freitag ein letztes Mal nervenaufreibendspannend. Die Abstimmung endet hauchdünn mit 3:2 . . . im Sinne Kambers. Quasi ein Urteil anstelle von Pralinen als Abschiedsgeschenk. Matthias Kamber hat auch das gemundet.