Rio 2016
Seifenoper im Maracana: mit Neymar in der Hauptrolle

Brasilien ist Olympiasieger. Die Dramatik des Finals gegen Deutschland hätte auch aus der Feder eines Drehbuchautoren stammen können. Mit dem Gold-Helden Neymar

Marcel Kuchta
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Der Moment des Triumphs: Neymars Erlösung nach seinem entscheidenden Elfmeter.keystone

Der Moment des Triumphs: Neymars Erlösung nach seinem entscheidenden Elfmeter.keystone

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Brasilien ist das Land der Seifenopern. Oder besser gesagt der Telenovelas. Über Jahre hinweg werden seichte Geschichten am TV erzählt. Die Leute mögen es. In diesem Land, in dem der Fernseher dauernd läuft, ist das schon fast ein Kulturgut. Genauso wie der Fussball, welcher der Bevölkerung zuletzt aber nur noch Sorgen und kaum mehr Freude bereitet hat. Wie in einer dieser Telenovelas, in welcher der Liebling der Massen auf die schiefe Bahn gerät und plötzlich nicht mehr so geliebt werden kann wie sonst. Man wartet dann sehnsüchtig auf die Episode, in welcher alles wieder gut wird. Am Samstagabend wurde im Maracanã-Stadion alles wieder gut. Zumindest ein wenig.

Zum Verzweifeln: Superstar Neymar kommt mit Brasilien nicht auf Touren
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Neymar sorgte für das frühe 1:0
Zwei Doppel-Torschützen: Neymar (li.) und Gabriel Jesus erzielten im Halbfinal gegen Honduras jeweils zwei Treffer zum 6:0-Sieg
Neymar nach dem Halbfinalsieg in Rio
Neymar
Neymar jr
Captain der brasilianischen Olympia-Auswahl: Neymar.keystone
Neymar führte Brasilien zu Olympia-Gold
Neymar

Zum Verzweifeln: Superstar Neymar kommt mit Brasilien nicht auf Touren

KEYSTONE/AP/ERALDO PERES

Dass der Hauptdarsteller Neymar heissen musste, passte in dieses kitschige Setting, für welches man jeden Hollywood-Drehbuchschreiber mit Verachtung strafen würde. Erst fabrizierte der Superstar ein wunderbares Freistosstor zur 1:0-Führung der Brasilianer. Und dann, als es im Penaltyschiessen um alles oder nichts ging, da hatte er seinen zweiten grossen Auftritt.

Heidi Diethelm zielt – schiesst – und trifft. Die 47-jährige Kauffrau begann erst 2003 mit dem Schiessen. Fünf Jahre später stieg sie bereits ins Nationalkader ein.
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Mit ihrer Bronzemedaille im Sportpistole 25 Meter brach sie schon am vierten Tag den Edelmetall-Fluch für die Schweiz. Sie gewann 2014 sowohl die Schweizer- als auch den Weltcup mit der Sportpistole. Ausserdem 2013 die Europameisterschaften.
Nur ein Tag später tritt Fabian Canellara zu seinem letzten Rennen an. Der 35-Jährige gewann bereits 2008 die Olympische Goldmedaille im Zeitfahren – und war von 2006 bis 2010 vier Mal Weltmeister im Zeitfahren.
Er überzeugt vollkommen und beschert der Schweiz Olympia-Gold. Zwischen Ihm und dem Zweitplatzierten, Tom Dumoulin, lagen stolze 47 Sekunden.
Der Schweizer Leichtgewichts-Vierer rudert sich tags darauf zu einer weiteren Gold-Medaille. Noch vor vier Jahren, an den Olympischen Spielen in London, lag das Ruderteam lediglich auf Platz fünf.
Lucas Tramèr, Mario Gyr, Simon Schürch und Simon Niepmann holen damit die dritte Medaille für die Schweiz. Für den Schweizerischen Ruderverband ist es jedoch bereits die siebte Goldene die sie von den Olympischen Spielen mit nach Hause nehmen kann.
Trotz des frühen Out von Timea Bacsinsky im Einzel, zeigte sie im Doppel, zusammen mit Martina Hingis, eine solide Leistung. Nachdem Hingis ursprünglich mit Bencic im Doppel und mit Roger Federer im Mixed antreten hätte sollen – beide aber verletzungsbedingt Forfait gaben – Bacsinsky rückte als Doppel-Partnerin nach.
Auch wenn sie sich im Finale gegen Russland geschlagen geben müssen, so bleibt ihnen trotzdem eine Silbermedaille für die Schweiz. Hingis gewann in ihrer langen Karriere, abgesehen vom French Open im Einzel, jedes der vier Grand Slam-Turniere – sowohl im Einzel, im Doppel als auch im Mixed. Für Bacsinsky ist der zweite Platz an den Olympischen Spielen der bisherige Karriere-Höhepunkt.
Turn-Sternchen Giulia Steingruber qualifiziert sich gleich für drei Finals. Bei ihrer Paradedisziplin, dem Sprung, springt sie auf den Schweizer Turnolymp. Nachdem sie bereits zwei Europameister-Titel an der heimischen Meisterschaft in Bern holte – am Sprung und am Boden – waren die Erwartungen an Steingruber hoch.
Sie holt das erste Olympia-Edelmetall im Turnen seit 1996 – und ist die erste Turnerin, welche an den Olympischen Spielen eine Medaille gewinnt. Die Turnerin durfte bereits bei den Eröffnungsspielen die Schweizer Fahne tragen und zeigte, abgesehen von zwei Stürzen am Sprung, eine sehr solide Leistung an den Olympischen Spielen in Rio.
In Rio musste sich Nicola Spirig nur gegen die US-Amerikanerin Gwen Jorgensen geschlagen geben. Ihren ersten Titel gewann die Zürcherin bereits 1999: Sie gewann die ETU Europameisterschaft in Portugal. Ausserdem gewann Spirig 2001 den Junioren-Weltmeistertitel sowie 2003 den U23-Weltmeistertitel. Von 2009 bis 2015 wurde sie nochmals fünf Mal Europameisterin.
Sie konnte zwar nicht an die Leistungen aus London 2012 anknüpfen, dort gewann sie Gold, zeigte trotz allem eine herausragende Leistung. Mitstreiterin Jolanda Annen erreichte einen starken 14. Rang.
Schon vor dem Rennen wurde bekannt gegeben, dass Mountainbiker Nino Schurter die Schweizer Fahne an der Schlussfeier tragen wird. Doch nicht nur deswegen hatte er Grund zu Jubeln.
Nach Bronze 2008 in Peking, Silber 2012 in London, was fehlte da? Richtig. Gold in Rio! Die Schweiz hat somit an den Olympischen Spielen in Rio drei Mal Gold, zwei Mal Silber und zwei Mal Bronzemedaillen gewonnen.

Heidi Diethelm zielt – schiesst – und trifft. Die 47-jährige Kauffrau begann erst 2003 mit dem Schiessen. Fünf Jahre später stieg sie bereits ins Nationalkader ein.

KEYSTONE/AP/EUGENE HOSHIKO

Mit seinen über die Knie hochgezogenen Stulpen nahm er Anlauf. Schuss, Tor. Brasilien ist Olympiasieger! Neymar geht in die Knie, hält die Hände vors Gesicht. Wird sofort von seinen jubelnden Teamkollegen erdrückt. Als sich der Spielerknäuel wieder auflöst, liegt der grosse Hoffnungsträger der Olympia-Seleçao flach am Boden. Er wird von Weinkrämpfen geschüttelt. Ist unfähig, zu jubeln. Das ist der Moment, wenn die ganze Last von den Schultern abfällt. Der Erwartungsdruck von 200 Millionen Einwohnern, die nichts anderes als die Goldmedaille akzeptiert hätten. Wie sehr ihn dieser Druck belastet hat, zeigte Neymar nach dem Spiel, als er verlauten liess, dass er als Captain der Seleçao zurücktreten werde: «Danke Gott für diesen glücklichen Moment. Aber jetzt muss ich etwas loswerden: Ich habe entschieden, nicht mehr Captain des Nationalteams zu sein.»

Revanche geglückt

Klar, die Liebe war seit dem Desaster von Belo Horizonte erkaltet. Seit diesem 1:7 im WM-Halbfinal gegen Deutschland. Und auf dem Feld stand auch nicht die «richtige» Nationalmannschaft, sondern nur eine verstärkte U23-Auswahl. Und doch kamen sie urplötzlich wieder zurück.

Die Begeisterung, die Emotionen, die Hingabe für die gelb-blaue Fussball-Auswahl. Die Hymne wurde inbrünstig mitgesungen, vor dem Spiel und später bei der Siegerehrung noch viel mehr. Leichtathletik-Superstar Usain Bolt erschien auf der Tribüne und drückte dem Heimteam im Kreise der Neymar-Familie die Daumen. Fussball-Gott Pelé, der sich bei der Olympia-Eröffnungsfeier vor etwas mehr als zwei Wochen noch kurzfristig abgemeldet hatte, kam ebenfalls zur Unterstützung der Seleçao in den Fussball-Tempel und flehte die Fussball-Götter an: «Möge Gott unser Land segnen.» Die höheren Mächte erhörten seinen Wunsch. Die Telenovela hatte ihren kitschigen Höhepunkt erreicht. Zumal nicht nur der Liebling sein sehnsüchtig erwartetes Comeback gegeben hatte, sondern mit Deutschland auch gleich noch der Bösewicht besiegt wurde.

Die Wortmeldung des «Bösen»

Apropos Bösewicht: In der Stunde des Triumphs fühlte sich auch der aktuelle politische «Bad boy» Brasiliens, Interims-Staatspräsident Michel Temer, bemüssigt, sich zu äussern: «Ein historischer Moment», twitterte er kurz nach Abpfiff und fügte pathetisch an: «Es ist die Stunde gekommen, um uns mit der Grösse unseres Brasiliens wieder aufzurichten.» Olympia-Sieg hin oder her: Spätestens dann, wenn die Leute heute Montag im nach-olympischen Alltag angekommen sind, werden sie sich der vielen aktuellen Probleme des Landes wieder bewusst sein.

Das ist die Schattenseite der realen Seifenoper, in welcher der korrupte Temer sowie seine politischen Mitstreiter und Kontrahenten die Hauptrollen spielen. Daran kann auch Neymar nichts ändern.