Beginnen wir mit einem Blick zurück. Es ist der 13. Oktober 2012, die Schweiz spielt in der WM-Qualifikation 1:1 gegen Norwegen. Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld ist sauer. Er zeigt den Mittelfinger. Wem? «Mir selbst!», erklärt er am Tag danach den verdutzten Medien.

Gestern Abend kurz vor 19 Uhr. Haris Seferovic tritt vor die Kameras. Er muss seine rote Karte wegen Schiedsrichterbeleidigung kurz vor Spielende erklären. «Ich habe über mich selbst geflucht», beginnt er. «Ich sprach nach dem Spiel mit dem Schiedsrichter. Ich habe mich entschuldigt. Und auch er hat sich entschuldigt, weil er nicht wusste, dass meine Worte nicht gegen ihn gerichtet waren.» Haris Seferovic wie einst der grosse Ottmar Hitzfeld.

Dennoch: Die rote Karte hat Folgen. Die Schweiz verliert das Spiel gegen Belgien noch 1:2. Das ist zu verschmerzen. Lieber gegen Belgien ein spätes Gegentor als an der EM. Aber Seferovic wird gesperrt werden. Wie lange, das hängt vom Rapport des italienischen Schiedsrichters Mazzoleni ab. Schenkt er Seferovics Erklärung Glauben, so würde dieser im Optimalfall nur das Freundschaftsspiel gegen Moldawien nächsten Freitag verpassen. Aber die Gefahr besteht, dass Seferovic länger aussetzen muss – und die Sperre damit in die Europameisterschaft hineinträgt.

Strafe für eine ganze Generation

Nationaltrainer Vladimir Petkovic fand für die Aktion von Seferovic deutliche Worte. «Mit so einer Dummheit kann man nicht nur ein einzelnes Spiel verlieren, sondern ein ganzes Turnier beeinflussen – und damit eine ganze Generation um den verdienten Lohn bringen.» Als mögliche Erklärung erwähnte Petkovic die vergangene Woche mit den Spielen in der BundesligaBarrage. «Vielleicht war er deswegen noch etwas aufgewühlt.»

Trotzdem, Petkovic war (zu Recht) weit weg davon, Verständnis zu zeigen. Und liess durchblicken, dass Seferovic wohl ziemlich viel Glück hatte, dass dieses Schweizer Team kaum über Alternativen im Sturm verfügt.

Starke erste Halbzeit

Das Spiel gegen Belgien war eine klare Steigerung verglichen mit den jüngsten Darbietungen im März. Und für einmal darf man auch ein wenig über das Resultat hinwegsehen. Vorab in der ersten Hälfte überzeugten die Schweizer mit schnellem Umschaltspiel und guten Kombinationen über die Seiten. Ein Unentschieden wäre am Ende der verdiente Lohn gewesen.

Dass es um mehr als nur das Resultat ging, liessen auch die Spieler in ihrer Aufarbeitung des Nachmittags durchblicken. «Wir haben das Volk wieder hinter uns gekriegt», sagt Blerim Dzemaili, «wir werden nun als gestärkte Einheit an die EM reisen.» Dzemaili war es, der die Schweizer Führung erzielte. Das tut ihm gut, nach all den verpassten Chancen zuletzt.

Shaqiri zeigte mehr Lust als zuletzt, aber auch wieder viel Lust am Reklamieren. Xhaka war ein souveräner Spielgestalter. Behrami eroberte gewohnt viele Bälle. Djourou war bei seiner Rückkehr solid. Torhüter Sommer gar hervorragend.

Bei allem, was gut war: Es gab auch Mängel im Schweizer Verbund. In einigen Phasen gingen zu viele leichte Bälle verloren. Mehmedi fehlte das Vertrauen. Derdiyok die Bindung zum Spiel (vielleicht auch wegen seines erlittenen Ellbogenschlags). Und in manchen Situationen gerät die Schweizer Abwehr zu schnell ins Straucheln. Senderos sah beim 1:1 durch Lukaku schlecht aus. Er dürfte den Sprung ins 23-Mann-Kader wie Widmer und Zakaria verpassen.

Dem jungen YB-Spieler würden die Erfahrungen an der EM in Frankreich jedoch guttun. Er wird bald einmal eine wichtige Rolle spielen im Nationalteam. Und Lang, der gut mit Shaqiri harmonierte, wäre gewiss ein solider Ersatz für beide Aussenverteidiger.

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