Underdogs wie Island, Ungarn, Wales und Nordirland machen den Arrivierten deutlich Feuer und spielen im Konzert der Grossen mit. Den Mangel an Technik machen sie mit Einsatz und Leidenschaft wett. Den Aufstand der Kleinen verdanken wir aber nicht nur dem neuen Modus.

Europas Fussball ist definitiv näher zusammengerückt. Weil kein Team in Rückstand geraten will, heisst das Gebot: Vorsicht. «Für die Teams, die zum ersten Mal dabei sind, ist es das Turnier ihres Lebens. Sie werfen alles rein, verteidigen und wollen dann den einen Konter nutzen», erklärt der deutsche Bundestrainer Jogi Löw das Phänomen.

Schon jetzt steht fest, dass ein Team am 10. Juli in St. Denis EM-Finalpremiere feiern wird, da sich Spanien, Deutschland, Italien, Frankreich und England vorher gegenseitig eliminieren. Ausserdem haben sich die folgenden Trends herauskristallisiert.

Zweikämpfe statt Ballbesitz

Die Zeiten, in denen sich die Sieger an den Ballbesitzzahlen ablesen liessen, sind vorbei. Nur elfmal gewann am Ende das Team mit mehr Ballbesitz. Island und Nordirland stehen mit weniger als 35% am Ende der Ballbesitztabelle, qualifizierten sich aber für den Achtelfinal. Die Ukraine (56%) und Russland (54%) sind trotz überdurchschnittlich viel Ballbesitz ausgeschieden.

Viel Ballbesitz, aber trotzdem kein Erfolg: die Ukraine.

Viel Ballbesitz, aber trotzdem kein Erfolg: die Ukraine.

Ähnlich sieht es mit der absolvierten Laufdistanz aus. Nur zwölf Mal gewann das Team, das mehr Kilometer abgespult hat. Elementarer Siegfaktor sind dagegen die gewonnenen Zweikämpfe. Das Team, welches mehr Bälle eroberte, gewann zu 72% auch das Spiel.

Wenig Tore – späte Tore

Nur 69 Tore in 36 Spielen, 1,9 pro Partie, sprechen eine deutliche Sprache. Die EM steht im Fokus der Taktik und des Abwartens. In den letzten beiden Ausgaben fielen pro Spiel noch deutlich mehr Tore (2008: 2,3 und 2012: 2,5). Auch wird vermehrt – in 11 von 36 Partien – unentschieden gespielt. Die Mannschaften geben sich oft mit der Punkteteilung zufrieden. Weil auch der Gruppendritte gute Chancen hat, weiterzukommen, ist ein Punkt deutlich mehr wert. Besonders wichtig ist das 1:0.

Kroatien drehte das Spiel gegen Spanien noch.

Kroatien drehte das Spiel gegen Spanien noch.



23-mal ging der Schütze des ersten Treffers als Sieger vom Feld. England (gegen Wales) und Kroatien (gegen Spanien) waren die einzigen Teams, die ein Spiel nach Rückstand drehen konnten. Wenn, dann fallen die Tore spät. «Hinten wird die Ente fett», betont ein Sprichwort die Tatsache, dass Spiele erst am Schluss entschieden werden.
Fabian Schär trifft gegen Albanien zum 1:0.

Fabian Schär trifft gegen Albanien zum 1:0.

20 Treffer in der Schlussviertelstunde plus Nachspielzeit sind ebenso rekordverdächtig, wie die wenigen Tore (11) in der ersten halben Stunde. Mit dem schnellsten EM-Tor, dem 1:0 gegen Albanien (5.), schwimmt Fabian Schär gegen den Strom.

Standards als Türöffner

«Wenn es aus dem Spiel heraus nicht klappt, muss halt ein Standard her.» Diese alte Fussballerfloskel, die eigentlich mit einer Zahlung ins Phrasenschwein gebüsst werden müsste, hat sich an der Euro bislang bewahrheitet. 18 Standardtore – jeder vierte Treffer entsteht aus einem ruhenden Ball – sind zwar keine Aussergewöhnlichkeit, doch dass in elf der 36 Partien ein Standard zum richtungsweisenden 1:0 führt, macht die Wichtigkeit der Ecken, Freistösse und Elfmeter für den Ausgang der meist engen Partien deutlich. Seit Island an der EM mitspielt, sind zudem auch die flankenartigen Einwurfgeschosse der Marke Gunnarsson wie gegen Österreich ein probates Mittel, um nach einem Standard zu treffen.

Die Joker stechen

Englands Cheftrainer Roy Hodgson wechselte beim 2:1 Sieg gegen Wales den Sieg ein. Seine beiden Joker Vardy und Sturridge dankten ihm mit je einem Treffer für die Einwechslung. Doch nicht nur der englische Coach beweist bei den Wechseln ein goldenes Händchen. Insgesamt 14 Tore durch Joker sind nicht nur bemerkenswert, sondern in mehreren Fällen auch spielentscheidend.

Roy Hodgson hatte mit seinen Wechseln ein gutes Händchen.

Roy Hodgson hatte mit seinen Wechseln ein gutes Händchen.

Neben Sturridge schossen der Pole Blaszczykowski (1:0 gegen die Ukraine), der Isländer Traustason (2:1 gegen Österreich), der Waliser Robson-Kanu (2:1 gegen die Slowakei) und der Franzose Griezmann (1:0 gegen Albanien) ihre Equipen mit Jokertoren zum Sieg.

Rechenspiele

Wieso finden die letzten Gruppenspiele parallel statt? Richtig, damit kein Team den Nachteil hat, zuerst spielen zu müssen. Die Teams sollen sich nicht an den Resultaten der Gruppengegner orientieren können. Nun funktioniert diese Präambel der Uefa nicht mehr, wenn sich aufgrund des neuen Modus zusätzlich vier Gruppendritte für den Achtelfinal qualifizieren.

So wusste beispielsweise Portugal genau, dass ein Punkt im letzten Spiel gegen Ungarn reicht, um sich zu qualifizieren. Ähnliche Rechenspiele wurden von Belgiern, Isländern und Nordiren genutzt. Albanien – aus der früher spielenden Gruppe A – hatte diese Möglichkeiten nicht.

Portugal wusste bereits vor Anpfiff, dass ein Unentschieden für die Achtelfinal-Qualifikation reichen würde.

Portugal wusste bereits vor Anpfiff, dass ein Unentschieden für die Achtelfinal-Qualifikation reichen würde.



Hätte der albanische Trainer De Biasi gewusst, dass seiner Truppe nur zwei Treffer für den Achtelfinal fehlen, hätte er vermutlich gegen Rumänien offensiver gewechselt und sich nicht auf das Verteidigen des 1:0 beschränkt. Festzuhalten bleibt, dass der neue Modus in den letzten Tagen für so manche knifflige Rechnerei gesorgt hat.

Nerven vom Punkt

Verteidiger sollten keine Penaltys schiessen. Sowohl der Spanier Ramos als auch der Österreicher Dragovic scheiterten vom Punkt. Weil auch Cristiano Ronaldo gegen Österreich nur den Pfosten traf, wurden bislang nur vier von sieben Elfmetern verwandelt. Keine gute Quote.